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Elternbildung

Das grosse Interview mit Jesper Juul - Teil 2

Lesen Sie zunächst Teil 1 des Interviews - darin spricht Jesper Juul über seine eigene Kindheit, seine Rolle als Vater und über Eltern als die wahren Pädagogik-Experten. Hier in Teil 2 erzählt er von seinem grössten Wunsch, und warum Erziehung nicht funktioniert.
Interview: Carolin Märki, Evelin Hartmann, Nik Niethammer
Übersetzung: Claudia Landolt
Bilder: Franz Bischof

Was ist das Beste, das Ihnen im Leben passiert ist?

Ich mache in meinem Leben keine Unterscheidungen zwischen gut und schlecht. Jede Erfahrung war und ist wertvoll und hat mein Leben bereichert. Auch die schmerzvollen. 

Sie haben über zwei Dutzend Bücher geschrieben, in denen Sie Eltern Erziehungsratschläge geben. 

Ich gebe keine Ratschläge. Ich plädiere für Dasein, nicht für Pädagogik. Ich habe oft gesehen, dass Eltern ihre eigenen Maximen einfach durch meine Werte und Prinzipien ersetzt haben. Das ist nie meine Absicht gewesen.

Welches Buch möchten Sie unbedingt noch schreiben?

Ich möchte unbedingt eine neue Version meines 1996 erschienenen Buches «Das kompetente Kind» verfassen. Ein Buch über Selbstwert und Selbstvertrauen liegt mir ganz be­­sonders am Herzen. Beides sind ganz essenzielle Fähigkeiten in der heutigen Gesellschaft und wichtige Voraussetzungen für die psychische Gesundheit. 
«Kinder von Anfang an als gleichwürdige Menschen zu akzeptieren, heisst, sie als Subjekt wahrzunehmen, statt sie zum Erziehungs-, Liebes- oder andersartigen Objekt zu machen.»
Jesper Juul

Ihre Kolumnen, auch in diesem Magazin, sind nach wie vor sehr gefragt. Wie schwer fällt Ihnen heute, angesichts Ihrer Krankheit, das Schreiben? (Anmerkung der Redaktion: Jesper Juul leidet an einer Entzündung des Rückenmarks und ist von der Brust abwärts gelähmt)

Kolumnen oder Texte zu verfassen, die Fragen von Eltern zu beantworten, die Alltagssituationen oder Probleme betreffen, ist für mich nie anstrengend. Auch heute nicht.
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Sie haben nur noch wenig persönlichen Kontakt zu Eltern und Kindern. Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass Ihre Tipps und Empfehlungen «aktuell» sind?

Die grösste Veränderung ist, dass immer mehr Eltern Erziehung nicht mehr nach dem Prinzip Belohnung und Strafe verstehen. Das bedeutet, dass sie ganz tief innen interessiert sind, neue Wege zu gehen und eine neue Sprache mit ihren Kindern zu sprechen. Sie sind also an einem sehr kreativen und fruchtbaren Punkt angelangt, in dem Inputs wie meine nicht einfach per se abgelehnt werden, sondern auf mehr Interesse stossen. Nur so wird ein Perspektivenwechsel möglich.  

Wurden Sie je missverstanden?

1997 schrieb ich über Gleichwürdigkeit. Dieses Wort bringt zum Ausdruck, dass Kindern von Geburt an die gleiche Würde innewohnt wie Erwachsenen. Viele verstanden dies falsch und meinten, dass Kinder im demokratischen Sinne gleich sind wie Erwachsene.

Was ist denn der Unterschied zwischen Gleichheit und Gleichwürdigkeit?

In einer Familie haben die Erwachsenen die ganze Macht, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind und diese gar nicht haben wollen. Gleichwürdigkeit heisst, dass Eltern ihre Kinder genauso ernst nehmen wie sich selbst, indem sie deren Bedürfnisse, Wünsche, Träume und Ambitionen einbeziehen und nicht auf den Hinweis des Geschlechtes, des Alters oder der Behinderung abtun.

Warum ziehen Eltern den Ausdruck Gleichheit vor?

Weil vermutlich viele den Begriff Gleichwürdigkeit nicht kennen. Sie hören sofort das Wort Gleichheit und interpretieren es so, dass Kinder den Erwachsenen gleichgestellt sind. Aber darum geht es ja nicht. Es geht um Gleichwürdigkeit. Kinder von Anfang an als gleichwürdige Menschen zu akzeptieren, heisst, sie als Subjekt wahrzunehmen, statt sie zum Erziehungs-, Liebes- oder andersartigen Objekt zu machen.

Das müssen Sie uns genauer erklären.

Erziehungsmethoden zielen auf eine Verhaltensänderung und machen Menschen zu Objekten. Damit läuft man Gefahr, den Kontakt zu sich selbst und seinem Gegenüber zu verlieren. 

Können Sie ein Beispiel nennen?

Eltern wollen wissen, was man mit einem acht Monate alten Baby macht, das nicht schlafen will. Sie fragen mich, was man mit diesem Kind machen soll, und setzt es so einem Objekt gleich. Sie sagen: Herr Juul, geben Sie mir eine Methode, ein Werkzeug. Aber so etwas gibt es nicht. Die Frage ist vielmehr: Bin ich bereit, dieses Kind als Mensch wahrzunehmen, oder will ich ein Funktionskind? 

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