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Elternbildung

Herzenswarm – wie man Empathie lernt

Die Welt scheint immer kälter zu werden. Umso wichtiger ist es gerade jetzt, Kindern Empathie gegenüber anderen mitzugeben. Wie lässt sich dieses Mitgefühl beibringen?
Text: Julia Meyer-Hermann
Bilder: Carla Kogelman / De Beeldunie
Vor Kurzem hörte ich meine Tochter Fanny in ihrem Zimmer leise weinen. Schon beim Abendessen war sie auffällig ruhig gewesen, hatte aber auf meine Fragen nur brüsk «Es ist nichts!» geantwortet. Als ich den Kopf durch die geöffnete Tür hineinsteckte, sah ich meine Neun­jährige auf ihrem Bett sitzen. Ihre Augen waren leicht gerötet, die Nase zog sie immer wieder lautstark hoch. «Ich schäme mich so», schluchzte sie. «Ich habe heute ganz laut über Nina gelacht.» Dann erzählte sie, dass sie in der Nachmittagsbetreu­ung über Kästen gesprungen seien. Nina habe es als Einzige nicht ge­schafft. «Sie ist ja nicht so sportlich, weil sie so dick ist», sagte Fanny. Es habe wahnsinnig komisch ausgese­hen, wie Nina einfach auf dem Kas­ten liegen geblieben sei. Einer habe gerufen: «Wie ein Sack!» Ein paar Kinder hätten gekichert, Fanny auch. «Ich habe erst aufgehört, als ich gesehen habe, dass Nina beinahe geweint hätte», flüsterte meine Tochter und warf sich in meine Arme.

Mir stiegen ebenfalls Tränen in die Augen. Ich litt mit meiner Toch­ter. Ich schämte mich für sie. Und ich konnte auch den Kummer des anderen Mädchens fühlen. «Was ist, Mama?», wollte meine Tochter wis­sen, die natürlich merkte, wie mit­ genommen ich war. «Bist du mir böse?» War ich das? «Ich finde nicht gut, dass du gelacht hast», sagte ich. «Aber es ist gut, dass du jetzt ver­stehst, wie es deiner Freundin ging.»

Und dann erzählte ich meiner Tochter von einer Spezialeigenschaft unseres Gehirns, die mich seit je fas­ziniert. Von dieser Fähigkeit, empa­thisch mitzuerleben, also tatsächlich zu empfinden, was einem anderen Menschen gerade widerfährt. «Lä­gen wir beide jetzt in einer Maschi­ne, mit der man in unseren Kopf sehen kann, dann würden bei uns im Gehirn die gleichen Punkte leuchten», sagte ich. «Läge ich mit Nina jetzt in so einer Gehirndurchleuchtungsmaschine, wäre das auch so», schlussfolgerte Fanny. Weil sie den Kummer ihrer Freundin auch fühlen würde – so als wäre es ihr eigener. «Krass!», fasste meine Toch­ter zusammen. Und so sehr mir die­ses Wort manchmal missfällt, so passend fand ich es diesmal.
Zentral ist, dass Kinder verstehen, wie es ihren Freunden geht.
Zentral ist, dass Kinder verstehen, wie es ihren Freunden geht.

Empathische Zivilisation nötig

Empathie stammt ab vom griechi­schen Wort «empatheia»: «em» bedeutet «hinein», «pathos» heisst «Leiden». Die Zusammensetzung beschreibt das Hineinfühlen in die Gemütszustände anderer. Früher dachte man, dass Menschen nur auf­grund ihrer Lebenserfahrung ratio­nal erfassen können, wie ihr Gegen­über sich fühlt. Dann entdeckten Neurologen Mitte der Neunzigerjah­re, dass bestimmte Zellen im Gehirn, die sogenannten «Spiegelzellen», das Erleben und die Emotionen von anderen widerspiegeln. Das gilt nicht nur für offensichtliche Zustände wie Trauer, Zorn oder Ekel, sondern sogar für weniger deutliche Regun­gen wie Verlegenheit oder Einsamkeit.
Es ist die Empathie, die uns überhaupt zu sozialen Wesen macht.
Seitdem klar ist, dass es nicht um vermeintliche Gefühlsduselei geht, sondern um messbare Vorgänge, wollen Neurologen, Biologen, Psy­chologen und Pädagogen erkunden, wie Empathie entsteht: Woher kennt der Körper bestimmte Sachverhalte, bevor sie angesprochen werden? Wie funktioniert diese Verbindung zwischen zwei Menschen, die über eine rein rationale Ebene hinaus­ geht?

Alle sind sich einig: Es ist die Empathie, die uns überhaupt zu sozialen Wesen macht. Der Sozio­loge und Ökonom Jeremy Rifkin glaubt sogar, dass es gerade diese menschliche Eigenschaft ist, die unsere Zeit am meisten braucht. Er fordert eine «empathische Zivilisation», weil die menschliche Fähig­keit, sich in andere hineinversetzen zu können, den natürlichen Gegenpol zum Eigennutz und Narzissmus unserer Gesellschaft bildet. Weil sie uns bei dem helfen kann, was der deutsche Ex­-Bundespräsident Johannes Rau zu seinem Motto machte: Versöhnen statt spalten.
Die Fähigkeit der Empathie ist schon sehr früh in unserem Gehirn vorhanden.
Die Fähigkeit der Empathie ist schon sehr früh in unserem Gehirn vorhanden.
Die Begabung dazu tragen wir in uns. «Wir werden vermutlich mit der Voraussetzung zur Empathie gebo­ren», sagt der Neuropsychologe Mat­thias Bolz, der am Leipziger Max­ Planck­Institut für Kognitions­ und Neurowissenschaften die kognitiven Fähigkeiten und Gehirnprozesse bei Menschen untersucht. «Jedenfalls ist diese Fähigkeit schon sehr früh in irgendeiner Art und Weise im Ge­hirn angelegt.»

Wie Kinder und Jugendliche emotionale Kompetenz entwickeln und lernen, Gefühle bei sich und anderen zu erkennen, erforscht die Psychologin Maria von Salisch von der Universität Lüneburg. Die ersten Trainingseinheiten dazu hat man ab dem Tag null: Schon Babys eignen sich Wissen über verschiedene Emotionen an. 

«Das vorsprachliche Ler­nen konzentriert sich darauf, be­stimmte Merkmale und Muster wiederzuerkennen. Immer wenn Mama mich auf den Arm nimmt, lächelt sie. Immer wenn Papa mich wickelt, macht er ein ganz bestimm­tes Gesicht.» Ein Grossteil der Kom­munikation zwischen Eltern und Kleinkindern beschäftigt sich damit, grundlegende Gefühle ken­nenzulernen und benennen zu können: Bist du traurig? Ärgerst du dich gerade? Mama ist gerade sehr müde. Du musst keine Angst haben.
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1 Kommentar

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Von Andrea am 05.08.2017 10:13

Ja unserer Zeit fehlt es wirklich an Mitgefühl, Verständnis, Rücksicht.

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