Frau Schmidt, wir alle sprechen mit unseren Kindern – aber reden wir mit ihnen auch über die wirklich wichtigen Themen?
In der Regel nicht. Das ist wie in einer Ehe. Wir reden über den Alltag – dass beispielsweise der Geschirrspüler ausgeräumt werden muss. Aber wir fragen nur selten «Fühlst du dich wohl?», «Wo drückt der Schuh?».
Wir sollten öfter den Mund halten und unserem Kind genug Zeit zum Antworten geben.
Wie kommunizieren wir denn idealerweise mit unserem Nachwuchs?
Wir sollten vor allem öfter den Mund halten.
Wie bitte?
Tatsächlich denken wir häufig, dass vor allem die Eltern reden müssten, um mit Kindern ein Gespräch zu führen. Das stimmt aber nicht. Vielmehr handelt es sich um ein Geben und Nehmen. Wir Eltern können also lernen, mehr und bessere Fragen zu stellen und vor allem lange genug still zu sein – damit das Kind seine Gedanken sortieren kann und Zeit zum Antworten hat.

Was macht denn eine gute Frage aus?
Zunächst einmal muss eine Frage so beschaffen sein, dass der Nachwuchs sich auf das Gespräch einlässt – ich nenne dies «Türöffnerfragen».
Haben Sie ein Beispiel?
Nehmen wir den Klassiker: Der 13-jährige Sohn kommt nach der Schule nach Hause und hat offensichtlich überhaupt keine Lust zum Reden. «Wie wars in der Schule?» ist dann sicherlich der schlechteste Gesprächseinstieg. Würden Sie mich jetzt fragen: «Wie war Ihr Morgen bisher?», könnte ich darauf auch keine schlaue Antwort geben. Mit solchen Fragen überfordern wir Kinder oft.
Zielführender sind Gesprächseinstiege wie «Was ist heute Lustiges passiert?», «Wussten eure Lehrerinnen und Lehrer etwas, das ihr nicht wusstet?». Oder: «Gibts Gossip?» Spätestens bei dieser Frage tauen meine 14- und 17-jährigen Teenager auf. Wir versuchen also, andere Fragen zu stellen und «Türschliesserfragen» zu vermeiden.
Was meinen Sie damit?
Fragen, die nur dazu führen, dass Kinder mit «Das verstehst du nicht!» antworten und damit das Gespräch beenden. Dazu gehören beispielsweise «Wer hat angefangen?», «Wo warst du gestern?» oder «Warum hast du das gemacht?». Bei Fragen dieser Art fühlen sich Kinder sofort unter Rechtfertigungsdruck und brechen die Unterhaltung ab. Ausserdem sollten wir Eltern Fragen vermeiden, die sich nur mit Ja oder Nein beantworten lassen. Denn auch diese bringen ein Gespräch nicht in Gang.
Und wie gehts weiter, wenn der Gesprächseinstieg geglückt ist?
Dann gilt es darauf zu achten, wie wir auf die Antworten unserer Kinder reagieren. Selbst wenn es manchmal schwerfällt: Wir sollten diese nicht bewerten. Zwar dürfen wir unsere Meinung sagen, sollten uns aber mit Pauschalurteilen zurückhalten.
Als Eltern haben wir verinnerlicht, dass Kinder viele Worte hören sollen. Doch genauso wichtig ist es, ihnen zuzuhören.
Sie sagen, der Grundstein für die Eltern-Kind-Kommunikation müsse früh gelegt werden. Also im Säuglingsalter?
Ja. Mit Säuglingen lassen sich wunderbare Gespräche führen. Ein wenige Monate altes Baby kann ich fragen: «Wie war dein Tag, mein Schatz?» Bin ich dann still, «erzählt» es mir etwas, indem es brabbelt. Als Eltern haben wir verinnerlicht, dass Kinder viele Worte hören sollen. Doch genauso wichtig ist es, ihnen zuzuhören.
Nur so lernen sie, welche Zutaten es für ein gutes Gespräch braucht. Ich kann übrigens am Wickeltisch auch bereits mit der Sexualaufklärung anfangen: Beim Windelwechseln erzählen: «Das ist dein Bauch, das ist dein Penis …» Beginne ich damit bereits in diesem frühen Alter, muss ich keine peinlichen Gespräche führen, wenn sie zwölf sind.
Gerade im Teenageralter – wenn die Antworten des Nachwuchses immer einsilbiger werden und die Eltern peinlich, weil sie nicht jeden Sachverhalt auf Anhieb verstehen oder mal wieder etwas falsch aussprechen – ist es allerdings nicht immer leicht, mit Kindern in Verbindung zu bleiben.
Es gibt tatsächlich Kämpfe, die wir Eltern nicht gewinnen können. Ich habe gestern den Namen einer Fluggesellschaft falsch ausgesprochen – was unter meinen Kindern zu grosser Heiterkeit geführt hat. Daraufhin haben wir gemeinsam darüber gelacht und ich habe den Namen extra noch fünfmal falsch ausgesprochen.
Das ist der Trick: Teenager – oder besser gesagt Kinder ab dem Primarschulalter – brauchen keine Eltern, die allwissend sind und alles können. Sie brauchen Eltern, die ihnen zuhören und sie ernst nehmen. Ich frage meine Tochter oder meinen Sohn zum Beispiel häufig: «Möchtest du Hilfe? Oder soll ich dir nur zuhören?» Oft antworten sie darauf: «Nur zuhören, bitte.» Dann weiss ich: «Okay, keine Kommentare.»
Das am meisten unterschätzte Gesprächsthema mit Kindern? Geld, ganz klar.
Dummerweise sind Teenager oft dann gesprächsbereit, wenn Eltern keinen Kopf dafür haben. Der Klassiker: Bin ich auf dem Weg ins Bett, beginnt die 16-Jährige mit tiefgründigen Gesprächen.
Genau so ist es! Mir ging es erst kürzlich mit meinem Sohn so. Ich hatte eigentlich überhaupt keine Zeit, aber mir war bewusst: Wenn ich ihn jetzt abblocke, verschenke ich die Situation und er erzählt mir nichts von seiner Freundin. Gerade bei Kindern, die wenig reden, ist es wichtig, dass Eltern auf diese sich spontan öffnenden Zeitfenster achten und sie nutzen. Aber man kann das Ganze auch forcieren.
Wie zum Beispiel?
Indem wir bewusst Gelegenheiten für Gespräche schaffen – ohne dass diese dabei im Zentrum stehen. Meine Kinder und ich kochen zum Beispiel jeden Sonntag für die Woche vor. Ich finde, es gibt nichts Kommunikativeres, als zusammen einen Pizzateig zu kneten und nebenbei zu fragen: «Wie gehts deiner Freundin?»
Auch Aktivitäten wie gemeinsames Autofahren oder Spazierengehen bieten vom Setting her eine entspannte Gesprächssituation – weil man sich dabei nicht direkt in die Augen schaut, Gespräche dadurch seltener konfrontativ werden und wegen der Bewegung die Gefahr viel geringer ist, sich zu streiten.
In Ihrem aktuellen Buch «Zehn wirklich wichtige Gespräche, die Kinder und Eltern wachsen lassen» beschreiben Sie zehn Gesprächsthemen – zum Beispiel wie man die Wahrheit sagt, wie wir Toleranz leben oder wie man eine Grenze setzt. Welches davon ist für Sie das am meisten unterschätzte?
Das Thema Geld, ganz klar. Zumindest in Deutschland gibt es in der finanziellen Bildung vor allem von Mädchen noch viel aufzuholen. Wir bringen unseren Kindern vielleicht noch bei, dass Geld nicht auf Bäumen wächst, wie man so sagt, aber das ist es dann auch schon. Dabei ist die Frage, wie man mit Geld umgeht, ein Leben lang relevant für die Unabhängigkeit unserer Kinder.
Was ist Einkommen, was Auskommen? Warum ist eine eigene Wohnung, in der ich selber wohne, keine Investition, sondern eine Belastung? Oder ganz praktisch: Wie viel käme zusammen, wenn du das Geld, das du jeden Mittwoch nach dem Sport für einen Döner ausgibst, zehn Jahre lang mit 3,5 Prozent anlegst?
All diese Gespräche werden in der Regel nicht geführt – oder nur auf eine sehr unangenehme Weise: «Ich arbeite doch nicht, damit du dir jeden Mittwoch einen Döner kaufst!» Auch das Thema «Wie finde ich eigentlich Freunde?» besprechen Eltern meist nicht aktiv. Zwar machen wir uns Sorgen, wenn der Nachwuchs keine findet, aber wir bringen es ihm nicht bei. Stattdessen erwarten wir, dass Kinder selbst wissen, wie das geht.
Wie sollten wir es ihnen denn beibringen?
Es gibt eine spannende Studie der kanadischen University of British Columbia und der amerikanischen University of California. Dabei teilte sich eine Schulklasse in zwei Gruppen auf. Die eine Gruppe machte nichts Spezielles, die andere wurde in den folgenden Wochen zu sogenannten Random Acts of Kindness ermutigt, also zufälligen freundlichen Aktionen: einem anderen Kind eine Kleinigkeit mitbringen, es abschreiben lassen oder ihm sonst eine Freude bereiten.
Tatsächlich führte dies bereits in kurzer Zeit dazu, dass die Kinder dieser Gruppe mehr Freunde hatten als die anderen. Was zeigt: Einen positiven Kontakt herzustellen, woraus eine Freundschaft erwachsen kann, ist recht einfach. Gleichzeitig müssen Kinder aber auch lernen, wie man Gespräche führt. Primarschülerinnen und -schüler sind nämlich oft ziemliche Egoisten und stellen sich ins Zentrum; erzählen von ihrem tollen Papa, von ihrem neuen Basketball, aber zeigen kein Interesse an anderen.
Was müssen sie also lernen – das Fragenstellen?
Genau! Sie müssen lernen, andere beispielsweise zu fragen: «Was magst du gerne?» Kinder, die keine Fragen stellen können, haben vielleicht «Freunde», weil sie im Besitz einer Playstation sind oder etwas anderem, das sie für Gleichaltrige attraktiv macht. Aber sie bauen keine emotionalen Bindungen auf. Dies lässt sich jedoch – wie das Szenario mit der Schulklasse zeigt – recht einfach lernen.

Eltern nehmen es oft zu schnell hin, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter nicht viele soziale Kontakte hat, und sagen dann «Mein Kind ist halt nicht so der Freunde-Typ». Dabei lässt sich das Freundefinden lernen.
Welches ist für Eltern das unangenehmste Gesprächsthema?
Das berühmte Aufklärungsgespräch ist für viele nach wie vor eine peinliche und anstrengende Sache. Die gute Nachricht lautet jedoch: Wir müssen es nicht führen. Stattdessen führen wir mehrere kleinere Gespräche, wann immer sich die Gelegenheit bietet. Zu mir kommen aber auch oft Eltern, die vor dem Thema Tod zurückschrecken.
Kürzlich hatte ich Mutter und Vater eines vierjährigen Mädchens in der Beratung, das seit Wochen nicht wusste, dass der Opa gestorben war – und die Beerdigung rückte langsam näher. Auch wenn wir unsere Kinder vor dem Gefühl der Trauer schützen wollen: Es ist besser, mit ihnen über diese Dinge zu sprechen, gemeinsam zu trauern und auch zu weinen. So gibt man ihnen eine Strategie an die Hand, wie man mit solchen Situationen umgeht.
Empfinden Kinder dieselben Gespräche als unangenehm wie die Eltern?
Ja, denn sobald wir anfangen rumzudrucksen, merkt der Nachwuchs: «Oh, das scheint ein schwieriges Thema zu sein.» Auch Themen, über die immer wieder gestritten wird, sind vorbelastet.
Wie sollten Eltern denn ein unangenehmes Gespräch beginnen?
Am besten mit einer Frage: «Was weisst du eigentlich über Geld?» Oder: «Komm, wir tragen mal zusammen, was uns dazu einfällt.» Manchmal frage ich auch: «Wollt ihr darüber etwas wissen?» Dann ist meinen Kids klar: «Jetzt redet Mutter zehn Minuten, und dann ist wieder gut.» Auf diese Weise kriegen sie von mir in kleinen Häppchen immer wieder Informationen vorgesetzt. Das ist viel besser, als einen langen Vortrag zu halten.
Und wenn es um etwas Abstraktes geht wie zum Beispiel schwierige Freundschaften?
Auch dann halte ich keinen stundenlangen Monolog über toxische Beziehungen, das funktioniert in keinem Alter. Stattdessen frage ich: «Wie fühlst du dich mit diesem Menschen – wenn er da ist, wenn er wieder gegangen ist? Wie fühlt sich eine sichere Freundschaft an? Was müsste sich ändern, damit es sich so anfühlt?»
Bewusst eingeplante Familienzeiten verändern vieles. Da kommen die Gespräche von alleine.
Im hektischen Alltag ist es für Eltern allerdings oft nicht leicht, solchen Themen Raum zu geben. Wie und wann findet man dafür am besten Zeit?
Das Wichtigste ist, sich nicht so viel vorzunehmen. Also nicht den Anspruch zu haben, ein bestimmtes Thema vollumfänglich abzuhandeln. Sage ich: «Ich erkläre dir das in drei Minuten», fällt dies allen Beteiligten leichter als die Ankündigung: «Jetzt sprechen wir über Freundschaften.» Tatsächlich lässt sich das Thema in drei Minuten abhandeln.
Zum Beispiel so: «Es gibt angenehme und unangenehme Leute. Auf die Angenehmen freue ich mich, bei den Unangenehmen denke ich: «O nein, ich muss aufräumen.» Was ist deine Freundin für ein Mensch?» Ein Gamechanger sind aber auch ganz bewusst eingeplante Familienzeiten.
Was verstehen Sie darunter?
Feste Zeitfenster, in denen die Familie zusammenkommt. Wir laden zum Beispiel am Sonntagnachmittag niemanden ein und verabreden uns nicht. Stattdessen sind wir alle zu Hause, lümmeln im Bett herum, bürsten die Katzen. Klar gibt es Ausnahmen wie etwa Geburtstagsfeiern. Aber in den allermeisten Fällen gehört der Sonntagnachmittag uns als Familie. Und das brauchen wir auch! Solche Räume muss man sich bewusst nehmen, erkämpfen und wie einen Arztbesuch in die Agenda eintakten.
Sie meinen genauso wie gemeinsame Paarzeit, die man sich im Idealfall ebenfalls fest einplant?
Exakt. Wir stellen immer wieder fest, wie viel das verändern kann. In dieser Zeit gibt es bei uns keine Telefone, die Handys liegen in der Küche und sind auf leise gestellt. Wir kochen, putzen, tauen den Tiefkühler ab, hören Musik – und die Gespräche kommen von alleine. Es ist irre, was da alles passiert. Ich nenne das «gemeinsame Projekte haben».
In Ihrem Buch erzählen Sie, dass schon Ihre Mutter sehr gut im Gesprächeführen war und sich die Freundinnen und Freunde in Ihrer Jugend immer um sie geschart haben. Das war für diese Elterngeneration recht ungewöhnlich, oder?
Ja, sie gab jedem von uns das Gefühl, dass das, was uns bedrückte, wichtig war. Jetzt und hier war sie nur bei uns. Man musste nie fürchten, einen ungebetenen Ratschlag zu bekommen. Sie hörte einfach zu, fragte nach – aber nie so, dass man sich ins Kreuzverhör genommen fühlte. Vor allem aber verstand sie.
Buchtipp
Ich glaube, das ist weniger eine Frage der Generation als der Persönlichkeit. Meine Kinder hatten beispielsweise einen Urgrossvater, der ebenfalls sehr gut zuhören konnte. Doch wie gesagt: Man kann sich diese Fähigkeit auch aneignen. Sowohl für Eltern wie auch für Kinder gibt es hier etwas zu lernen.
Kinder müssen auch lernen, ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse auszudrücken. Um ihnen bei dieser Entwicklungsaufgabe zu helfen, haben Sie in Ihrer Familie Codewörter benutzt. Wie genau ging das vonstatten?
Als Familie sind wir ein Team und dürfen uns mit Codewörtern gegen den Rest der Welt abgrenzen. Rief ein Kind also von einer Freundin aus an und sagte «Mama, ich wollte fragen, ob ich bei XY übernachten darf» und hängte dann den Zusatz an: «Gehts den Katzen gut?», wusste ich, dass das Kind lieber nach Hause wollte und sich von mir ein Nein wünschte. Und das ist völlig okay.
Es ist schwer, einer Freundin oder einem Freund ins Gesicht zu sagen, dass man lieber zu Hause schläft. Kindern im Primarschulalter fehlt oft noch der soziale Mut, selbst sagen zu können, was sie wirklich möchten. Sie lernen das irgendwann – aber nicht heute. Heute ist das Kind müde und will einfach nur nach Hause. Deshalb helfe ich gerne aus, spiele die strenge Mama und fahre los, um es abzuholen.
Die Kommunikation mit unseren Kindern entscheidet auch über unsere lebenslange Beziehung zu ihnen, sagen Sie.
Ja, das ist so. Die gute Nachricht lautet jedoch: Wir können dies jederzeit ändern; schliesslich sind Kinder unfassbar nachsichtig. Haben wir bisher nicht darauf geachtet, die richtigen Fragen zu stellen und zuzuhören, müssen wir keine Schuldgefühle haben, sondern machen das ab sofort einfach anders. Und immer daran denken: Weniger ist mehr.
Nicht die Anzahl Fragen ist entscheidend, vielmehr gilt es die Antworten des Nachwuchses abzuwarten und den Raum zu halten. Ich frage meine Kinder manchmal: «Rede ich gerade zu viel?» – «Ein bisschen, Mama», heisst es dann oft. Dann weiss ich, dass ich mich für den Rest des Abends lieber zurücknehme.











