Mit etwa drei Jahren fing Emilio an zu stottern. Und seine Mutter, Brenda Beltran aus Zürich, war verzweifelt. «Ich habe als Kind auch stark gestottert»,erzählt sie, «und sehr darunter gelitten.» Die erlebte Scham, die Ausgrenzung wollte sie ihrem Sohn ersparen. Zum Teil stottert die dreifache Mutter heute noch – «aber ich habe Strategien entwickelt, um es zu unterdrücken».
Stottern hat viele Gesichter. Es äussert sich in Lautwiederholungen («K – K – K … Katze»), Dehnungen («Wwwwwasser») oder in Blockierungen – wenn das Sprechen in einem Wort einfach nicht weitergehen will. Das ist die hörbare Ebene.
Stottern ist nicht nur auf den Output begrenzt – es verunsichert das Kind und sein gesamtes Umfeld.
Wolfgang Braun, Logopäde
Tatsächlich entsprechen diese Symptome aber nur der Spitze des Eisbergs – dahinter steckt weit mehr: der Kontrollverlust, den Betroffene erleben, wenn sie ihre Worte nicht so steuern können, wie sie möchten. Die damit verbundene Verunsicherung, die Scham. Und vor allem: die Angst vor Gesprächssituationen («Ich weiss zwar, was acht plus zwei ist – aber soll ich jetzt wirklich aufstrecken, wenn die Antwort vielleicht nicht gleich rauskommt?»).
Ein mehrschichtiges Phänomen
«Wir haben es beim Stottern also mit einem mehrschichtigen Phänomen zu tun», sagt Wolfgang Braun, Logopäde, Dozent und Leiter des Förderzentrums der Hochschule für Heilpädagogik (HfH) Zürich. «Stottern ist nicht nur auf den Output begrenzt – es verunsichert das betroffene Kind und sein gesamtes Umfeld.»
Sprechunflüssigkeiten tauchen bei 80 Prozent der Kinder erstmals zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr auf. Doch nur ein Teil davon entwickelt eine Redeflussstörung, wie das Stottern in der Fachsprache heisst. Denn wenn ein Kind in diesem Alter Phasen der Wortwiederholungen durchläuft («und weisch und weisch und weisch, im Kindergarten, da hat, da hat, da hat»), muss das noch kein beginnendes Stottern sein, sagt der Logopäde: «In diesem Alter haben Kinder viel im Kopf, da lässt sich das häufig als Entwicklungsunflüssigkeit verbuchen.»
Halte die Phase allerdings länger als sechs Monate an, lohne es sich, das Ganze einer Fachfrau zu zeigen. «Schon allein, um unnötige Verunsicherungen bei Kind wie Eltern zu vermeiden.»
Insgesamt stottern ein bis fünf Prozent aller Kinder, drei- bis viermal so viele Buben wie Mädchen. «Das männliche Sprachsystem scheint fragiler und störungsanfälliger zu sein», so Braun. Bei Erwachsenen ist es noch ein Prozent – somit betrifft die Redeflussstörung in der Schweiz 82 000 bis 83 000 Menschen. Im ganzen deutschsprachigen Raum wiederum stottern über eine Million Menschen.
Je früher ein Kind in die Therapie kommt, umso grösser sind die Chancen, positiv Einfluss zu nehmen.
Stottern kann vererbt werden
Die Gründe für die Redeflussstörung sind sehr unterschiedlich. Bei 70 Prozent der Kinder lässt sich das Stottern auf neurogenetische Komponenten zurückführen. Hat beispielsweise ein Eltern- oder Grosselternteil gestottert, ist die Wahrscheinlichkeit grösser, dass das Kind ebenfalls stottert. Wobei Braun präzisiert: «Nicht das Stottern an sich wird vererbt, sondern die Veranlagung.»
Alexander Zimmermann wiederum, der bis zu seiner Pensionierung als Logopäde im Inselspital Bern gearbeitet hat und nun weiter in freier Praxis tätig ist, gibt zu bedenken, dass auch die Psychodynamik eine Rolle spielt: Viele Entwicklungsaufgaben wie etwa Autonomie im Trotzalter, Geschwister, die auf die Welt kommen, Eltern, die belastet oder krank sind – «da nimmt sich das Kind vielleicht zurück im Ausdruck und beginnt zu stottern». Umso wichtiger sei ein individueller Ansatz bei der Therapie mit unterstützenden Elterngesprächen.
Sich informieren und Schuldgefühle abbauen
Generell sollten sich Eltern lieber früher als später Hilfe und Beratung holen. «Das heisst dann noch nicht gleich Therapie», betont Braun. Stattdessen gehe es zunächst lediglich darum, sich zu informieren und Schuldgefühle abzubauen («Bin ich zu streng mit meinem Kind, mache ich etwas in der Erziehung falsch?»). Allerdings gelte auch der Grundsatz: Je früher ein Kind in die Therapie kommt, umso grösser sind die Chancen, positiv Einfluss zu nehmen.
Kämpft ein Kind gegen das Stottern an, verstärkt dies häufig die Redeflussstörung.
Bei jüngeren Betroffenen im Kindergartenalter steht dabei vor allem ein gelassenerer Umgang mit den Symptomen im Mittelpunkt. So wird beispielsweise geschaut, dass das Kind nicht gegen das Stottern ankämpft, denn das verstärkt die Redeflussstörung in der Regel. Stattdessen kommt häufig ein sogenannter Stottermodifikationsansatz zum Tragen.
Dabei soll das Kind Fachperson für sein eigenes Sprechen werden und günstige Strategien im Umgang mit seinem Stottern lernen; es versucht, nicht mit Anstrengung und Kraft die Unflüssigkeiten zu überwinden, sondern lernt einen gelassenen Umgang damit («Stottern ist okay, ich muss keine Angst davor haben»).
Kein Drama machen
«Es ist wichtig, dass Eltern das Stottern des Kindes nicht tabuisieren – schon allein, weil ein Kind sich sonst tausend schlimme Sachen ausdenkt», sagt Wolfgang Braun. «Das ist, wie wenn Sie ein paar Tage lang Bauchweh haben und irgendwann alles für möglich halten – von Magengeschwür bis zu Darmkrebs.»
Deshalb sollten Eltern aus dem Stottern am besten kein Drama machen, sondern sachlich feststellen: «Mir ist aufgefallen, dass die Wörter bei dir manchmal nur schwer rauskommen. Sollen wir mal zu jemandem gehen, der sich damit auskennt?»
Mit dem Schuleintritt stellen sich für stotternde Kinder neue Herausforderungen: Wie können sie aktiv am Unterricht teilnehmen? Sind Unterstützungen wie ein Nachteilsausgleich notwendig? «Auch das Problem des Hänselns tritt in diesem Alter häufig auf», so Alexander Zimmermann. Die Therapie in dieser Phase thematisiert daher auch Bewältigungsstrategien, zum Beispiel: «Wie kannst du darauf reagieren und dich wehren?»
Leidensdruck wächst in Pubertät
Bei Jugendlichen ab 13 Jahren gelten die Heilungschancen für Stottern als deutlich geringer. «Dann haben wir es mit einem gefestigten Stottern zu tun», so Zimmermann. In dieser Altersgruppe werde Stottern oft zu einem Vermeidungsverhalten, das genauer betrachtet werden müsse: Meidet der Jugendliche gezielt Sprechsituationen, um nicht stottern zu müssen, beispielsweise indem er nicht mehr zum Training geht?
Im Schulalter und vor allem in der Pubertät wächst bei stotternden Jugendlichen oft der Leidensdruck – weil sie sich nun an der Peergroup orientieren und alles andere als anders sein möchten. «Häufig ist das Jugendalter dann nochmals ein geeigneter Zeitpunkt für eine Therapie», so Zimmermann. «Denn wenn Betroffene wirklich darunter leiden, sind sie auch motivierter, mitzuarbeiten.»
Doch das Therapieziel ändert sich in diesem Alter: Nicht die permanente Sprechflüssigkeit steht nun im Vordergrund, sondern ein selbstbewusster Umgang mit dem Stottern. Das heisst, der Fokus verschiebt sich auf «Stottern ist nicht falsch, sondern einfach nur anders», die Jugendlichen sollen die Redeflussstörung also als Teil ihrer Persönlichkeit annehmen.
Damit verbunden sind auch Fragen wie: Soll ich in die Bewerbung schreiben, dass ich stottere? «Man kann dies natürlich nicht verallgemeinern», so Wolfgang Braun, «aber generell entlastet ein offener Umgang damit sehr. Der Versuch, das Stottern zu kaschieren, verbraucht wahnsinnig viel Energie.»
Stottern ist eine Einladung, sich mit sich selbst und den familiären Umständen zu beschäftigen.
Theresa Illmer, Selbstbetroffene und Logopädin
Die zentrale Botschaft des Stottercamps
Auch die Erfahrung «Anderen geht es genauso wie mir» kann helfen. Seit 25 Jahren veranstaltet Wolfgang Braun am Bodensee Camps für stotternde Jugendliche zwischen 11 und 18 Jahren. Eine Woche Auseinandersetzung mit sich, seinem Sprechen und der Natur.
«Hier kann ich meinen Namen sagen – und niemand fängt an zu lachen», zitiert Braun eine Teilnehmerin. Die zentrale Botschaft des Camps: «Stottern ist okay.» Es geht darum, die Teilnehmenden in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu stärken. Es braucht Mut, im Klassenzimmer die Hand zu heben. Oder im Restaurant nicht dasselbe Gericht wie der Nachbar zu wählen –, damit man möglichst wenig sagen muss.
Stottercamp
Bei Fragen steht Wolfgang G. Braun, Leiter des Camps, gerne zur Verfügung: wolfgang.braun@hfh.ch
Theresa Illmer aus Schaffhausen stottert seit ihrem vierten Lebensjahr, «mal mehr, mal weniger». Sie erinnert sich noch gut an das Gefühl der Einsamkeit und der Isolation in ihrer Kindheit und Jugend. «Stottern ist so unberechenbar und variabel», sagt sie. «Und es irritiert einfach, wenn es im Gespräch plötzlich auftritt.»
Heute ist die 27-Jährige selbst Logopädin, Co-Präsidentin und Fachberaterin bei Versta, der Vereinigung für Stotternde und Angehörige. Bis zu ihrem achten Lebensjahr war Illmer in Therapie, «dann galt ich als austherapiert und kam auch super durch – bis zum Übergang in die Oberstufe, da fing ich wieder mehr an zu stottern, obwohl ich all die therapeutischen Sprechtechniken perfekt beherrschte.»
Tatsächlich verstärken Übergänge wie etwa der Schuleintritt, der Wechsel an die Oberstufe oder der Ausbildungsbeginn oft das Stottern. Neue Situationen, die wieder Ängste und Schamgefühle hervorrufen können («Vielleicht merkt jemand, dass ich stottere»).

Hilfreicher Austausch mit Betroffenen
«Für Aussenstehende ist mein Stottern zwar oft nicht hörbar, aber ich merke sofort, dass ich stecken bleibe», sagt Theresa Illmer. «Damit verbunden ist ein ganz unangenehmes Gefühl der Enge und des Kontrollverlustes: Man weiss, was man sagen will, kann es aber in dem Moment nicht.»
Ihr habe vor allem die Selbsthilfegruppe geholfen: andere Leute kennenzulernen, die dasselbe Thema haben, zu erleben, dass sie nicht alleine ist. «Gerade weil es heute immer noch so viele Stereotypen und Stigmatisierungen von Stottern gibt (‹Sie ist vermutlich mega nervös›), die man zum Teil selbst verinnerlicht hat (‹Ich kann das nicht, weil ich stottere›), ist so ein Austausch ungemein wichtig.» Dank den Erfahrungen in diesem unterstützenden Umfeld hat Theresa Illmer gelernt, dass Stottern Menschen auf eine besondere Weise verbindet und auch seine positiven und humorvollen Seiten hat.
Die Persönlichkeit zu stärken, ist mindestens so wichtig, wie die sprachlichen Fähigkeiten zu verbessern.
Brenda Beltran, Mutter eines betroffenen Kindes
Was sie als Selbstbetroffene und Logopädin Eltern rät? «Stottern ist eine Einladung, sich mit sich selbst und den familiären Umständen zu beschäftigen», so Illmer. Es sei ein Lernumfeld, in dem es vor allem ums Aushalten und Warten gehe. Aushalten, dass das Kind anders redet. Warten, bis es fertig erzählt hat («Und sonst klar kommunizieren, warum man gerade keine Zeit hat»).
Dabei den Fokus darauf legen, was und nicht wie es etwas sagt. Keine Sätze beenden («Das erachten viele stotternde Menschen als bevormundend», so Illmer) und Ratschläge wie «Sprich langsamer» oder «Hol erst mal Luft» vermeiden – das verunsichert Kinder nur.
Schule und Stottern
Und was gilt es in Sachen Schule zu beachten? «Die schlechte Nachricht lautet: Es gibt kein Patentrezept», sagt Wolfgang Braun. «Die gute: Alles ist Verhandlungssache – und vor allem sehr individuell zwischen stotternder Person und Lehrkraft abzusprechen.»
So sei es für manche Schüler sinnvoll, in einer ganz bestimmten Reihenfolge in der Klasse dranzukommen. Für andere wiederum ist genau das eine Horrorvorstellung. Manche profitieren davon, wenn sie den Vortrag nicht live vor der ganzen Klasse halten müssen und ihn zu Hause auf Video aufzeichnen dürfen, um ihn dann in der Schule abzuspielen. Andere möchten auf eine solche Sonderbehandlung verzichten. Sicher ist nur: «Lehrpersonen hören leider in ihrer Ausbildung nur wenig bis nichts, wie sie mit stotternden Schülerinnen umgehen sollen.»
Gerade deshalb ist es als Elternteil wichtig, in der Schule dranzubleiben und sich immer wieder für die Bedürfnisse seines Kindes stark zu machen – dies hat auch Brenda Beltran in den letzten Jahren gelernt. Ihr Sohn Emilio ist mittlerweile zwölf Jahre alt. Durch ihn hat sich die Mutter mit ihrem eigenen Stottern auseinandergesetzt und ist heute im Vorstand von Versta aktiv.
Nützliche Links
- Versta – Vereinigung für Stotternde und Angehörige – fördert Austausch und Vernetzung zwischen Stotternden und Familien
- Informationen und FAQ zum Thema Stottern
- Selbsthilfe Schweiz
- Stotterselbsthilfe Deutschland mit zahlreichen Broschüren zum Download
- Zum Thema Schule und Stottern
Medienkonsum reduzieren
Was sie Eltern von stotternden Kindern mitgibt: nicht in Panik geraten, sondern ruhig bleiben. Und auch falls es schwerfällt, gerade wenn man eigene Erfahrungen mit Stottern hat: nicht seine Sorgen auf das Kind projizieren. «Denn das Umfeld hat es mit seiner Reaktion sehr in der Hand, ob für das stotternde Kind ein Leidensdruck entsteht oder nicht», so die dreifache Mutter.
Was sie bis heute sehr bewundert: «Dass Emilio sich traut zu sprechen – diese Selbstsicherheit besass ich als Kind nicht. Vermutlich fällt ihm das leichter, weil er Unterstützung und Anerkennung erfährt.»
Darüber hinaus betont Brenda Beltran die Notwendigkeit, den Medienkonsum zu reduzieren. «Das gilt ja eigentlich für alle Menschen. Aber ich bemerke, dass die vielen Bilder, Texte und Videos, die in unglaublicher Geschwindigkeit auf uns einprasseln, es Stotternden zusätzlich erschweren, ihre Gedanken zu organisieren und auszusprechen.»
Ausserdem sollten Eltern versuchen, ganz bewusst die Stärken ihres Kindes herauszustreichen – statt immer nur defizitär zu denken. «Die Persönlichkeit zu stärken, ist mindestens so wichtig, wie die sprachlichen Fähigkeiten zu verbessern», sagt Beltran.









