Desktop grolimund neu 1130x500
Elternbildung

«Mir wird alles zu viel!»

Immer mehr zu tun und immer weniger Zeit. Wie Eltern dieser Falle entkommen können.
Text: Fabian Grolimund
Es ist sechs Uhr morgens. Ich bin auf dem Weg zu einer Lehrerfortbildung, der ich noch den letzten Schliff geben müsste. Dummerweise muss ich auch noch diesen Artikel hier zu Ende schreiben und vor Seminarbeginn einreichen. Zum Glück sind solche Last-Minute-Aktionen viel seltener geworden. Ich muss aber zugeben: Als Vater von zwei Kindern alles unter einen Hut zu bekommen, ist manchmal ziemlich schwierig.

Eltern stehen heute unter einem immensen Druck. Das Bundesamt für Statistik zeigt einen klaren Anstieg der Gesamtarbeitszeit: Mütter von kleinen Kindern arbeiten insgesamt 68 Stunden pro Woche, die Väter 70. Bei den Vätern hat die Arbeit im Haushalt und in der Kinderbetreuung zugenommen, bei den Frauen die Erwerbsarbeit. Die Gleichstellung – ein wichtiges Ziel – führt momentan dazu, dass Männer und Frauen mehr zu tun haben, weil beide den Anspruch haben, alles zu sein und alles gut zu machen.

Gleichzeitig steigen die Anforderungen und die Hektik in der Arbeitswelt: Immer mehr soll von immer weniger Menschen in immer kürzerer Zeit erledigt werden. Wie kommen wir da wieder raus? Wie können wir dem täglichen Stress begegnen? Durch einen Zeitmanagementkurs? Yoga? Entspannungsübungen? Das ist alles sinnvoll, braucht aber dummerweise – Zeit.

Machen Sie weniger!

Wenn wir über Stress klagen, denken wir meist darüber nach, wie wir all unserer Aufgaben Herr werden können. Wir versuchen schneller zu arbeiten, uns noch besser zu organisieren, uns effektivere Arbeitsmethoden anzueignen oder auf Erholung und Schlaf zu verzichten. 
Wirklich hilfreich ist nur: weniger tun. Das klingt banal. Aber es ist das Einzige, das uns langfristig aus der Überforderung heraushilft. Und es ist gleichzeitig eine Herausforderung, die wir nur meistern können, wenn wir uns darauf einlassen und entschlossene Schritte unternehmen. 

Mit etwas aufzuhören, etwas zu reduzieren oder zu etwas Nein zu sagen, fällt den meisten Menschen schwer. Wir fürchten den Verlust, wenn wir auf eine neue, interessante Möglichkeit verzichten. Wir sehen, wie sich eine Tür schliesst, und beeilen uns, Ja zu sagen. Auch dann, wenn wir hinterher fast in Arbeit und Verpflichtungen ersticken. Denn wenn wir Nein sagen, erteilen wir nicht nur anderen Menschen eine Absage, sondern auch unserem eigenen Ehrgeiz, unseren Ansprüchen, Zielen und Wünschen.
«Wann immer Sie zusagen möchten, etwas zu übernehmen, erbitten Sie sich erst noch einmal Bedenkzeit!»
Wenn wir dies aber lernen, verschaffen wir uns Luft und holen uns unser Leben zurück. Wir machen weniger, das dafür mit mehr Freude, Ruhe und Qualität. Und wir können die Zeit mit Menschen, die uns wichtig sind, wieder geniessen, ohne ständig an unsere To-do-Liste zu denken.

Egal, ob Sie gefragt werden, ob Sie dem Elternrat beitreten, ein politisches Amt übernehmen, eine Beförderung annehmen oder Ihrem Kind ein zusätzliches Hobby ermöglichen wollen: Erlauben Sie sich, auf Zeit zu spielen. Wann immer Sie zusagen möchten, könnten Sie von nun an sagen: «Ich überlege es mir und gebe dir morgen Bescheid» oder «Das klingt interessant – ich muss es aber zuerst mit meiner Partnerin, meinem Partner besprechen». Nehmen Sie sich diese Momente, um die Vorteile und die Kosten abzuwägen.

Anzeige
0 Kommentare
Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren