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Das Blatthorn mit den Rollerblades

Lesedauer: 5 min

Das Blatthorn mit den Rollerblades

Im Musikunterricht von Sibylle Dubs wird nicht nur gesungen und musiziert, sondern auch gezeichnet und gebastelt. So können sich die Kinder auf eine andere Art ausdrücken. Oft entstehen dabei wunderbare Dinge – so auch das Blatthorn.
Text: Sibylle Dubs

Bild: zVg

Passionata – Musikunterricht macht den Unterschied

Manchmal beginnt eine Sequenz im Musikunterricht nicht mit einem Lied, sondern mit einem Stift. Ich werde häufig zu den Zeichnungen in meinen Kolumnen angesprochen und gefragt, ob diese im Unterricht entstanden sind oder ob die Kinder diese zu Hause zeichneten. Die Antwort ist: beides.

Das Zeichnen ohne Auftrag mitten in einer Musikstunde gibt Kindern eine weitere Möglichkeit, sich auszudrücken. Manchmal kommen sie dabei auf musikalische Ideen. Und wenn nicht, sind die ruhigen gestalterischen Momente und die Gedanken, welche die Kinder zu ihren Bildern erzählen, eine wertvolle Gelegenheit, die Beziehungen zu vertiefen.

Diese Chance sah ich auch bei Jakob*, als er anfangs der ersten Klasse während des freien Zeichnens einen Weltklasse-Papierflieger faltete. Jakob war verschlossen und störte öfters im Unterricht. Der Flieger war eine perfekte Gelegenheit, Jakobs Können zu würdigen. Doch als ich mich interessiert zu ihm setzte, wollte er mir seinen Flieger nicht recht zeigen. Erst als ich mich abwandte, liess er ihn fliegen.

Die Gleitfähigkeit war beeindruckend, und freudig schlug ich Jakob vor, dass wir versuchen könnten, den Flug mit Lotusflöte, Trommeln oder sonst einem Instrument zu vertonen.  

Kinder erfahren Selbstwirksamkeit

Diesem Vorgehen liegt der Gedanke zugrunde, dass Musik, ähnlich wie im Zen-Buddhismus, nicht für sich alleine existiert, sondern mit allem verbunden ist: mit der Natur, dem Menschen und auch mit einem Papierflieger. Gerade wenn Kinder desinteressiert wirken, ist es hilfreich, ihre eigenen Ideen aufzugreifen und zu vertiefen, da sie dabei Selbstwirksamkeit erfahren. 

Aber in diesem Fall klappte es nicht. Jakob antwortete nicht auf meinen Vorschlag, Musik für seinen Flieger zu erfinden. Er hob ihn stattdessen unsanft mit einer Hand vom Boden und versteckte ihn zerknüllt hinter dem Rücken.

Jedes Schulkind sehnt sich nach individueller Weiterentwicklung und Bestärkung.

Früher hatte ich solche Situationen hinterfragt. Heute bin ich nicht entmutigt, wenn ein Kind ein Angebot ablehnt. Ganz im Gegenteil, es kann die Beziehung nur stärken, wenn ich mit Leichtigkeit reagiere. Vielleicht war es Jakob zu viel, im Mittelpunkt zu stehen mit seinem Flieger, oder er hat sich unter meinem Vorschlag zu wenig vorstellen können.

Der Schlüssel liegt darin, darauf zu vertrauen, dass wir uns langfristig finden werden – getragen von Neugier statt von Erwartungen. Jedes Schulkind sehnt sich nach individueller Weiterentwicklung und Bestärkung, nicht nach Unterwerfung.

Der Christbaum vom Strassenrand

Sobald die Kinder aber verstanden haben, dass alles mit der Musik zusammenhängt, machen sie eigene Vorschläge und bringen gelegentlich Gegenstände in den Unterricht mit.

Kürzlich kam ein Bub mit einem grossen Stecken, der ihn beinahe überragte. Er hatte damit aber keine musikalischen Absichten, sondern fürchtete, jemand könnte den Riesenprügel draussen mitnehmen. Als die Kinder später im Unterricht zeichneten, fertigte er mit viel Sorgfalt eine Scherenschnitt-Verzierung an, die er über den Stecken zog. Anschliessend bildeten wir einen Trommelkreis und jeweils ein Kind durfte in die Mitte treten und mit dem verzierten Ast die rhythmischen Betonungen spielen. Der Scherenschnitt flatterte dabei wie eine barocke Halskrause.   

Eine lustige Stunde hatten wir, als eine Gruppe einen entsorgten Christbaum vom Strassenrand anschleppte. Die Kinder legten ihn in die Mitte des Raumes, schmückten ihn mit Tülltüchern und bauten rundherum einen musikalischen Parcours.

Ein anderes Mal stürzte ein Mädchen in der Pause in den Matsch. Der Fleck auf ihrem T-Shirt erinnerte an einen Tierkopf. Wir legten das Shirt auf den Kopierer und die Kinder erfanden Fantasietiere. Dabei entstand etwa das Sechsbeinige Blatthorn, das sehr gefährlich, aber auch lustig war. Der Name «Blatthorn» lieferte uns gleich zwei Klänge. Und so improvisierten wir eine raschelnd-trötende Musik, zu der jeweils drei Kinder hintereinander an der Hüfte festhaltend durch das Zimmer glitten – denn Rollerbladesfahren war das Hobby des Blatthorns. 

Der Fleck auf dem T-Shirt erinnerte die Kinder an ein Tier ...
... und inspirierte sie zum Blatthorn.

Anders als das dreckige T-Shirt führten Jakobs Flieger nie zu einem gemeinsamen Moment mit der Klasse. Doch er faltete fleissig weiter. Manchmal als Auftragsarbeit für ein anderes Kind, meistens still nur für sich selbst.

Parallel dazu trat aber eine andere Begabung immer deutlicher hervor: das Tanzen. Der Bub bewegte sich differenziert und ausdrucksstark, nutzte den ganzen Raum und setzte elegante Schritte. Er, der kaum sprach, begann mit seinem Körper zu kommunizieren. Das blieb auch den anderen Kindern nicht verborgen. Als wir einen Tanz erfanden, wollten plötzlich alle Jakob in ihrer Gruppe haben. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er wurde wahrgenommen und wertgeschätzt. Stolz tanzte er zuvorderst in der Aufstellung, im Wissen, dass die anderen sich an ihm orientierten.  

Von diesem Morgen an verweigerte sich Jakob nicht mehr, sondern war präsent und immer aktiver im Musikunterricht.  

In der letzten Stunde vor Weihnachten drückte er mir beim Abschied einen bemalten Papierflieger in die Hand. «Musikflugzeug» sagte er und ging nach draussen, um sich still seine Jacke anzuziehen. 

*Der Name des Kindes wurde von der Redaktion geändert.

Passionata –Musikunterricht macht den Unterschied

Diese Kolumne berichtet von Erlebnissen im Musikunterricht des Stadtzürcher Schulhauses Holderbach. Die Kinder der ersten und zweiten Klasse besuchen wöchentlich zwei Lektionen Musikalische Grundausbildung (MGA) bei einer Fachlehrperson.

Ab der dritten Klasse haben sie die Möglichkeit, dem Schulhauschor beizutreten. Regelmässig singen und tanzen Kinder und Lehrpersonen zusammen auf dem Pausenplatz.

Musizieren ist das pure Leben und ein pädagogisch fundierter Musikunterricht wichtig für die Entwicklung jedes Kindes.