«Darf man das?» – Die Causa Schwanzwärmer im Unterricht
Passionata – Musikunterricht macht den Unterschied
Vor Kurzem sah ich den Dokumentarfilm «Drum singi grad drum», ein berührendes Porträt des Bündner Liedermachers Walter Lietha. Der Künstler war in den Siebzigerjahren bekannt, wurde wegen politischen Äusserungen jedoch zensiert und seine Karriere war beendet. Von der Kinoleinwand strahlt der 75-Jährige eine Unbeschwertheit aus und der Film zeigt: Walter Lietha ist ein Freigeist.
Sein erstes Album hiess «I bin a Vogel», sein Antiquariat, das unzählige historische Schätze beherbergt, ist als «Narrenschiff» bekannt. Er folgte immer seinen Passionen, frei vom Korsett gesellschaftlicher oder musikalischer Konventionen. Auf die Frage, wie seine Texte entstünden, antwortete Walter Lietha: «Die kommen einfach aus mir heraus.»
Kreativität ist Grundlage für Problemlösungskompetenz, innovatives Denken und mentale Gesundheit.
Ich sass im Kino und dachte: «Er wäre ein grossartiges Vorbild für meine Kinder in der Musikalischen Grundausbildung.»
Kreativität braucht Raum
Denn die grössten Momente in meinem Berufsalltag sind nicht die, in denen alles «richtig» läuft, sondern in denen die Kinder aus ihren eigenen Ideen etwas Grosses entstehen lassen: ein Tanz, ein Lied oder ein musikalisches Experiment. Diese Momente lassen sich nicht planen – aber man muss ihnen Raum geben.
Einmal fragte mich eine Klasse nach meinem Alter. «44», sagte ich. Ein Mädchen reagierte irritiert: «Sie sind ja älter als meine grosse Schwester!» Der Junge neben ihr riss die Augen auf und fragte ungläubig: «Darf man das?». Ich verstand zuerst nicht, was er meinte. Dann merkte ich, dass ein paar Kinder bisher nicht realisiert hatten, dass ich eine erwachsene Frau bin.
«Sie sind so alt wie meine Eltern?»
Wir hatten gerade mit Tüchern eine Landschaft gebaut, und darin musiziert und getanzt. Das war für sie nicht die Welt der Erwachsenen. «Sie sind also wie meine Eltern?», fragte der Junge nach. «Und sie dürfen das alles noch machen?» Dann begann er zu strahlen.
Tests und Noten verlangen die richtige Antwort im richtigen Moment – nicht den Versuch, nicht den Umweg, nicht die überraschende Idee.
Der Bildungsexperte Ken Robinson zeigte vor über zwanzig Jahren auf, wie die Schule die Kreativität systematisch verdrängen kann: durch das Vernachlässigen körperlicher Ausdrucksformen, den Fokus auf Richtig und Falsch und die Bewertung statt des Prozesses. Heute ist sich die Forschung einig: Kreativität ist Grundlage für Problemlösungskompetenz, innovatives Denken und mentale Gesundheit.
Fragile Vielfalt im Schulalltag
In unserem Schulhaus erlebe ich, wie Lehrpersonen Räume öffnen für Projekte ohne fertige Lösungen, für Theaterbesuche, für Ideen, die über Lernziele hinauswachsen. Vielfalt ist nicht nur ein Schlagwort, sie wird gelebt.
Und doch ist sie fragil. Standardisierte Tests und Noten bestimmen weiterhin den Schulalltag. Sie verlangen die richtige Antwort im richtigen Moment – nicht den Versuch, nicht den Umweg, nicht die überraschende Idee. «Darf man das?» bleibt oft die stille Grenze zum Unkonventionellen.
Zensurierte Schwanzwärmer
Wie schnell das geht, habe ich kürzlich erlebt in der «Causa Schwanzwärmer». Ich erzählte meinen Zweitklässlern von einem Buch, in welchem ein Kater Schwanzwärmer fertigte. Die Kinder mussten lachen und waren sofort Feuer und Flamme, eine eigene Geschichte zu erfinden.
Eine Stunde später hatten wir nicht nur den Plot für ein ganzes Theater, sondern auch einen Schwanzwärmer-Verkaufs-Song mit dazugehörigem Tanz auf dem Marktplatz. Das neue Cats-Musical war geboren.
Die Handarbeits-Lehrerin bot an, mit den Kindern Schwanzwärmer zu nähen und als sie den Prototypen im Teamzimmer zeigte, folgte Ernüchterung: Zu heikel, zu doppeldeutig, zu peinlich vor älteren Geschwistern. Es wurde entschieden, aus den Schwanzwärmern Pfotenwärmer zu machen. Kurz vor der nächsten Probe wurde ich darüber informiert.
Ich war verärgert, denn ich empfand das als Zensur, wollte aber die Meinung der Kinder hören: «Manche sagen, ihr werdet deswegen ausgelacht», sagte ich.
Wir haben doch gelernt: wenn man ausgelacht wird, ist das das Problem von dem, der lacht.
Lina, Schülerin
Eine flexible Lösung
Julian, der sich sonst selten meldet, ergriff als erster das Wort: «Aber wir wollen ja, dass sie lachen. Schwanzwärmer ist ein lustiges Wort.» Seine Freundin Lina doppelte nach: «Wir haben doch gelernt: wenn man ausgelacht wird, ist das das Problem von dem, der lacht.» Diesen schönen Satz haben die Kinder nicht bei mir, sondern bei ihrem Klassenlehrer gelernt und sie entschieden später bei ihm per Abstimmung, dass es bei den Schwanzwärmern bleibt.
In der letzten Probe fiel mir jedoch auf, dass zwei der Erzähl-Kinder die Textpassage mit dem Wort «Schwanzwärmer» nicht mehr mit dem gleichen Selbstbewusstsein präsentierten. Falls sie sich nun unwohl fühlen, können wir den Text anpassen oder die Rollen tauschen. Die Kinder werden eine kreative Lösung finden.
Vielleicht ist das die Antwort auf die Frage, die mir damals gestellt wurde: «Darf man das?» «Ja, das darf man. Aber man darf auch anders.»
Passionata –Musikunterricht macht den Unterschied
Ab der dritten Klasse haben sie die Möglichkeit, dem Schulhauschor beizutreten. Regelmässig singen und tanzen Kinder und Lehrpersonen zusammen auf dem Pausenplatz.
Musizieren ist das pure Leben und ein pädagogisch fundierter Musikunterricht wichtig für die Entwicklung jedes Kindes.









