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«Lehrperson ist wichtigster Faktor für Lernerfolg»

Aus Ausgabe
05 / Mai 2026
Lesedauer: 15 min
Die neuen pädagogischen Konzepte kommen nur den privilegierten Kindern zugute, fürchtet Roland Reichenbach, Professor für Erziehungswissenschaften. Ein Gespräch über den Mythos der intrinsischen Motivation, den Wert des Übens und die Rolle der Lehrperson.
Interview: Evelin Hartmann

Bilder: Lea Meienberg / 13 Photo

Herr Reichenbach, wann ist ein Kind in Bezug auf die Schule privilegiert?

Der sozioökonomische Status der Eltern spielt eine grosse Rolle, Kinder von Eltern mit hohem Bildungsabschluss haben viele Vorteile. Man ist ausserdem privilegiert, wenn einem die Lehrperson passt oder man bestimmte Begabungen hat. Ausschlaggebend ist auch, wenn Menschen an einen glauben, sie einem etwas zeigen, etwas erklären – seien das die eigenen Eltern oder Lehrpersonen.

Es gibt demzufolge viele Möglichkeiten, privilegiert zu sein. Also müsste der Kreis an privilegierten Kindern in einer Klasse sehr gross sein.

Das hängt stark vom Einzugsgebiet der jeweiligen Schule ab. Es gibt Klassen, da sind es 20 von 20 Kindern; Zürichberg dürfte so ein Ort sein. An Schulen in Zürich Nord sind es viel weniger. Und das aktuelle pädagogische Denken nützt vor allem den Privilegierten.

Schule ist eine Pflichtinstitution. Das meiste, was wir lernen, lernen wir, weil wir müssen.

Wie meinen Sie das?

Die pädagogischen Konzepte, die sehr mit Offenheit, Eigenverantwortung und selbst organisiertem Lernen agieren, funktionieren für die leistungsstarken und motivierten Schülerinnen und Schüler.

Die Kompetenz, sein Lernen selbst organisieren oder steuern zu können, ist im Lehrplan 21 verankert. In der Praxis kann das beispielsweise so aussehen, dass die Kinder sich morgens ihre Sitzplätze in der Klasse selbst aussuchen, frei wählen, womit sie starten, und selbst organisiert und bestenfalls intrinsisch motiviert gemäss ihren Wochenplänen arbeiten  …

… und die Lehrperson ist der Coach, der im Hintergrund agiert und nur noch regulierend eingreift, wenn das Kind Hilfe braucht.

Roland Reichenbach ist seit 2013 Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich. Von 2002 bis 2008 hatte er die Professur für Allgemeine und Systematische Erziehungswissenschaft an der Universität Münster (D) inne und war dann Professor für Pädagogik an der Universität Basel. Forschungs- und Lehrtätigkeiten führten ihn in die USA, nach Kanada, Deutschland und Südkorea. Roland Reichenbach ist Vater von vier erwachsenen Kindern.

Und das ist schlecht?

Ich bin nicht per se gegen diese Ideen, aber ich würde sie kritisch betrachten. Die intrinsische Motivation, so begrüssenswert sie sein mag, ist gleichzeitig ein riesiger Mythos. Schule ist eine Pflichtinstitution. Das meiste, was wir lernen, lernen wir, weil wir müssen. Aber es gehört zum heutigen pädagogischen Denken, dass immer das Innere des Kindes entscheidend sein soll und nicht der äussere Zwang beziehungsweise die Autorität der Lehrperson und die Kultur, die sie repräsentiert. Das finde ich verdächtig. Warum halten wir Vorgaben für so schlimm? Warum tun wir so, als ob in der Schule alles von innen kommen muss?

Sagen Sie es uns.

Der britische Soziologe Basil Bernstein hat einst von der pädagogischen Panik gesprochen. Die ältere Generation ist verunsichert – ethisch, politisch, religiös. Wir sind nicht mehr sicher, was wir von den Jungen wollen. Nun schieben wir das auf die Kinder ab und nennen es Eigenverantwortung: «Die Welt steht dir offen, du musst nur herausfinden, was du willst.» Aber so funktioniert das nicht. Denn in uns ist erst einmal nichts. Wir sind kulturelle Wesen, wir müssen uns die Welt aneignen.

Kinder und Jugendliche brauchen Führung, insbesondere die leistungsschwächeren Kinder.

Was heisst das konkret für die schulische Praxis?

Laut dem neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie und seiner viel zitierten Metastudie ist es eben genau nicht die Eigenverantwortung, die zum grössten Lernerfolg führt, sondern der eng begleitende Unterricht. Die Lehrperson spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie sollte lenken und das Gelernte überprüfen, zudem viel Feedback geben und ermutigen. Kinder und Jugendliche brauchen Führung, insbesondere die leistungsschwächeren Kinder.

Die leistungsstärkeren Kinder nicht?

Die leistungsstarken und motivierten Kinder kommen in jeder Didaktik zurecht. Die schwächeren jedoch müssen mehr gefördert und auch gefordert werden.

In Ihrem neuesten Buch «Die Pädagogik der Privilegierten» schreiben Sie, dass die gebildeten Schichten die Privilegien primär für ihre eigenen Kinder aufrechterhalten wollen.

Das ist so. Die Zeiten haben sich geändert. Den sozioökonomischen Status zu halten, ist heute um ein Vielfaches schwerer. Viele haben Sorge vor dem sozialen Abstieg, davor, dass es die eigenen Kinder später nicht mehr so gut haben werden.

Zum Buch

Roland Reichenbach: Die Pädagogik der Privilegierten. Kohlhammer Verlag 2024.

Das erklärt, warum viele Eltern in Bezug auf die Schule so übermotiviert sind und sie ständig optimieren wollen – vor allem für ihre eigenen Kinder, auf Kosten des Gemeinsinns. Sie alle wiederholen diese Begriffe gebetsmühlenartig: «selbst organisiert», «intrinsisch motiviert», «in Eigenverantwortung». Das aber verstärkt die Ungleichheit im Bildungssystem.

Meine Tochter besucht eine Primarschule, an der viele Lehrpersonen auf diese Weise unterrichten, und das in einem sehr gemischten Einzugsgebiet. Die sozioökonomische Schere geht also weit auseinander. Die Lehrpersonen scheinen mir aber sehr motiviert.

Das ist schön – und dann sollen sie diesen Weg gehen. Ich sage auch nicht, dass diese Art des Unterrichtens per se schlecht ist, aber sie ist sehr voraussetzungsreich und es braucht Kinder, die sich schon relativ gut selbst organisieren und motivieren können. Die Realität sieht aber vielerorts anders aus.

Was meinen Sie mit voraussetzungsreich?

Nehmen wir das Stichwort Inklusion. Die Idee, dass möglichst alle Kinder zusammen lernen, ist definitiv zu befürworten, führt aber in der schulischen Praxis zu Problemen. Wie wollen Sie in einer Klasse mit 20 Kindern jedes einzelne im Blick behalten, wenn über die Hälfte dieser Kinder einen speziellen Förderbedarf hat? Das kann eine Lehrperson allein gar nicht leisten.

Was ich damit sagen will: Dieses Denken, dass es für alle Kinder eine richtige Methode des Unterrichtens gibt, ist abwegig. Die Pädagogik ist eine Praxis, in der man die Situation immer wieder neu beurteilen muss. Das eine Kind muss man vielleicht eher bremsen, das andere herauslocken – wer braucht was? Das nennt man pädagogische Urteilskraft.

Lassen Sie uns zurückblicken auf eine Primarschulklasse in den 80er-Jahren. 24 Kinder, die an ihren Pulten sitzen, den Blick nach vorne auf die Lehrperson gerichtet. Frontalunterricht. Alle lernen gleichzeitig eine Sache. Die Lehrperson richtet ihren Unterricht am Klassendurchschnitt aus. Die Leistungsschwächeren sind überfordert, die Starken langweilen sich. War das besser?

Nein, das war nicht besser, sondern anders. Die Leistungsstarken langweilen sich in jeder Klasse und Schulform tendenziell mehr als die leistungsschwächeren Kinder. Doch die Verunglimpfung des Frontalunterrichts ist auch empirisch nicht überzeugend. Als ob klar wäre, dass im Frontalunterricht nichts und im Gruppenunterricht beziehungsweise individualisierten Unterricht immer sehr viel gelernt würde  ... Das ist ein weiterer Mythos. Es gibt viele Möglichkeiten, gut zu unterrichten, nicht nur eine; und es gibt viele Möglichkeiten, mangelhaft oder sogar schlecht zu unterrichten. Die einen Lehrpersonen sind in einer didaktischen Form stark und «zu Hause», andere Lehrpersonen in einer anderen.

Ich glaube an die Hausaufgaben, denn sie lehren einen, sich immer wieder anstrengen zu müssen.

Was würden Sie aus dieser Zeit in die heutige hinüberretten wollen?

Die schwarze Wandtafel. Sie ist pädagogisch so bedeutsam, weil sie alles zeigt und wieder «vergisst». Denn sie muss geputzt werden, sobald sie vollgeschrieben und vollgezeichnet ist. Die Lehrperson konnte zum Beispiel am Vorabend eine Zeichnung zum Unterrichtsthema auf dieser Tafel anfertigen, worauf die Flügel der Wandtafel in der Stunde geöffnet wurden.

Das hatte etwas Theatralisches und die Kinder merkten intuitiv, dass die Lehrerin oder der Lehrer sich am Vorabend Mühe gegeben und diese Zeichnung allein für diese Klasse gemacht hatte. Kurz darauf musste alles wieder «gelöscht» werden. Am Einsatz dieses Lehrmittels zeigt sich die Exklusivität der pädagogischen Beziehung, ihre Sorge und Zeitlichkeit. Die heute verbreiteten Bildschirme vermögen dies kaum in dieser Qualität.

Und was kann definitiv weg?

Ich glaube nicht an einen durchgängigen und eindeutigen Fortschritt in der Pädagogik. Vieles, was heute nicht mehr geht, ist zu Recht verschwunden, insbesondere das autoritäre Verhalten von Lehrpersonen. Doch es ist ein Klischee, zu glauben, in früheren Zeiten seien alle Lehrerinnen und Lehrer autoritär gewesen und heute nicht mehr.

«Je bildungsorientierter die Eltern sind, umso weniger achten sie die pädagogischen Kompetenzen der Lehrperson», sagt Roland Reichenbach.

Was vielerorts abgeschafft wird, sind die Hausaufgaben – auch unter dem Aspekt der Chancengleichheit. Es soll mehr in der Schule gelernt werden, dort, wo die weniger privilegierten Schülerinnen und Schüler unterstützt werden können.

Wenn wirklich mehr in der Schule gelernt würde, wäre das begrüssenswert, aber insgesamt bin ich skeptisch. Ich glaube an die Hausaufgaben.

Warum?

Hausaufgaben haben nun wirklich etwas mit Selbstregulation zu tun, damit, sich immer wieder anstrengen und bemühen zu müssen. Es ist nicht schlimm, dass man ein paar Dinge nicht gerne macht. Das ist normal. Es geht darum, etwas – in diesem Fall die Hausaufgaben – als Teil seines schulischen Lebens anzunehmen und es zu Hause zu machen, auch wenn man dabei keine Hilfe erwarten kann. Dafür hat man ein gutes Gefühl, wenn man es gemacht hat. Das gehört zur Bildung: an etwas dranbleiben, sich anstrengen müssen.

Das betrifft ja nicht nur das Lernen in der Schule.

Genau. Wenn Sie eine Sportart oder ein Musikinstrument lernen, geht es immer um Anstrengung und Übung. Erst muss man die Dinge kennen und können, dann beginnt man sie zu schätzen. Dafür braucht es jemanden, der es einem vormacht und zeigt. Das ist das primäre Modell: vorzeigen – nachmachen.

Heute soll dieses Vormachen «auf Augenhöhe mit dem Kind» geschehen. Warum kritisieren Sie diesen Begriff?

Weil er nicht aufrichtig ist. Der deutsche Rhetoriker Josef Kopperschmidt formulierte treffend: «Wer gehorchen muss, kann nicht zustimmen.» Zustimmen kann man nur, wenn man gleichermassen frei ist. Erwachsene und Kinder sind aber nicht gleich. Wir bekunden heute eigenartigerweise Mühe, diese Asymmetrie anzuerkennen.

Etwas auswendig zu wissen, schafft Verknüpfungspunkte mit anderen Inhalten. Ich werde dadurch als Person differenzierter. Das ist eine Bereicherung.

Eine Lehrperson sagte einmal zu mir: «Die Kinder müssen sich nicht uns anpassen, sondern wir uns den Kindern.»

Das ist derselbe Slogan wie «Man muss das Kind dort abholen, wo es steht». Doch die Neuen, die in die Welt kommen, müssen sich immer anpassen. Und sie müssen die vorherrschenden Modelle übernehmen, die Sprache, die Grammatik. Die Kultur muss übernommen werden. Das nennt man Bildung: die subjektive Aneignung objektiver Kultur.

Ist das der Grund, warum so viele Lehrpersonen schon nach wenigen Berufsjahren der Schule den Rücken kehren? Weil das so nicht machbar ist?

Ich denke nicht, dass das der Grund ist. Die Belastung ist generell höher und die Anerkennung der Autorität der Lehrpersonen geringer geworden – vor allem durch die Eltern. Je bildungsorientierter die Eltern sind, umso weniger achten sie die pädagogischen Kompetenzen der Lehrperson. Das ist ein Anerkennungsproblem. Vor 30, 40 Jahren kursierten noch viele Lehrerwitze. Heute macht keiner mehr Witze, heute tun einem die Lehrpersonen nur noch leid. Aber ich sage es noch einmal: Man kann das Lernen nicht immer neu erfinden.

Wie funktioniert denn Lernen?

Wir lernen, indem wir etwas von anderen, den Glaubwürdigen, übernehmen. Woher weisst du das? Mama hats gesagt. Das ist noch kein Wissen. Das, was die Mama gesagt hat, ist vielleicht nur eine Meinung. Und zunächst übernehmen wir diese Meinung wie Gläubige. Später können wir uns dazu in ein Verhältnis setzen. Ja, meine Mutter hat das immer gesagt, aber es war nur ihre Meinung und ich weiss jetzt, dass es nicht unbedingt stimmt. Das würde ich dann Bildung nennen: sich zu seinem Lernen in ein Verhältnis setzen zu können.

Mit dem Gehirn ist es wie mit den Muskeln: Use it or lose it. Man verliert die Differenziertheit. Das sollte uns Sorgen bereiten.

Also ist der Kern des Lernens das Vor- und Nachmachen?

Ja, das Wichtigste beim Lernen sind die anderen. Sie zeigen uns etwas beziehungsweise können etwas, das ich auch können möchte. Auch die kulturelle Bedeutung einer Sache spielt eine Rolle. In den USA haben Kinder eine unglaubliche Energie und Ausdauer, Baseball zu lernen. Obwohl es sehr schwierig ist, den Ball mit einem Schläger zu treffen, und Selbstwirksamkeitserfahrungen am Anfang praktisch abwesend sind, bleiben sie dran – weil sie schon früh verstanden haben, welchen hohen Stellenwert die Sportart in ihrer Kultur hat. In der Schweiz wäre ein Kind dazu nicht motiviert, dafür klappte es vielleicht mit Hornussen – sicher aber mit Tennis, denn fast alle kennen Roger Federer.

Sie sind ein grosser Befürworter des Übens und Auswendiglernens. Doch vieles, was man in der Schule lernt, vergisst man gleich wieder. So lautet jedenfalls eine viel gehörte Kritik.

Vergessen gehört zur Bildung. Ein französischer Bildungsminister hat einmal gesagt: Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man all das vergessen hat, was man in der Schule gelernt hat. Doch durch die Wissensaneignung, das Üben, wurde ich zu der Person, die ich heute bin.

Können Sie das ausführen?

Unser Wissen, unser Verstehen macht das aus, was wir sind. Wenn ich etwas über Architektur oder Botanik weiss und einen Spaziergang mache, sehe ich sehr viel mehr als andere, die keine Ahnung von Botanik oder Architektur haben. Etwas auswendig zu wissen, schafft Verknüpfungspunkte mit anderen Inhalten. Ich werde dadurch als Person differenzierter. Das ist eine Bereicherung.

Dem stehen die rasante Entwicklung und der Gebrauch der künstlichen Intelligenz entgegen.

Oh ja. Und durch den Einsatz von KI wird der Unterschied zwischen Privilegierten und nicht Privilegierten noch grösser werden. Wenn man keinen Zugang zu «klassischer» Bildung hat und meint, Dinge einfach auslagern zu können, werden sie verkümmern. Mit dem Gehirn ist es wie mit den Muskeln: Use it or lose it. Man verliert die Differenziertheit. Das sollte uns Sorgen bereiten.

Das Lernen ist nicht und nie digital. Es gibt digitale Medien und die kann man benutzen.

Wie wird es weitergehen?

Das weiss keiner. Wir lernen gerade erst, mit diesen Tools umzugehen. Aber verstehen Sie mich nicht falsch, gegen den punktuellen Einsatz von digitalen Medien im Unterricht habe ich gar nichts. Ich habe nur etwas gegen diese Ideen, die das sogenannte «digitale Lernen» als etwas Grossartiges und Neues bezeichnen. Dem misstraue ich schon aus semantischen Gründen. Das Lernen ist nicht und nie digital. Es gibt digitale Medien und die kann man benutzen. Es gibt mittlerweile gute Untersuchungen, die zeigen, wo diese etwas bringen und wo sie gar nichts bringen.

Zum Beispiel?

Wenn es um die Suche nach Informationen geht, sind digitale Medien den analogen überlegen. Wenn es aber um das tiefer gehende Verstehen geht, gewinnt das gedruckte Buch.

Sie sind in Gstaad BE aufgewachsen. Ihre Mutter war Skilehrerin, Ihr Vater Fahrer von Kleinbussen und Kleintransportern. Trotzdem haben Sie studiert und sind Professor geworden.

Wir waren drei Söhne und unsere Eltern haben sich nicht gross um unsere schulischen Themen gekümmert. Das heisst aber nicht, dass wir ihnen egal waren. Ich hatte viel Glück und griff meist spontan zu, wenn sich eine Chance für Neues bot. Ich bezweifle, dass dieser Weg heute so noch möglich wäre.

Sie sind zunächst Lehrer geworden.

Was die richtige Entscheidung war. So konnte ich mir mein anschliessendes Philosophie- und Psychologiestudium selbst finanzieren. Und ich wusste: Egal was kommt, ich kann immer unterrichten gehen. Das hat mich sehr befreit. Wie auch die Tatsache, dass meine Eltern null Erwartungen hatten, was meine Bildungslaufbahn betraf.

«Eltern haben eine doppelte Verantwortung und müssen beide schützen: nicht nur das Kind, sondern auch die Schule», sagt Roland Reichenbach im Gespräch mit Evelin Hartmann, Stv. Chefredaktorin von Fritz+Fränzi.

Sie selbst haben vier mittlerweile erwachsene Kinder. Wie ist das bei ihnen?

Es war wohl nicht immer leicht für meine drei Söhne und meine Tochter, dass ihr Vater Professor ist. Da hatte ich es leichter. Ich musste mich während der Schule und Ausbildung nicht mit einem Professor vergleichen. Der Vergleich mit den Eltern ist für Kinder fast unumgänglich, glaube ich.

Was können Eltern bezüglich Schule für ihre Kinder tun?

Was man nicht tun sollte, ist, sich immer schützend vor sein Kind zu stellen, wenn es mal nicht gut läuft. So treibt man einen Keil zwischen Kind und Schule beziehungsweise Lehrperson, was nicht gut ist. Man hat eine doppelte Verantwortung und muss beide schützen: nicht nur das Kind, sondern auch die Schule. Wichtig ist, dass Eltern Zuversicht ausstrahlen. Wenn das Kind etwas nicht verstanden hat, sollten sie aktiv anbieten: «Komm, das schauen wir uns jetzt noch einmal an.» Dadurch liegt der Fokus ganz auf der Sachebene. Das Kind spürt: Meine Mama hilft mir, sie möchte, dass ich das lerne. So fühlt es sich gut aufgehoben.

Als Lehrperson muss man Kinder gernhaben, vor allem aber das lieben, was man unterrichtet.

Und was macht eine gute Lehrperson aus?

Es gibt sehr viele Möglichkeiten, eine gute Lehrperson zu sein. Wichtig ist, dass die Lehrperson das, was sie macht, gerne macht. Oft heisst es ja, als Lehrperson müsse man Kinder lieben. Dem stimme ich nicht zu. Man muss Kinder gernhaben, das schon, aber in erster Linie muss man das, was man unterrichtet – Deutsch, Mathe, Französisch –, lieben und wichtig finden. Eine Lehrperson muss den Kindern vermitteln: «Mathe ist ein tolles Fach! Und ich will, dass ihr das lernt. Und zwar jeder von euch, denn ihr könnt das!» Dann nimmt sie die Kinder ernst.

Die Schülerinnen und Schüler davon zu überzeugen, ist sicher nicht immer leicht.

Ja, das ist es nicht, aber auch die weniger kompetenten Kinder müssen hören: «Du kannst es lernen, wenn du dich anstrengst. Und wenn du dich anstrengst, dann helfe ich dir, und zwar immer wieder neu.» Die Lehrperson ist der wichtigste Faktor für den Lernerfolg. Sie gehört ins Zentrum des Unterrichts, nicht als Coach an die Seitenlinie.