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Was tun, wenn ein Schüler bockt?

Lesedauer: 6 min

Was tun, wenn ein Schüler bockt?

Ein Schüler stellt sich im Musikunterricht von Sibylle Dubs permanent quer. Unsere Kolumnistin erreicht ihn schliesslich mit Klangexperimenten und viel Beziehungsarbeit.
Text: Sibylle Dubs

Zeichnung: zVg

Passionata – Musikunterricht macht den Unterschied

Wenn ich in Social Media-Kommentaren auf Wut und Beleidigungen stosse, rufe ich mir oft eine Aussage des Schriftstellers James Baldwin in Erinnerung. Er vermutete, dass Menschen so hartnäckig an ihrem Hass festhalten, weil sie spüren, dass wenn der Hass fort ist, sie sich mit dem Schmerz beschäftigen müssen.

Als Lehrerin wünsche ich mir für alle Schülerinnen und Schüler, dass sie später nicht zu den Menschen gehören, die andere mit Hassnachrichten eindecken. Aber Beleidigen bis hin zur Demütigung gibt es auch unter Kindern.

Beim gemeinsamen Musizieren erlebe ich oft, wie Kinder sich mit ihrem eigenen Schmerz auseinandersetzen.

Die Ursachen für solches Verhalten sind vielschichtig. Im Unterricht erlebte ich immer wieder, wie sich Kinder gerade beim gemeinsamen Musizieren auf einmal mit ihrem eigenen Schmerz auseinandersetzen. Es sind therapeutische Momente, in denen wir Pädagoginnen gefordert und manchmal überfordert sind.

Ich wurde einmal in eine sechste Klasse gerufen, die zerstritten und schwer zu führen war. Zwei Musiklektionen in Halbklassen waren Teil eines Massnahmeplans zur Verbesserung der Situation. Einige der Kinder waren Jahre zuvor bei mir in der musikalischen Grundausbildung. Andere kannte ich, weil sie im Schulhaus mit Konflikten auffielen. Zur zweiten Gruppe gehörte Flynn*.

Schrei nach Liebe

In der ersten Musiklektion grüsste mich der Zwölfjährige mit einem kurzen Kopfnicken über die Schulter. Kein Händeschütteln und kein Wort. «Ich freue mich, in den nächsten Wochen mit euch Musik zu machen …» startete ich meine Begrüssung der Klasse, als Flynn mich bereits unterbrach: «Sie haben die Kinder, die Sie von früher kennen, sowieso lieber als die anderen!»

Ich hielt einen Moment inne und blieb an der Wortwahl seiner Aussage hängen: dass ich gewisse Kinder lieber hätte. Als Vorwurf gemeint, fasste ich die Aussage als Kompliment auf, dass ich meine Musikschulkinder mag. In diesem Moment schloss ich Flynn mit seinem Schrei nach Liebe ins Herz. Das war meine Rettung, denn es folgte eine zähe Anfangsphase. 

Sprechgesänge aus der Welt der Kinder

Wir standen im Kreis und ich legte ein Blatt in die Mitte mit dem Aufdruck «Das sind wir und noch viel mehr». Wir wiederholten den Satz gemeinsam und erfanden zum Sprachrhythmus passende Bodypercussions: Klatscher, Schnipser, Stampfer und andere Körperklänge. Jeder Vorschlag wurde von Flynn negativ quittiert: mit abwertenden Worten, Gesten oder spöttischem Lachen. Das duldete ich nicht. Wir gerieten aneinander, woraufhin Flynn sich für den Rest des Warm-ups an die Seite stellte. 

Flynn kannte sein Muster, mit dem er seine Probleme überdeckte und war nicht stolz darauf. Er wollte andere nicht dauernd niedermachen.

Im nächsten Schritt fragte ich die Klasse: «Wer seid ihr? Wie würdet ihr euch beschreiben? Was sind eure Spezialitäten?» Einen Moment lang kam kein Vorschlag. «Zocke chömmer guet», meldete sich Flynn vom Rand und wir antworteten umgehend im Sprechgesang: «Zo-cke chöm-mer guet, zo-cke chöm-mer guet …» Auch diesen Rhythmus wollten wir mit Bodypercussion-Klängen unterstreichen.

«Halt deine Fresse!»

Flynn kam dafür wieder in den Kreis und war kaum mehr zu bremsen. Von «Dö-ner wol-len wir» bis «Er macht so viel Sch*» groovten wir mehrstimmig die Einfälle von Flynn. Es wurde musiziert und auch gelacht, dennoch war die Stimmung angespannt. Denn Flynn dominierte die Gruppe, die ihm widerstandslos gehorchte.

Um diese Dynamik zu durchbrechen, holte ich aktiv Ideen der anderen ein. Sogleich zog Flynn den ersten Vorschlag ins Lächerliche. Da platzte Katarina* der Kragen: «Halt deine Fresse!», zischte sie, worauf Flynn ausfällig wurde und den Raum verliess. Im Flur sass er auf der Bank und blockte sofort ab: «Lassen Sie mich in Ruhe, ich hasse euch alle.»

Nach der Lektion setzte ich mich zu ihm und sagte, wie viel er mit seinen Ideen zur Musik beigetragen hätte. Er nickte, den Blick zu Boden gesenkt. Ich bat ihn, das nächste Mal den anderen mehr Raum zu lassen. Er hob den Kopf, schloss die Augen und antwortete: «Ich glaube, ich kann das nicht.» 

Ein Setting, das die Selbstregulation unterstützt

In dem Moment wurde spürbar, dass hinter seinem Verhalten etwas lag, das sich an diesem Freitagabend auf der Garderobenbank nicht lösen liess. Flynn kannte sein Muster, mit dem er seine Probleme überdeckte und war nicht stolz darauf. Er wollte andere nicht dauernd niedermachen.  Auf der Suche nach einem Setting, das ihm lag, schlug er Gruppen von drei bis vier Personen vor. Er glaubte, sich dort besser regulieren zu können.

In der nächsten Lektion entschieden wir mit der Klasse, dass sich die Kinder in Kleingruppen aufteilen und sich selbst einen Auftrag geben durften.

Aha-Erlebnis mit Rossinis Wilhelm Tell

Flynn und zwei andere Jungs schleppten Xylophone ins leere Zimmer nebenan. Sie wollten die Musik ihrer Computer-Games nachspielen. Die Idee gefiel mir und ich schlug vor, dass sie ein Quiz vorbereiten, bei dem man eine Melodie dem richtigen Game zuweisen muss.

Als ich die Gruppe in der Halbzeit im Nebenraum besuchte, bot sich mir ein herrliches Bild: drei Halbstarke knieten am Boden und spielten auf den Xylophonen die Ouvertüre von Rossinis Wilhelm Tell. Sie kannten die Musik nur vom Gamen und staunten, als ich ihnen das Original laufen liess und erklärte, dass es sich um eine über 200 Jahre alte Oper handelte.

Passionata –Musikunterricht macht den Unterschied

Diese Kolumne berichtet von Erlebnissen im Musikunterricht des Stadtzürcher Schulhauses Holderbach. Die Kinder der ersten und zweiten Klasse besuchen wöchentlich zwei Lektionen Musikalische Grundausbildung (MGA) bei einer Fachlehrperson.

Ab der dritten Klasse haben sie die Möglichkeit, dem Schulhauschor beizutreten. Regelmässig singen und tanzen Kinder und Lehrpersonen zusammen auf dem Pausenplatz.

Musizieren ist das pure Leben und ein pädagogisch fundierter Musikunterricht wichtig für die Entwicklung jedes Kindes.

Eine Woche später führten die Gruppen ihre Kreationen vor. Flynn hing bei den Präsentationen mit verschränkten Armen im Stuhl wie ein Broadway-Regisseur während des Castings. Er verzog keine Miene und zu meiner grossen Beruhigung verkniff er sich jeden Kommentar.

Als seine Gruppe mit den Xylophonen an der Reihe war, erklärte Flynn, sie seien mit dem Melodien-Quiz nicht fertig geworden. Stattdessen führten sie die Wilhelm-Tell-Melodie mehr schlecht als recht auf und baten mich, die Ouvertüre, gespielt vom Tokyo Philharmonic Orchestra, auf Youtube abzuspielen. Die hätten 15 Millionen Aufrufe, erzählten die Jungs, während ich den Beamer aufstartete.

Die Bewegungen des Dirigenten begeisterten den zu Beginn stark frustrierten Schüler.

Der gezähmte Rebell

Flynn war hin und weg vom Dirigenten Myung-Whun Chung und dessen minimalen Bewegungen, mit denen er das riesige Orchester leitete. «Schaut, wie cool er dasteht, wie er nur die Hand schräg hält!», kommentierte er und ahmte Haltung und Blick des koreanischen Star-Dirigenten nach.

Beim Verabschieden am Ende der Stunde teilte ich Flynn mit, wie gut ich es fand, dass er den anderen Gruppen aufmerksam zuschaute und ihnen einen schönen Moment ermöglichte. Da drehte er sich triumphierend um und rief: «Hast du gehört, Katarina? Ich habe meine Fresse gehalten!» Wir mussten alle lachen. Und auch wenn es der Aussage an literarischem Glanz fehlt, denke ich, Baldwin hätte sich gefreut.

*Die Namen der Kinder wurden von der Redaktion geändert.