Remo Largo – vom Kind her denken
Entwicklung

Remo Largo – vom Kind her denken

Er hatte ein besonderes Auge für Momente und Situationen. Und immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte anderer. Er war ein wichtiger Wegbegleiter für so viele Eltern. Und ein Anwalt der Kinder. Jetzt ist seine Stimme verstummt. Aber sein Menschenbild wird in uns weiterleben. Oskar Jenni und Bea Latal, Remo Largos Nachfolger als Leiter der Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich, nehmen von ihrem Freund und Vorbild Abschied.
Text: Bea Latal & Oskar Jenni
Bilder: Gaetan Bally/Keystone / Christian Grund/13 Photo / zVg
Der Tod von Remo Largo hat uns alle überrascht, erschüttert und sehr traurig gemacht. Das Medienecho ist riesig und zeigt auf eindrückliche Weise die Bedeutung seines Werks. Sein Tod ist für uns eine Zäsur, die uns über sein Schaffen und sein Vermächtnis nachdenken lässt: Wird seine Stimme für die Kinder verstummen? 
Prof. Dr. Bea Latal und Prof. Dr. Oskar Jenni leiten die Abteilung Entwicklungspädiatrie am ­Universitäts-Kinderspital Zürich.  Bea Latal ist Kinder- und Jugendmedizinerin sowie ausserordentliche Professorin für Entwicklungspädiatrie ad personam an der Universität Zürich. Für ihre Forschung, u. a. zu Frühgeborenen und Kindern mit angeborenem Herzfehler, wurde die Mutter von zwei Söhnen mehrfach ausgezeichnet.    Oskar Jenni ist Kinder- und Jugendmediziner sowie ausserordentlicher Professor für Entwicklungspädiatrie ad personam. Er erforscht u. a. das Schlafverhalten sowie die motorische, kognitive und soziale Entwicklung von Kindern. Seit 2018 ist der Vater von vier Jungen Leiter der «Akademie. Für das Kind» in Zürich. 
Prof. Dr. Bea Latal und Prof. Dr. Oskar Jenni leiten die Abteilung Entwicklungspädiatrie am ­Universitäts-Kinderspital Zürich.

Bea Latal ist Kinder- und Jugendmedizinerin sowie ausserordentliche Professorin für Entwicklungspädiatrie ad personam an der Universität Zürich. Für ihre Forschung, u. a. zu Frühgeborenen und Kindern mit angeborenem Herzfehler, wurde die Mutter von zwei Söhnen mehrfach ausgezeichnet.

Oskar Jenni ist Kinder- und Jugendmediziner sowie ausserordentlicher Professor für Entwicklungspädiatrie ad personam. Er erforscht u. a. das Schlafverhalten sowie die motorische, kognitive und soziale Entwicklung von Kindern. Seit 2018 ist der Vater von vier Jungen Leiter der «Akademie. Für das Kind» in Zürich. 
Nein, das wird sie nicht, denn seine Bücher werden seine Worte weitertragen. Wir Kinderärztinnen und Kinderärzte haben seine Haltung verinnerlicht, setzen sie in unserem Alltag mit Kindern und ihren Familien um und werden seine Ideen weiterentwickeln.
«Von welchen Faktoren hängt das psychische Wohlbefinden eines Kindes ab? Das wichtigste Element ist das Gefühl von Geborgenheit.»
Aus «Babyjahre»
Als Lehrer, Mentor und Freund lehrte Remo Largo uns jeden Tag, wie vielfältig das Menschsein ist und was wir tun können, damit jede und jeder von uns seine eigene Individualität leben kann. Was zeichnete den Menschen Remo Largo aus?

Er war neugierig und wissensdurstig.

Zwischen 1976 und 1978 arbeitete er an der Child Development Unit der University of California in Los Angeles (UCLA) bei Arthur Parmelee. Der bekannte Entwicklungspädiater war ein Pionier der Hirnforschung im Kindesalter. Remo Largo war fasziniert von den damals neuen technischen Möglichkeiten, das kindliche Gehirn sichtbar zu machen. Zwar hatte er sich bereits vorher in Zürich viel Wissen über die kindliche Entwicklung angeeignet, aber Hirnstrommessungen sollten ihm ein gänzlich neues Fenster zum Kind eröffnen.
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«Ein Kind braucht nicht 
 Anerkennung für das Erreichte, sondern dafür, dass es sich bemüht hat.»
Aus «Kinderjahre»
Es kam jedoch alles ganz anders: Methodische und finanzielle Probleme führten nach wenigen Monaten zum Abbruch des Projekts. Enttäuscht wandte sich Remo Largo fortan und zeitlebens von der Hirnforschung und den experimentellen Methoden der Entwicklungswissenschaften ab. Stattdessen widmete er sich demjenigen Forschungszweig, den er später in Zürich fortsetzen sollte und der Grundlage seines umfangreichen Werks wurde: der Beobachtung der kindlichen Entwicklung.

Er war offen und interessiert.

Er war ein Mensch, der gut zuhören konnte, Ideen und Gedanken aufnahm, sie verarbeitete und weiterentwickelte. Nach dem Scheitern der Forschung unter ­Parmelee besuchte er die grossen amerikanischen Entwicklungszentren und beschäftigte sich vertieft mit entwicklungspsychologischen Themen. An der UCLA widmete er sich fortan einem Projekt über die Spiel- und Sprachentwicklung. So untersuchte er zahlreiche Kinder und zeichnete akribisch ihr Spielverhalten in den ersten Lebensjahren nach. Er erkannte, dass Kinder von sich aus neugierig sind und sich im Spiel entwickeln.
«Selbstbestimmt zu leben, ist ein hohes Gut, das wir nicht nur für uns selbst in Anspruch nehmen dürfen, sondern auch allen Menschen zugestehen ­müssen, indem wir ihren Willen respektieren.»
Aus «Das passende Leben»
In dieser Zeit las er intensiv die Schriften des berühmten Schweizer Entwicklungsforschers und Biologen Jean Piaget, die ihn in der Folge sehr prägen sollten. Remo war fasziniert vom Gedanken, dass das Kind seine Entwicklung durch die eigenen Handlungen selbst steuert. Seine Überzeugung wuchs, dass wir Erwachsenen die Entwicklung des Kindes nicht beschleunigen können, sondern einzig dafür sorgen müssen, dass sich das Kind wohl und mit all seinen Eigenschaften und Eigenheiten vom Umfeld akzeptiert fühlt.

Er war liebevoll und warmherzig.

Diese Eigenschaften erachtete er für Bezugspersonen im Umgang mit dem Kind als zentral. Oft benutzte er das Wort «Geborgenheit». Er war überzeugt, dass sich ein Kind nur dann geborgen fühlt, wenn seine Bezugspersonen verfügbar, verlässlich, vertraut und liebevoll sind. Aber auch seinen Freunden, Mitarbeitenden und Eltern seiner Patientinnen und Patienten gab er Geborgenheit.
«Wenn die Jugendlichen selbständige und verantwortliche Erwachsene werden sollen, müssen sie auch Fehler machen dürfen.»
Aus «Jugendjahre»
Immer wenn man Remo Largo traf, fragte er, wie es einem, den Kindern oder anderen Familienmitgliedern geht. Die Frage war nie eine Floskel, sondern das Wohlergehen seines Gegenübers lag ihm wirklich am Herzen. Er hatte immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte anderer und hörte achtsam zu.

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