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Elternbildung

Dauernde Sorge ist Gift für das Kind

Kinder müssen lernen, Hindernisse zu überwinden – auch wenn dies mit Schmerzen verbunden ist.
Als Mutter ist es mir wichtig, dass unsere drei Kinder erfahren, wie sich Schmerz und
Trauer
anfühlen. Ich akzeptiere, dass sie phasenweise unglücklich sind oder auch mal weinen.
So ist das Leben. Ich tröste sie dann und kümmere mich wenn nötig um die Wunde. In meinem Umfeld beobachte ich allerdings oft, dass Kinder ängstlich sind und zuerst überprüfen, was ihre Eltern denken, bevor sie sich selbst etwas trauen. Als ob sie wissen wollten, wie ihre Eltern in diesem Moment funktionieren.
«Die Zeitungen sind voll von Unfällen und schrecklichen Ereignissen. Ist es da ein Wunder, dass sich viele fürchten?»
Eine Leserin, die Jesper Juul um Rat fragt.
Viele Eltern trösten ihr Kind so schnell, dass es die Situation nicht richtig erleben kann. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass viele Eltern die Trauer ihrer Kinder nicht aushalten können. Ich erlebe Eltern, die ihren Kindern verbieten, auf Bäume zu klettern oder schnell zu rennen. Aus Angst, es könnte etwas passieren. Die Zeitungen sind voll von Unfällen und schrecklichen Ereignissen. Ist es da ein Wunder, dass sich viele fürchten? Ich weiss, dass
sich Kinder ernsthaft und schwer verletzen können. Aber muss nicht ich entscheiden, wieviel ich ihnen zutraue? Ich kann ja nicht dauernd vor ihnen herlaufen und alles Gefährliche aus dem Weg räumen – oder hinter ihnen hergehen, um zu überprüfen, ob sie Angst haben.
Ich bin mir sicher, dass sie merken, ob sie sich einer Situation gewachsen fühlen und etwas nicht tun, wenn sie es sich nicht zutrauen. Und auch umgekehrt bin ich zuversichtlich,
dass ihnen gelingt, was sie tun. Wie denken Sie darüber?

Jesper Juul antwortet:

Es ist in der Tat so, dass wir nicht verhindern können, dass die Kinder Schmerzen erleiden – und wir sollten dies auch nicht tun. Die Sorge um die Kinder soll eine angemessene Mischung aus Liebe und Fürsorge sein. Sie haben völlig recht mit Ihrer Beobachtung, dass Ein- bis Vierjährige mit der Einstellung, den Gefühlen und Reaktionen ihrer Eltern kooperieren. Sie beobachten und spiegeln die Reaktionen der Eltern.

Das beginnt schon zu Hause im Wohnzimmer, wenn beim Fangenspielen ein Kind zu schnell um die Ecke kommt und mit dem anderen zusammenstösst. Wenn sie von ihren Eltern dazu einen einfachen und nüchternen Kommentar erhalten, erheben sie sich schnell wieder
und alles ist okay. Reagieren die Erwachsenen mit Entsetzen, Angst, Sorge oder Ähnlichem, beginnen die Kinder zu weinen. 
Wir fragten das Kind, ob es
Angst habe, ins Wasser zu gehen.
«Nein», sagte es. «Aber ich
denke gerade darüber nach, was
meine Mama sagen würde.»
Ich erinnere mich an ein achtjähriges Mädchen auf einem Schulausflug ans Meer. Sie stand lange und unschlüssig am Strand, während sich die anderen Kinder bereits im Wasser tummelten. Als wir sie fragten, ob sie denn Angst vor dem Wasser habe, sagte sie nur: «Nein, aber ich denke gerade darüber nach, was meine Mama sagen würde.» Dauernde Sorge und übermässige Angst sind pures Gift für Kinder – für deren Selbstwahrnehmung und Selbstvertrauen. Fahrradhelme oder das Sicherheitsnetz um ein Trampolin sind wichtige Erfindungen, um Kopf oder Rückenverletzungen zu verhindern. Eine 30 Zentimeter dicke Gummimatte unter einer Schaukel auf dem Spielplatz dient jedoch ausschliesslich Eltern oder Institutionen als Absicherung.
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