Depression: Schatten auf der Seele
Entwicklung

Depression: Schatten auf der Seele

Die Pubertät ist eine Zeit der Veränderung. Psychische Erkrankungen wie Depressionen treten dann gehäuft auf. Geschätzte 10 bis 20 Prozent aller Jugendlichen leiden phasenweise an dieser psychischen Störung. Wie entsteht eine Depression, wie zeigt sie sich? Auf welche Warnsignale sollten Eltern achten und wann braucht es eine Therapie?
Text: Claudia Füssler 
Bilder: Gabi Vogt / 13 Photo*
Es beginnt selten mit einem grossen Knall. Stattdessen schleicht sich eine Depression ganz leise, fast schon sanft ins Leben. In das des Betroffenen, aber auch in das seiner Familie, seiner Freunde. Der 13-Jährige hat immer weniger Spass am wöchentlichen Handballtraining und hängt auch nicht mehr so oft mit seinen Vereinskollegen ab – aber vielleicht liegt das einfach an der Pubertät, da werden doch oft andere Sachen interessanter, oder? Die 15-Jährige bleibt am Wochenende immer öfter in ihrem Zimmer, in den letzten Mathetests hat die sonst sehr gute Schülerin ungewöhnlich schlecht abgeschnitten – aber klar, dass sie den Wegzug ihrer besten Freundin erst einmal verkraften muss, oder?
Schon in der Schweizer SMASH-Studie aus dem Jahr 2002 gaben 35 Prozent der befragten Mädchen und knapp 20 Prozent der Jungen an, sie seien häufiger traurig und deprimiert. Dieser Trend setzte sich in den vergangenen Jahren fort. Natürlich entwickeln längst nicht alle dieser Jugendlichen eine behandlungsbedürftige Depression. Manche aber schon – und die Verläufe dieser Krankheit werden schwerer, wie verschiedene Experten im Rahmen dieser Recherche sagten. Woran liegt das? Wie entsteht eine Depression im Kindes- und Jugendalter? Auf welche Warnsig­nale sollten Eltern achten und wann sollten sie Experten zu Rate ziehen?

Eltern sollten Veränderungen nicht einfach als Phase abtun

Grundsätzlich gilt: «Wenn Eltern Veränderungen bei ihrem Kind wahrnehmen, sollten sie das nicht einfach als Phase abtun, sondern dem nachgehen», sagt Stephan ­Kupferschmid, Chefarzt für Adoleszentenpsychiatrie an der Integrierten Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland. Er empfiehlt, zunächst einmal zu schauen und sich umzuhören, ob sich die Veränderungen auf mehrere Lebensbereiche erstrecken. Was sagen die Lehrpersonen, ist das Kind in der Schule anders als sonst? Wie sieht es im Freundeskreis aus? Verhält sich das Kind situationsübergreifend anders, ­sollten Eltern eine beginnende Depression in Betracht ziehen. Dabei handelt es sich nicht, wie leider immer noch oft von vielen angenommen, einfach um Traurigkeit, sondern um einen anhaltenden Zustand, in dem alle Gefühle nur reduziert empfunden werden. Eine Depression ist eine schwere seelische Erkrankung, Betroffene sprechen oft von einem schwarzen Vorhang, der sich über ihr Leben legt, und einem «Gefühl der Gefühllosigkeit».
Bild: Gabi Vogt / 13 Photo*
Bild: Gabi Vogt / 13 Photo*
Depressive Erkrankungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Die Schweizerische Gesellschaft für Angst und Depression geht davon aus, dass sie – in unterschiedlichen Ausprägungen – bis zu 20 Prozent der Bevölkerung betreffen. Genaue Zahlen für Kinder und Jugendliche gibt es nicht, Experten schätzen den Anteil auf 10 bis 20 Prozent. Bei Jugendlichen gilt die Depression als häufigste Erkrankung. Mit Beginn der Pubertät steigt das Risiko für eine Depression stark an, bei Mädchen – die generell mehr betroffen sind als Jungen – ein bisschen früher.
35 Prozent der jugendlichen Mädchen und 20 Prozent der Jungen gaben in einer Studie an, sie seien häufiger traurig und deprimiert.
In der Pubertät, die heute zwei bis drei Jahre früher einsetzt und deutlich länger andauert als noch vor 100 Jahren, beginnt eine Phase der Veränderungen auf biologischer, psychologischer und sozialer Ebene. «Das Frontalhirn wird mit Beginn der Pubertät zu einer riesigen Baustelle», erklärt Gregor Berger, Leiter des Notfalldienstes der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Dabei werde ein grosser Teil der Nervenverbindungen, die man nicht mehr braucht, eliminiert. Umgekehrt werden die, die man braucht, verstärkt. Je nachdem, welcher Teil des Gehirns sich gerade entwickelt, ist man mehr oder weniger im Gleichgewicht. 90 Prozent der Jugendlichen durchlaufen diese Phase ohne grossen Schaden. «Aber es gibt auch diese 10 Prozent, die aufgrund ihrer genetischen Voraussetzung oder ihrer lebensgeschichtlichen Erfahrung eine Verletzlichkeit mitbringen», sagt Berger. Dann brauche es nur noch einen oder zwei Belastungsfaktoren wie ein ADHS, eine Teilleistungsstörung oder familiäre Probleme, die hinzukommen, und das ganze System läuft Gefahr, aus dem Gleichgewicht zu geraten.
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Von Oskar am 11.02.2021 20:30

Hallo.Schönen guten Tag.Ich bin eigentlich ein sehr glücklicher Mensch.Meist aufgeschlossen glücklich und gute Laune. aber seit ungefähr 2 Wochen leide lch an einer Depression. Ich habe die Depression das erste mal gefühlt als ich nachts nicht zum Einschlafen gekommen bin.Es war wie verhext und ich kam einfach nicht zum Einschlafen.Ich zapple dann meistens wieder im Bett herum.Dann gleich morgens hab ich gemerkt das ich keine Appetit mehr hatte.Ich wollte nicht mehr essen, verkroch mich still ins Bett unter die Decke, und war dem Weinen nahe und die ersten Tränen kullerten. Ich weiss es echt nicht wieso aber ich stehe oft dem Weinen nah irgendwie. Mannchmal kommt der Drang zu weinen, obwohl ich eigentlich keinen besonderen Grund habe.

Heute war die Depression so stark das ich nur noch aus den Fenster geguckt habe, mit meiner Katze gekuschelt habe, und geweint habe mit einer Kerze. Ich kriegte tiefe Verzweiflung und weinte. Und sogar seit kurzem ist es ohne Grund! Selbst die Freunde können mir nicht helfen.Sie fragen mich oft warum ich so still bin und so traurig.Selbst meine Frau die ein Kind Zuhause hat fragt mich oft warum ich so traurig bin.Auch das Kind weiss inzwischen schon das ich eine Depression habe.Ich würde am liebsten nur noch im Erdboden versinken wollen.Meine Depression ist so schlimm geworden wirklich und wenn das nicht hilft, würde ich mich an einen Arzt wenden und Medikamente verschreiben lassen.Hoffentlich wirken die.Hiermit wünsche ich allen Menschen die eine Depression haben viel Kraft für ihre Zukunft und hoffe das es besser wird.Also dann.

Von Fritz+Fränzi Redaktion am 11.02.2021 20:53

Lieber Oskar

Es tut uns sehr Leid, dass es Ihnen, wie Sie es beschreiben, nicht so gut geht. In diesen Zeiten kann die Psyche und Seele an ihre Grenzen kommen. Das ist mehr als verständlich. Wir sind alles nur Menschen. Eins ist ganz wichtig: Sie sind nicht alleine! Es gibt Hilfe. Teilen Sie Ihre Sorgen mit einem Menschen Ihres Vertrauens oder holen Sie sich ärztliche Hilfe! Über Probleme, Ängste und negative Gefühle zu reden, ist der erste Schritt zur Besserung.

Sie können in einem ersten Schritt ein Beratungstelefon anrufen. Diese Stellen sind rund um die Uhr für Menschen in Nöten da:

Die Dargebotene Hand: Für Menschen in einer schwierigen Lebenslage, die sofort Hilfe brauchen: Telefon 143
Web-Link: www.143.ch

Das Beratungstelefon von Pro Juventute bietet Soforthilfe für Kinder und Jugendliche in akuten Krisen: Telefon 147
Web-Link: www.147.ch

Weitere Adressen und Informationen: www.reden-kann-retten.ch

Wir wünschen Ihnen alles Gute und viel Kraft

Ihr Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

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Von Stephanie am 23.11.2020 09:38

Wieder mal ein ganz tolles Dossier! Ein herzliches Danke.

Als Ergänzung hätte ich mir gewünscht, wenn auch auf das Thema eingegangen würde, wie wir Eltern Jugendliche, welche depressive Freunde haben, coachen können. Wie stark dürfen sie sich verantwortlich fühlen? Was sollen sie tun, sagen oder unterlassen? Es ist derzeit ein grosses Thema unter den Jugendlichen selbst und natürlich werden die Mittel der sozialen Medien miteinbezogen.

Ich kann auf jeden Fall das Buch "mit dem schwarzen Hund leben" von Matthew Johnstone und Ainsley Johnstone für alle von Herzen empfehlen, die depressive Angehörige oder Freunde haben. Es ist auch für Jugendliche geeignet. Darin werden auf unkomplizierte Art (es ist eigentlich ein Bilderbuch) Strategien im Umgang mit depressionsbetroffenen Menschen gezeigt. Das kann einem als Angehörige Sicherheit geben.

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