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«Können wir bitte eine Musikdusche haben?»

Lesedauer: 6 min

«Können wir bitte eine Musikdusche haben?»

Die Schülerinnen und Schüler von Musikpädagogin Sibylle Dubs lieben Experimente mit ungewohnten Klängen. Diese fördern nicht nur ihre Hörkompetenz – sie lernen sich dabei auch selbst neu kennen.
Text: Sibylle Dubs

Zeichnung: zVg

Passionata – Musikunterricht macht den Unterschied

Sie, Frau Dubs, hören Sie mal, meine Stimme ist so schön», rief mir die Zweitklässlerin Sara* im Unterricht zu und startete sogleich eine Stimmimprovisation. «Huuuuund, Hund, Hund, Huuuuund, Mutter, Mutter, Welt-Aaaalllll!». Rauf und runter ging Saras Stimme, manchmal schnappte der Ton wie beim Naturjodel, um dann schwebend seinen Weg zu suchen. 

Grund für dieses Musikexperiment war ein Auftrag an die Kinder: Sie sollten aus einem Stapel drei Kärtchen mit Nomen ziehen und eine Geschichte dazu erfinden. «Der Hund, die Mutter und das Weltall» wählte Saras Gruppe. Die Nomengeschichte durfte vorgespielt, mit Instrumenten vertont, getanzt oder gesungen werden. Sara genoss ihren Gesang mit geschlossenen Augen. Als sie fertig war, fragte sie strahlend: «Haben Sie gehört?».

«Musik ist ein Grundnahrungsmittel»

Wer es schafft, Klänge als etwas Eigenständiges zu erleben, erhält Zugang zu jeder Art Musik. Die vielfach ausgezeichnete Pianistin Simone Keller interpretiert oft Neue Musik – ein breites Genre jenseits der üblichen Hörgewohnheiten. Nicht alle finden Geschmack daran. Denn man kann sich beim Hören nicht auf vertraute Harmonien und Formen abstützen.

Beim Klangweg erlebten die Kinder auch, wie wichtig die Stille zwischen den Tönen ist.

Neue Musik ist experimentell, spielt mit Geräuschen, lässt Klänge aufblitzen oder verwehen. Simone Keller versteht sich als Brückenbauerin, die Wege öffnet, Berührungsängste gegenüber Neuer Musik abzubauen. «Musik ist ein Grundnahrungsmittel», erklärte sie kürzlich in einem Radiointerview. Deshalb kämpfe sie dafür, dass Musik in ihrer ganzen Vielfalt diesen Stellenwert erhält. 

Musikalische Allesfresser

Diese Vielfalt sehen wir in der Musikpädagogik als Ressource, die Offenheit und Selbstbewusstsein fördert. Soziologische Studien kamen zum Schluss, dass Menschen mit höherem sozialem Status oft sogenannte kulturelle «Allesfresser» (omnivores) sind. Die musikalischen Welten der Kinder zu erweitern, ist ein Beitrag zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftlicher Teilhabe. 

Sara war im Musikunterricht schon immer eine Allesfresserin und steckte mit ihrer fröhlichen Art die anderen an. Man kann dies mit dem Mittagstisch vergleichen: Ein Kind, das als Peer vorlebt, wie man Neues ausprobiert, beeinflusst die andern positiv.  Die Klasse bettelte Woche für Woche um neuen musikalischen Input: «Bitte Frau Dubs, wir brauchen eine Musikdusche».

So funktioniert die Musikdusche

Für die Musikdusche, eine Erfindung des Musikpädagogen Christian Berger, führe ich ein Kind nach dem andern zum Klang eines Schlagzeugbeckens auf den Boden und «dusche» es ab, bis der Nachhall abgeklungen ist.  Dann lasse ich den Kindern im abgedunkelten Raum ein Musikstück laufen. Sie erhalten dazu einen Hörauftrag: Woran denkst du beim Hören? Wiederholt sich ein Thema? Wie würdest du die Musik beschreiben oder betiteln?

Nachdem die Kinder eine «Musikdusche» erhalten haben, hören sie aufmerksam ein Musikstück. (Bild: zVg).

Offenheit für Neues und eine hohe Hörkompetenz führt dazu, dass sich Kinder mit Freude in musikalische Experimente stürzten. Die Kinder erkennen schnell: Je besser sie dem eigenen Spiel zuhören, desto mehr können sie sich entwickeln.

Die Kinder aus Saras Klasse komponierten mehrstimmige Klangbilder zu Fotografien vom Nordpol, vertonten ihre eigenen Zeichnungen am Xylophon oder spielten spontane Laut-und-leise-Konzerte. Wir gestalteten auch einen Klangweg, bei dem ein Kind mit verbundenen Augen entlanggeführt wurde und dabei erlebte, wie wichtig auch Stille zwischen den Tönen ist. (Hören Sie sich hier vier verschiedene Improvisationsbeispiele an: Sturm, Gespenster, Glockenspiel und Regen.)

Wenn Musizieren, Hören und Bewegung verschmelzen

Ziel ist es, dass das Musizieren mit dem Hören verschmilzt und darüber hinaus auch mit der Bewegung. Bei der Nomengeschichte übernahm Sara den Gesangs-Part und die anderen beiden Mädchen der Gruppe tanzten zur Stimmimprovisation. Ich sah aus der Distanz, wie sie herzhaft lachten und doch konzentriert probten.

Am Schluss führten alle ihre Produktionen auf. Manche brauchten dafür viele Instrumente oder sie gestalteten mit Tüchern und anderem Material Kulissen. Saras Gruppe betrat als letzte das abgeklebte Viereck am Boden, welches die Bühne darstellte. 

Musikdusche im Unterricht

Die 3 beliebtesten Stücke der Kinder

«Mutter, Mutter» flüsterte sie und musste kurz ein Lachen unterdrücken. Ihre Teamkolleginnen lagen regungslos am Boden. In der folgenden Minute holte Sara alles raus, was ihre Stimme und die drei Wörter hergaben. Die Tänzerinnen bewegten sich zum Teil abgemacht, zum Teil frei zu den Klängen. Fürs Finale griffen sie nach einem Haufen Chiffontücher und warfen sie in die Höhe. Sie badeten im Tücher-Regen und im Applaus.

Differenziert beobachten und reflektieren

Nach Präsentationen frage ich nie, wie es den Kindern gefallen hat, sondern stelle immer die gleichen drei Fragen: Gab es einen Anfang und ein Ende? Mussten die Kinder beim Vorführen miteinander sprechen? Was ist euch sonst noch aufgefallen? So lernen die Kinder eine Aufführung zu planen, zu üben und notfalls zu improvisieren.

In ihrer Rolle als Publikum lernen sie zudem, differenziert zu beobachten und zu reflektieren. Die achtjährigen Kinder berichteten beispielsweise, wie Saras Stimme beim Wort Hund dreimal hintereinander im Ton aufgestiegen ist und die Tänzerinnen zuerst nur mit den Armen und dann mit dem ganzen Körper die Bewegung mitgemacht haben. 

Was ist denn nun die Geschichte vom Hund, der Mutter und dem Weltall? – Ich glaube, jeder hat eine andere gehört.

Bei Kilian, der mit seiner Gruppe zuvor eine Nomen-Geschichte in mehreren Akten vorgeführt hatte, blieb eine Frage offen: «Was ist denn nun die Geschichte vom Hund, der Mutter und dem Weltall?» Da wurde es einen Moment still. Bis Sara die Lösung präsentierte: «Ich glaube, jeder von uns hat eine andere Geschichte gehört.» Die Kinder waren zufrieden mit der Antwort. Und ich hätte vor Freude in die Luft springen können – wie zwanzig farbige Chiffontücher.

*Die Namen der Kinder wurden von der Redaktion geändert.

Passionata –Musikunterricht macht den Unterschied

Diese Kolumne berichtet von Erlebnissen im Musikunterricht des Stadtzürcher Schulhauses Holderbach. Die Kinder der ersten und zweiten Klasse besuchen wöchentlich zwei Lektionen Musikalische Grundausbildung (MGA) bei einer Fachlehrperson.

Ab der dritten Klasse haben sie die Möglichkeit, dem Schulhauschor beizutreten. Regelmässig singen und tanzen Kinder und Lehrpersonen zusammen auf dem Pausenplatz.

Musizieren ist das pure Leben und ein pädagogisch fundierter Musikunterricht wichtig für die Entwicklung jedes Kindes.