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Wenn musikalische Duft-Noten zu Übelkeit führen

Lesedauer: 5 min

Wenn musikalische Duft-Noten zu Übelkeit führen

In einem Praktikum hat Kolumnistin und Musikpädagogin Sibylle Dubs den grandiosen Einfall, einen Dreiklang mit drei verschiedenen Düften darzustellen. Doch der Schuss geht gehörig nach hinten los.
Text: Sibylle Dubs

Zeichnung: zVg

Passionata – Musikunterricht macht den Unterschied

Nächste Woche kommt «Mut und Kraft» mit in den Musikunterricht. So heisst der Duft, den ich auf Empfehlung meiner Yoga-Lehrerin für die Schulkinder gekauft habe. Er soll mir helfen, eine Idee aus dem Studium zu Ende zu bringen und eine desaströse Unterrichtserfahrung aus meinem ersten Praktikum zu bewältigen. Viele Jahre ist es her, als ich versuchte, den Geruchssinn in den Musikunterricht einzubauen.

Denn die Sinne des Menschen stehen in der Elementaren Musikpädagogik im Zentrum. Hören, Sehen, Tasten, Gleichgewicht, Spüren, Raumwahrnehmung – zu allem stellten wir im Studium einen Bezug her. Aber der Geruchssinn fand nie Eingang. Dabei können Düfte, genau wie Musik, uns tief berühren und Erinnerungen hervorrufen.

Auf der Treppe zum Keller meiner Grosseltern roch es nach Do-it-yourself-Farben, Waschmittel und feuchtem Beton. Begegne ich diesem seltenen Gemisch heute, ist es für mein Gehirn das pure Glück. Solche Orte haben eine sogenannte olfaktorische Qualität.

Eine berühmte Expertin in dem Gebiet ist die Wissenschaftlerin und Künstlerin Sissel Tolaas. Sie konstruiert chemisch Gerüche nach, die an Berliner Stadtteile, den Ozean oder an ein Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges erinnern. Letzteres war eine Auftragsarbeit für eine Museumsausstellung, die von Tolaas olfaktorisch bereichert wurde. Die Künstlerin sagt, der Geruchssinn sei der direkteste Weg zum Gehirn. Ikea liess sich von ihr den «Duft von Schweden» kreieren.

Der Duft der Musik

Das brachte mich auf die Idee, nach dem Duft der Musik zu suchen. Allein das Wortspiel «Duft-Note» war mir Grund genug, den Geruchssinn in die Unterrichtsplanung einzubauen. Als ich im Praktikum den Auftrag erhielt, mit einer Klasse das Dreiklang-Lied «Schneeglöckchen» von Gerda Bächli durchzuführen, sah ich die Gelegenheit für eine olfaktorische Lektion.

Ein Dreiklang besteht aus drei Tönen: Do, Mi und So, bekannt aus dem Beatles-Song Ob-la-di Ob-la-da und von jedem zweiten Schulhausgong. 

Euphorisch erläuterte ich der Drogistin mein Projekt und sang ihr mitten im Laden den Dreiklang vor.

Wenn Kinder in der ersten Klasse den Dreiklang zusammensetzen, begegnen sie einem Grundbaustein unserer Musik. Für die Lektion suchte ich nach einem Bild, das veranschaulicht, wie der Dreiklang die Musik zusammenhält.

Den Frühlingsduft erlebbar machen

Ich fand im Buch «Die Wichtelkinder» eine schöne alte Kiefer, in deren Wurzelhöhle die Wichtelfamilie wohnt. Die Klasse sollte diesen Baum mit Tüchern und Mobiliar nachbauen und darin die Klangstäbe platzieren: Das So in die Krone (wo die Wichtel mit den Eichhörnchen Verstecken spielen), das Mi zu den Blumen und das Do zur Wohnung unter der Erde. Zusätzlich textete ich das Lied um, damit Tanne-Blume-Erde auf die Töne So-Mi-Do fielen und beim Wort «Früh-lings-duft» der ganze Dreiklang zusammenklang. Und diesen Frühlingsduft wollte ich auch über den Geruchssinn erlebbar machen.

Hören Sie sich hier das von Sibylle Dubs umgeschriebene Lied «Frühlingsduft» an.

Der Dreiklang-Baum.
Der Dreiklang-Baum. (Bild: zVg)

Ich verzierte Streichholzschachteln, befüllte sie mit Wattebäuschen und ging zur Drogerie, um passende ätherische Öle zu kaufen. Eine Mitarbeiterin bot ihre Hilfe an. Euphorisch erläuterte ich mein Projekt. «Und die Kinder sollen den Ton riechen?» fragte sie. «Drei Töne, drei Höhen, drei Duftnoten», erklärte ich und sang ihr den Dreiklang mitten im Laden vor. Sie schien skeptisch, räumte aber zum Testriechen sämtliche Duft-Paletten aus den Regalen.

Für den obersten Ton in der Baumkrone war «Zirbelkiefer» wie gemacht – ich sah das Arvenstübli vor meinem geistigen Auge. Für die Blumen wählte ich «Jasmin».  Und schliesslich entschied ich, dass der Duft «Ingwer» erdig sei und zum Grundton Do passte. Zu Hause beträufelte ich jeweils vier Wattebäusche mit dem gleichen Duft und schob die Streichholzschachteln zu.  

Kopfschmerzen und Tränen

In Phase eins meiner Lektion bekam jedes Kind eine Schachtel und sollte seine Gruppenmitglieder mit demselben Geruch finden. 

In Windeseile bildeten sich drei Viererteams. Allerdings nicht nach Duft, sondern nach Sympathie: die vier Jungs und die vier Mädchen, die sonst schon immer zusammen waren und die vier übrigen Kinder. Ich erklärte, dass sie falsch lagen, und forderte sie auf, ihre Düfte zu kontrollieren.

Jahrelang wurde mir diffus bei Raumdüften oder ätherischen Ölen, weil ich diese bleichen Kindergesichter aus dem Praktikum vor mir sah.

Die Kinder rochen, verglichen und hielten sich die Schächtelchen gegenseitig unter die Nasen. Zwei Mädchen, eine mit einer Jasmin-Schachtel, die andere mit Ingwer, schworen, sie hätten denselben Duft. Mit einem Jungen verstrickte ich mich in Diskussionen, weil er fand, sein Wattebausch rieche überhaupt nicht nach Tanne, so wie ich das behauptete. 

Dann wurde den Kindern, die besonders eifrig an den Schachteln schnüffelten, übel. Ein Mädchen weinte vor Kopfschmerzen. Ein Junge legte sich an den Rand des Zimmers. Die anderen sahen mich vorwurfsvoll an, als würden sie noch in der grossen Pause dafür sorgen, dass ihre Eltern mich wegen Körperverletzung anzeigten.  

Passionata –Musikunterricht macht den Unterschied

Diese Kolumne berichtet von Erlebnissen im Musikunterricht des Stadtzürcher Schulhauses Holderbach. Die Kinder der ersten und zweiten Klasse besuchen wöchentlich zwei Lektionen Musikalische Grundausbildung (MGA) bei einer Fachlehrperson.

Ab der dritten Klasse haben sie die Möglichkeit, dem Schulhauschor beizutreten. Regelmässig singen und tanzen Kinder und Lehrpersonen zusammen auf dem Pausenplatz.

Musizieren ist das pure Leben und ein pädagogisch fundierter Musikunterricht wichtig für die Entwicklung jedes Kindes.

Jahrelang wurde mir diffus bei Raumdüften oder ätherischen Ölen, weil ich diese bleichen Kindergesichter aus dem Praktikum vor mir sah. An die Duftnoten-Idee wagte ich mich nicht mehr. Doch der So-Mi-Do-Baum und das Lied «Frühlingsduft» sind bei den Kindern beliebt und meine Erstklässler werden nächste Woche wieder Dreiklang-Bäume bauen. 

Und irgendwo packe ich das Fläschchen «Mut und Kraft» aus. Vielleicht als Einstimmung zur Lektion in einer Duftlampe? Oder als eine Art pawlowsche Belohnung, bei jedem korrekten Dreiklang? 

Es wird mir zwar etwas mulmig bei der Planung. Ich brauche das Fläschchen wohl zuerst für mich selbst.