Wie werden Kinder zu Mobbingopfern oder -tätern? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Wie werden Kinder zu Mobbingopfern oder -tätern?

Lesedauer: 4 Minuten

Françoise Alsaker, Pionierin der Mobbingforschung in der Schweiz, über Mythen und Fakten: Wie werden Kinder zu Mobbingopfern oder -tätern? Und was haben Elternhaus, sozialer Status oder Geschlechterrollen damit zu tun?

Interview: Virginia Nolan
Bild: Pixabay

Das Wichtigste in Kürze

  • Mobbingopfer fühlen sich ohnmächtig, hilflos, in ihrem Selbstwert erschüttert. Dabei kann es jedes Kind treffen. Es existiert kein typisches Profil für ein Mobbing-Opfer.
  • Bubben mobben tendenziell mit körperlicher Gewalt. Mädchen wählen oft indirektes Mobbing wie soziale Ächtung.
  • Warum das Opfer im Zweifelsfall die Schule verlassen muss und wie Eltern von Kindern, die mobben und Mütter und Väter von Mobbingopfern reagieren sollen, erfahren Sie im Interview.

Frau Alsaker, was macht ein Kind ­anfällig dafür, Mobbingopfer zu ­werden?

Mobbingopfer fühlen sich ohnmächtig, hilflos, in ihrem Selbstwert erschüttert. Sie reagieren darauf unterschiedlich. Manche vermeiden jegliche Nähe zu den anderen, andere reagieren aus Verzweiflung gereizt oder ungehalten. Es ist eine Reaktion auf die Belastung, der sie ausgesetzt sind, die Gemeinschaft aber wertet diese oft als Beweis dafür, dass das Opfer sich auffällig verhalte. Untersuchungen zeigen, dass sich Mobbingopfer im Hinblick auf ihr So­­zialverhalten nicht von anderen Kindern unterscheiden – bis auf den Punkt, dass sie sich etwas weniger gut wehren können. Dieser Befund ist mit Vorsicht zu geniessen, denn die Kinder werden ja erst befragt, wenn sie bereits Opfer geworden sind. Defizite, egal welcher Art, genügen nie, um Mobbing zu erklären. Sie können jedoch das Risiko, gemobbt zu werden, in gewissen Gruppenkonstellationen erhöhen.

Inwiefern?

Das Vorurteil, wonach gewisse Kinder zum Mobbingopfer prädestiniert seien, hält sich hartnäckig. Es ist typisch, dass die Leute ihren Blick auf Persönlichkeits- und Verhaltenseigenschaften des betroffenen Kindes richten. Diese Perspektive ist problematisch, weil sie die Schuld beim Opfer vermutet, vor allem aber hat sie nichts mit der Realität zu tun: Es kann jedes Kind treffen. Fakt ist aber auch: Mobbing macht etwas mit dem Verhalten des Opfers.
Françoise Alsaker ist emeritierte Professorin für Psychologie an der Universität Bern. Sie studierte Psychologie in Bergen, Norwegen, und war danach Teil des Forschungsteams um Dan Olweus, einem Pionier der Mobbingforschung. In den 1990er-Jahren führte Alsaker die erste Mobbingstudie in der Schweiz durch und sensibilisierte im Lauf der Jahre Schulen und Öffentlichkeit für das Thema. 
Françoise Alsaker ist emeritierte Professorin für Psychologie an der Universität Bern. Sie studierte Psychologie in Bergen, Norwegen, und war danach Teil des Forschungsteams um Dan Olweus, einem Pionier der Mobbingforschung. In den 1990er-Jahren führte Alsaker die erste Mobbingstudie in der Schweiz durch und sensibilisierte im Lauf der Jahre Schulen und Öffentlichkeit für das Thema. 

Zum Beispiel?

Mehrere Studien identifizierten ADHS als Risikofaktor. Kinder mit ADHS können ihre Emotionen nicht gut regulieren, sie reagieren unkontrolliert und lassen sich schnell provozieren. Diese Kombination macht sie zu einem gefundenen Fressen für Mobber: Einerseits dienen ihre Wutausbrüche den anderen zur Belustigung, andererseits haben Mobber so im Bedarfsfall leichtes Spiel, dem Opfer die Schuld in die Schuhe zu schieben. Auch Migrantenkinder haben ein leicht höheres Risiko, gemobbt zu werden, weil Sprachschwierigkeiten ihre Integration in die Gruppe erschweren.

Welche Risikofaktoren machen Kinder zum Täter?

Mobber haben im Vergleich zu unbeteiligten Altersgenossen weniger Einfühlungsvermögen und schwächer ausgeprägte moralische Werte. Demgegenüber können sie sich gut durchsetzen, suchen den Kontakt zu anderen, führen gerne an. Ein Kind kann Eigenschaften in dieser Kombination mitbringen, muss deshalb aber noch lange kein Mobber sein. Sein Risiko, in diese Rolle zu geraten, hängt von der Gruppenkonstellation ab: Wenn die Mehrheit der Klassenmitglieder sozial positiv eingestellt ist, wird ein Kind seinen sozialen Status nicht verbessern können, indem es andere plagt. Es würde ihm an Unterstützern und Publikum fehlen.

Inwiefern spielt die elterliche ­Erziehung eine Rolle?

Wir wissen, dass alle Kinder irgendwann im Lauf ihrer Entwicklung aggressives Verhalten zeigen. Dann ist es entscheidend, ob und wie sie lernen, mit diesen Aggressionen umzugehen, dass Eltern ihnen Strategien beibringen, Konflikte zu lösen und ihre Wut so auszudrücken, dass andere davon nicht zu Schaden kommen.

Wie hängen Mobbing und sozialer ­Status zusammen?

Gar nicht. Mobber kommen aus allen sozialen Schichten. Auch dort, wo finanzielle Ressourcen vorhanden sind, gibt es Eltern, denen es an Zeit mangelt oder am Interesse, sich mit dem Kind auseinanderzusetzen. Wenn Eltern im Leben ihrer Kinder präsent sind und sie Wertschätzung erfahren lassen, wenn sie ein offenes Ohr haben, Rahmenbedingungen zur Orientierung schaffen und Grenzen setzen, sind Kinder für vieles gewappnet.

Mobben Mädchen anders als Buben?

Mädchen sind weniger häufig in Mobbing involviert als Buben, sowohl auf Opfer- als auch auf Täterseite. Sie zeigen also insgesamt weniger Aggression, aber wenn sie es tun, scheinen sie indirekte Mobbingformen wie etwa Ausschliessen oder soziale Ächtung des Opfers zu bevorzugen. Buben verwenden diese Mobbingstrategien ebenso. Insgesamt gehen körperliche Attacken aber mehr von ihnen aus.

Wie erklären Sie sich diese ­Unterschiede?

Ein Erklärungsansatz lautet, dass stereotype Erwartungen an Ge­schlechterrollen eine Rolle spielen. Demnach werden Mädchen dazu erzogen, Wut und Aggressionen nicht offen auszudrücken. Eine andere These besagt, dass indirekte Mobbingformen ausgeprägte sozialere und sprachliche Fertigkeiten voraussetzten und Mädchen den Buben in diesem Bereich voraus seien. Das überzeugt mich nicht, zumal indirekte Mobbingformen bereits im Kindergarten auftreten, wenn Sprachfähigkeiten und soziale Reife allgemein noch nicht sehr ausgeprägt sind.

Bei Mobbinginterventionen an ­Schulen scheint ein Konsens darin zu liegen, Täter nicht zu bestrafen. Wie sinnvoll ist das?

Strafen tragen erfahrungsgemäss nicht dazu bei, eine negative Gruppendynamik und das damit verbundene Rollengefüge aufzubrechen. Das bedeutet aber nicht, dass wir bei den Mobbern nicht ansetzen sollten. Dazu fällt mir die Aktion einer Lehrerin ein, der ein Schüler anvertraute, er werde auf dem Schulweg geplagt. Federführend war ein anderer Bub. Die Eltern boten dem betroffenen Kind mittlerweile Begleitschutz, als die Lehrerin sie bat, davon abzusehen. Stattdessen holte sie den Mobber höchstpersönlich zu Hause ab und sagte ihm, sie werde das so lange tun, bis er das andere Kind in Ruhe lasse. Der Bub stellte seine Attacken sofort ein.

Im Zweifelsfall muss aber fast immer das Opfer die Schule oder Klasse wechseln.

Während die Eltern des Opfers irgendwann auf diese Massnahme drängen, wissen die der Mobber häufig nicht einmal vom Problem, in das ihre Kinder involviert sind. Für die Schule wäre es also ungleich viel umständlicher, die Mobber zu versetzen. Ich persönlich wäre sehr dafür, dass sich eine Schule die Mühe macht, ein Reglement zu erarbeiten, das es im Bedarfsfall ermöglicht, Mobber zu versetzen. Ich sehe diesen Schritt nicht als Strafe, sondern als Chance für ein Kind, das in einer anderen Gruppenkonstellation bessere Entwicklungsmöglichkeiten hätte.

Virginia Nolan
ist Redaktorin, Bücherwurm und Wasserratte. Sie liebt gute Gesellschaft, feines Essen, Tiere und das Mittelmeer. Die Mutter einer achtjährigen Tochter lebt mit ihrer Familie im Zürcher Oberland.

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