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Wie man mit Kindern Sprechen und Vortragen übt

Aus Ausgabe
04 / April 2026
Lesedauer: 5 min
Ob Referat, Buchvortrag oder auch nur eine Wortmeldung: Vielen Kindern fällt es schwer, vor anderen zu sprechen. Doch diese Sprechsituationen lassen sich üben, auch zu Hause.
Text: Antonia Spohr

Bild: Getty Images

Die Klasse schaut nach vorn. Julian steht neben der Tafel, das Herz rast, der Mund ist trocken. Gleich soll er sein Referat über Kläranlagen halten. Da erinnert er sich an das, was er zu Hause geübt hat: «Stell dir vor, du bist ein starker T-Rex. So gehst du nach vorne», hat ihm sein Vater geraten.

Julian hebt den Kopf, richtet sich auf, spürt die Kraft in seinen Beinen und atmet tief in seine muskulöse Dinosaurierbrust, bevor er zu sprechen beginnt. Nicht perfekt, aber mit Haltung. Was Julian an diesem Morgen erlebt, kennen viele Kinder. Ob Referat, Gedichtvortrag oder Wortmeldung: Sprechen vor anderen gehört zu den grössten Mutproben der Schulzeit.

Solche Sprechsituationen werden heute zwar schon in den unteren Klassen geübt, doch leicht sind sie deshalb noch lange nicht. Manche Kinder stehen gern im Mittelpunkt, andere beobachten lieber still. Temperament, Sprachentwicklung und frühere Erfahrungen spielen dabei eine grosse Rolle.

Was können Eltern tun, wenn sich ihr Kind mit der mündlichen Beteiligung schwertut, der Gedanke an ein Referat oder einen Buchvortrag ihrem Sohn beziehungsweise ihrer Tochter Schweissperlen auf die Stirn treibt? Diese Tipps aus dem Stimm- und Sprechtraining helfen auch Schülerinnen und Schülern:

1. Das Gefühl neu deuten

Lampenfieber ist kein Fehler, sondern ein Körperalarm, der uns auf eine wichtige Situation vorbereitet. Das Herz klopft, die Hände schwitzen, der Puls steigt; genau wie vor dem Start auf einer Achterbahn. Eltern können ihrem Kind helfen, diese Aufregung neu zu rahmen: «Das Gefühl, das du jetzt hast, ist dasselbe, das Menschen spüren, bevor sie in eine grosse Achterbahn steigen. Für diesen Nervenkitzel zahlen andere Eintritt.»

Wer den Inhalt wichtiger nimmt als sich selbst, wird automatisch ruhiger.

Wer versucht, die Nervosität zu unterdrücken, verstärkt sie nur. Das ist wie beim nächtlichen Wachliegen. Je mehr man sich zum Einschlafen zwingt, desto wacher wird man. Wenn Kinder lernen, die körperliche Erregung nicht als Feind, sondern als Energiequelle zu begreifen, verwandelt sich Anspannung in Konzentration.

2. Den Körper als Verbündeten nutzen

Aufregung lässt sich nicht wegdenken, aber sie lässt sich körperlich steuern. Kinder brauchen dafür keine komplizierten Übungen – nur Bilder, die Kraft geben. «Stell dir vor, du bist ein starker T-Rex. So gehst du nach vorne zur Tafel.» Allein diese Vorstellung verändert Haltung und Atmung. Die Schultern gehen nach hinten, der Blick hebt sich, die Stimme bekommt Raum.

Auch Musik kann helfen: Ein Lied im Kopf, das Energie gibt – etwa «Unstoppable» von Sia oder «Let It Go» aus dem Disneyfilm «Frozen» –, und schon wird der Gang nach vorne zu etwas, das man aktiv gestaltet, nicht zu etwas, das einem passiert. Diese kleinen Embodiment-Tricks holen das Kind aus der Angstspirale heraus. Denn wer sich stark spürt, denkt nicht mehr nur über das Sprechen nach; er lebt es.

Lieder wie «Unstoppable» von Sia können helfen, um selbstbewusster aufzutreten.

3. Den Fokus verändern

Viele Kinder erleben Referate als Bewertungssituation: Wie finden mich die anderen? Wie hört sich meine Stimme an? Sehe ich komisch aus? Aber ein Vortrag ist kein Schönheitswettbewerb. Er ist eine Serviceleistung für die Klasse. Es geht nicht um die Frage: «Wie komme ich an?», sondern: «Was könnte die anderen an meinem Thema interessieren?»

Diese kleine Verschiebung der Perspektive – weg von der Selbstbeobachtung hin zur Aufmerksamkeit für das Publikum – nimmt Druck und ersetzt ihn durch Sinn. Wer den Inhalt wichtiger nimmt als sich selbst, wird automatisch ruhiger.

Wie Eltern den Mut zu sprechen im Alltag fördern können

Mut zum Sprechen entsteht nicht im Rhetoriktraining, sondern in vielen kleinen Momenten, in denen Kinder merken: Ich darf mich zeigen. Ein Anruf beim Zahnarzt, um den Vorsorgetermin zu vereinbaren. Ein Witz beim Familienessen. Ein Zaubertrick vor der Geburtstagsrunde. Alles, was Aufmerksamkeit erfordert, stärkt das Selbstvertrauen.

Und dazu ergeben sich im Alltag viele Gelegenheiten: Im Restaurant sollte ein Kind selbst bestellen dürfen – auch wenn es etwas länger dauert. Oder es fragt im Laden nach, wo etwas steht. Manchmal reicht schon, an der Kinokasse selbst die Tickets zu holen oder in der Gelateria die Bestellung abzugeben. Solche Situationen wirken unscheinbar, aber sie lehren Kinder: Ich kann etwas sagen und es passiert etwas Gutes.

Dabei ist es wichtig, die Kinder nicht zu überfordern. Manche Kinder sind so schüchtern, dass selbst kleine Sprechsituationen zur Überforderung werden. In solchen Fällen hilft kein gutes Zureden, sondern Entlastung, Humor und Sicherheit. Der Mut wächst nicht aus Druck, sondern aus Vertrauen.

Oft liegt die Hemmung gar nicht am Sprechen selbst, sondern daran, dass Kinder sich im Kontakt mit Fremden unwohl fühlen. Sie wissen nicht, was sie erwartet, und ziehen sich deshalb lieber zurück. Wenn Erwachsene solche Unsicherheiten ernst nehmen, verlieren sie an Bedrohlichkeit.

Je öfter ein Kind erlebt, dass seine Stimme zählt, desto selbstverständlicher spricht es.

Statt zu sagen: «Jetzt bestell doch endlich deine Glace selbst!», kann man gemeinsam spielerisch üben. Rollenspiele schaffen einen geschützten Raum, in dem das Kind sich ausprobieren darf. Manchmal genügt es, beim ersten Mal einfach nur gemeinsam zur Gelateria zu gehen, beim nächsten Mal ein Nicken oder ein kurzes Danke zu wagen. Mit jedem kleinen Schritt wächst die Sicherheit und das Sprechen wird ein Stück selbstverständlicher.

Sprechspiele wie «Tabu», «Montagsmaler» oder «Wer bin ich?» trainieren nebenbei das spontane Erklären vor anderen. Loben Sie den Mut, nicht nur das Ergebnis. Und erzählen Sie ruhig auch von Ihrer eigenen Aufregung, das macht Mut auf Augenhöhe. Je öfter Kinder erleben, dass ihre Stimme zählt, desto selbstverständlicher wird das Sprechen.

Am Ende zählt Erfahrung, nicht Perfektion

Mut entsteht nicht durch gutes Zureden, sondern durch Wiederholung. Wer einmal erlebt, dass er sprechen kann, obwohl die Knie zittern, nimmt dieses Gefühl mit in jede neue Situation. Denn Selbstvertrauen wächst nicht, wenn alles gelingt. Es wächst, wenn wir merken: Ich halte das aus. Und ich habe etwas zu sagen.

Buchtipp

Antonia Spohr: Ein Werwolf mit Lampenfieber. Hase und Igel 2026, 143 Seiten, 13 Fr.