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Elternbildung

Belohnungen – ein zweischneidiges Schwert

Während Belohnungsprogramme ein fester Bestandteil vieler Erziehungskurse sind, finden sich auch Stimmen, die jede Form von Belohnung verteufeln und diese sogar als moderne Form der Bestrafung sehen. Auch ich werde immer wieder gefragt, was ich von Belohnungen halte. Und rate zu einem sehr sorgsamen Umgang.
Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Belohnungen können für Kinder wie auch für Erwachsene eine Unterstützung sein. Sie können als eine Art Krücke dienen, die uns das Gehen erleichtert, bis die Beine genügend Kraft haben, um uns zu tragen. Das gilt besonders dann, wenn bestimmte Handlungen zu Beginn schwerfallen oder unangenehm sind, mit zunehmender Übung aber Freude bereiten. 

Wann Belohnungen sinnvoll sind

Ich denke dabei zum Beispiel an ein Mädchen mit einer Leseschwäche. Es las sehr langsam und stockend und empfand einen zunehmenden Widerwillen gegen das Lesen. Zudem fand das Mädchen es «total ungerecht», dass es in den Sommerferien jeden Tag 15 Minuten lesen sollte. Da es in den Ferien zuvor fast alle Buchstaben wieder vergessen hatte, war das Üben jedoch dringend nötig.

Zwei kleine Belohnungen sollten dem Mädchen zu Beginn das Lesen erleichtern. Die erste Belohnung bestand darin, dass sich die Eltern bereit erklärten, abwechselnd zu lesen. Nach ein paar Zeilen las ihm die Mutter oder der Vater den Rest der Seite vor. Es durfte sich zurücklehnen und die Geschichte genies­sen. Diese Belohnung ist deswegen sinnvoll, weil sie in einem engen Zusammenhang mit der Tätigkeit steht und dem Kind verdeutlicht: Lesen gibt dir Zugang zu wunderbaren Geschichten. 
Die zweite Belohnung sollte die «Kosten» aufwiegen, die für das Mädchen entstanden. Es fand es zu Beginn der Beratung «total ungerecht», dass ihm die schöne Freizeit gestohlen werde, um lesen zu üben – das werde von den anderen Kindern auch nicht verlangt. Die Eltern und ich mussten ihm beipflichten und vereinbarten daher Folgendes: Du darfst während der Ferien selbst entscheiden, ob du lesen möchtest. Wenn du deine wertvolle Freizeit dafür hergibst, darfst du dafür am Abend eine halbe Stunde länger aufbleiben – so geht dir die Zeit nicht verloren. Gleichzeitig wurde dem Mädchen gesagt, dass dieser «Deal» natürlich nur für das freiwillige, zusätzliche Lesen gelte – und keinesfalls auf Pflichten wie die Hausaufgaben ausgedehnt werden könne. An den meisten Tagen entschied es sich für das Lesen und Aufbleiben.

Im Weiteren wurde darauf geachtet, dass die Leseübungen so gestaltet wurden, dass sie Spass machen. Mit zunehmender Lesefertigkeit war das Mädchen gewillt, grössere Abschnitte selbst zu lesen. Mit Beginn des neuen Schuljahrs wurde zudem der «Deal» umfunktioniert: Das Mädchen durfte auch während der Schulzeit 15 Minuten später das Licht löschen. Allerdings galt: Du musst bereits im Bett sein, darfst aber noch lesen. 
Dass sich die Haltung zum Lesen endgültig verändert hatte, bemerkten die Eltern einige Monate später, als sie ihre Tochter dabei erwischten, wie sie nach dem Lichterlöschen unter der Bettdecke mit der Taschenlampe weiterlas.

In diesem Beispiel sehe ich Belohnungen als wertvolle Krücke. Das Lesen machte dem Mädchen aufgrund seiner Schwäche zunächst keine Freude. Es war anstrengend. Die Belohnungen erhöhten die Attraktivität des Lesens, bis die Fertigkeit so weit entwickelt war, dass das Lesen selbst Spass machte. Belohnungen können aber auch unerwünschte Nebenwirkungen haben.
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Wann sind Belohnungen nicht angebracht?

Mit Belohnungen sollte man zurückhaltend sein, wenn ein Kind etwas bereits von sich aus gerne tut. Eine zusätzliche Belohnung kann in diesem Fall die ursprüngliche, von innen kommende Motivation untergraben. Dieser Vorgang wird als Korrumpierungseffekt bezeichnet. 

Wenn ein Kind beispielsweise eine Sportart gerne ausübt, zunehmend besser wird und anfängt, Turniere zu gewinnen, kann die Belohnung in Form von Turniersiegen wichtiger werden als die Freude an der Bewegung. Solange die Erfolge da sind, stellen sie eine zusätzliche Motivation dar. 

Bleiben sie plötzlich aus, kann es sein, dass das Kind nicht mehr die gleiche Begeisterung für den Sport empfindet wie zu Beginn. Das Problem tritt also auf, wenn eine zusätzliche Belohnung hinzugefügt wird, die ab einem bestimmten Zeitpunkt wieder entzogen wird. 
Noch negativer wirken sich Belohnungen aus, wenn wir jemandem helfen möchten. Ein Beispiel dafür wäre das Kind, das seinen Grosseltern den Rasen mäht, weil es ihnen etwas zuliebe tun möchte. Geben ihm die Grosseltern dafür fünf Franken, kann es sein, dass das Kind von diesem Moment an den Rasen nicht mehr mähen wird. 

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