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Elternbildung

Das grosse Interview mit Jesper Juul - Teil 1

Jesper Juul ist einer der bedeutendsten Familientherapeuten Europas. Nur wenige wissen von der schweren Krankheit des 69-Jährigen. Mit uns sprach er über seine Kindheit, seine Arbeit nach dem Schickssalschlag und erklärt, wer die wahren Pädagogik-Experten sind.
Interview: Carolin Märki, Evelin Hartmann, Nik Niethammer
Übersetzung: Claudia Landolt
Bilder: Franz Bischof
Odder südlich von Aarhus im Osten Dänemarks. Eine Kleinstadt mit knapp 12'000 Einwohnern. Einzige Sehenswürdigkeit: die Odder-Kirche von 1150 n. Chr., die älteste Gemeindekirche des Landes. Jesper Juul wohnt in einem Backsteinhaus im dritten Stock. Die Besucher gelangen über eine Aussentreppe nach oben. Auf der Dachterrasse stehen Kräuterbeete. An der grauen Wohnungstür ist ein Schild angebracht: Jesper Juul.

Die Tür öffnet sich automatisch. Jesper Juul rollt in seinem elektrischen Rollstuhl heran. Der Familientherapeut lebt allein. Die Wohnung ist rollstuhlgängig, hell, aufgeräumt, modern. Parkett, kaum Möbel, viele Dachschrägen. Auf dem Esstisch liegen Medikamente, an einer Wand hängen Bilder von seinen Enkel­kindern. Jesper Juul kann nicht am Tisch arbeiten. Er hat sich ein Tablett auf den Schoss gelegt. Darauf ist sein Notebook. So schreibt er seine Bücher und Kolumnen.

Es ist kurz nach 18 Uhr. Die Medikamente wirken und machen Jesper Juul müde. Er hat Mühe, sich zu konzentrieren. Trotzdem hört er aufmerksam zu, beantwortet geduldig unsere Fragen. Erzählt von seiner Hoffnung auf weniger Schmerzen. Und seiner Idee, seinen 70. Geburtstag im nächsten Frühjahr mit vielen Freunden zu feiern.

Herr Juul, für viele Eltern sind Sie Europas bedeutendster Pädagoge, eine Art Übervater der Erziehung. Wie fühlt sich das an?

Es ist nichts, was ich anstrebe. Als ich 1975 mit Familien zu arbeiten begann, hat niemand über Erziehungsmethoden gesprochen. Deshalb unterscheidet sich mein Ansatz auch von jenen der anderen Experten. Meine Gedanken entspringen der Ansicht, dass nicht ich, sondern die Millionen Mütter und Väter auf der Welt die besten Experten für ihre Kinder sind. Sie verdienen diesen Titel mehr als ich. 

Also all jene, die Ihren Rat suchen und Ihre Bücher kaufen.

Sie sind es, die täglich ihr Bestes geben. Genau deshalb interessieren mich die rein intellektuellen Debatten über Erziehung nicht. Wir sind alle grundverschieden. Wir sind von unserer eigenen Geschichte, von unserer Herkunftsfamilie, von Konventionen, Kultur und Gesellschaft beeinflusst. Stellen Sie in einer Familie eine Kamera auf und beobachten Sie die Eltern, wenn sie jeweils alleine mit ihren Kindern sind. Sie werden staunen! Nicht einmal innerhalb der Familie ist man sich über Erziehung einig, selbst wenn man dieselben Wertvorstellungen hat und sich auf der gleichen intellektuellen Ebene befindet. Wie soll man da allgemeingültige Ratschläge geben?

Man bezeichnet Sie auch als Familienflüsterer. 

Diese Bezeichnung mag ich. Ich verstehe sie als ein Kompliment.
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Für einige klingt sie provokativ. 

Mein Ding ist die Provokation. Darin, glaube ich, bin ich erfolgreich. Ich provoziere, weil ich mir erhoffe, dass Erzieher und Eltern so über den eigenen Tellerrand blicken und eine andere Perspektive einnehmen können. Im Englischen nennt man dies «out of the box»-Denken.
«Ich provoziere, weil ich mir erhoffe, dass Erzieher und Eltern so über ihren Tellerrand blicken.»
Jesper Juul

Sie bedauerten Kinder, die von ihren Eltern nach dem juulschen Gedankengut erzogen würden, sagten Sie in einem Interview. Warum?

Weil ich stark der Meinung bin, dass zwischen zwei Menschen, die sich in einer liebesbasierten Beziehung zueinander befinden, keine intellektuelle Methode stehen soll. Auch keine Juul-Methode. Ich möchte gar keine Methode. Ich glaube vielmehr, dass wir spontan im Hier und Jetzt agieren und aus unseren ureigenen Erfahrungen lernen sollten. Wollen wir uns verändern und etwas lernen, müssen wir unser Tun reflektieren und in einen Dialog treten mit den Personen, die wir lieben.
Die besten Zitate aus Jesper Juuls Werken als Video.

Sie sagten einmal, es sei furchtbar gewesen, Kind zu sein. Was war an Ihrer Kindheit furchtbar?

Furchtbar war, dass weder meine Eltern noch meine Lehrpersonen sich für mich interessierten; dafür, wer ich war und wie ich mich fühlte, was ich dachte und welche Ideen ich hatte. Sie interessierten sich einzig für mein Verhalten – wie ich mit der Aussenwelt agierte und kooperierte. 

Über Ihre Mutter äusserten Sie sich so: «Sie war wie viele Mütter, sie dachte nur an sich und nie daran, was für diesen Jungen gut wäre.» Das klingt sehr hart.

Meine Mutter gehörte zu einer Generation, in der Mütter zu ihren Kindern eine viel engere Bindung hatten als zu ihren Männern. Diese Frauen kamen emotional zu kurz, waren ausgehungert nach Zuneigung und Liebe. Unter anderem deshalb wurden ihre Kinder zu ihren engsten Verbündeten. Diese Beziehungen zwischen Müttern und Kindern waren aber oft auch befrachtet mit Erlebnissen und Emotionen, die in die Erwachsenenwelt gehörten und nicht in die Kinderwelt.

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