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Sicher aufwachsen in der digitalen Welt

Aus Ausgabe
05 / Mai 2026
Lesedauer: 5 min
Damit unsere Kinder mit der fortschreitenden Digitalisierung klarkommen, braucht es dreierlei: die Stärkung der Eltern, verbindliche Medienbildung in der Schule und politisches Handeln.
Text: Dagmar Rösler

Bild: Adobe Stock

Stellen Sie sich vor: Eine Lehrerin packt einen Schüler und beisst ihm in die Hand. Ein solches Video kursierte vor Kurzem an einer Schweizer Schule; deren Schulleiterin ist eine Freundin von mir. Unvorstellbar und unverzeihlich, dieser Übergriff! Doch: So schockierend echt das Video auch wirkte – am Schluss entpuppte es sich als raffinierter Fake, hergestellt durch KI. Die Konsequenzen aber waren echt. Das Video ging viral, die Lehrerin musste krankgeschrieben werden.

Das ist nur ein Beispiel unter vielen. In unseren Schulzimmern sind wir immer häufiger mit den Konsequenzen der neuen digitalen Möglichkeiten und der rasanten Verbreitung auf Social Media konfrontiert.

Kinder brauchen zugewandte, interessierte Erwachsene, die zuhören, Fragen stellen und nachvollziehbare Regeln mit ihnen vereinbaren.

Sei es, dass mit KI sexualisierte Bilder von Mitschülerinnen hergestellt, herumgezeigt und herumgeschickt werden, sei es, dass Kinder in den sozialen Netzwerken in politische Blasen geraten, oder sei es, dass sie sich im schlimmsten Fall deswegen gar radikalisieren.

Chancen statt Gefahren

Dieser Beitrag soll keine Angst schüren und schon gar nicht junge Menschen pauschal verurteilen. Im Gegenteil: Es geht darum, einzuordnen, zu sensibilisieren und gemeinsam zu überlegen, welchen Weg wir in der Schweiz einschlagen wollen, um Kinder und Jugendliche in einer zunehmend digitalen Welt wirksam zu schützen – ohne ihre Chancen zu verbauen.

Digitale Medien, insbesondere soziale Netzwerke und Games, prägen den Alltag unserer Kinder. Sie eröffnen Räume für Austausch, Kreativität und Information. Über geografische Distanzen hinweg entstehen Freundschaften, Gleichgesinnte finden sich, Talente werden sichtbar. Viele Jugendliche nutzen Social Media nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch, um sich über aktuelle Themen zu informieren oder eigene Inhalte zu gestalten.

Gleichzeitig zeigen Studien zunehmend auch die Schattenseiten: Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Cybermobbing oder exzessive Nutzung sind reale Risiken. Gerade dann, wenn Inhalte nicht altersgerecht sind oder Nutzungszeiten ausufern, können sich gesundheitliche und psychosoziale Belastungen verstärken. Einfache Verbote greifen hier zu kurz. Unsere Kinder brauchen Begleitung, Orientierung und Schutz – und zwar auf mehreren Ebenen.

Aufgrund dieser rasanten Entwicklung hat der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) im November 2025 ein Positionspapier mit dem Titel «Verantwortungsvoller Umgang mit digitalen Medien» verabschiedet. Darin fordert er eine Dreifachstrategie: die Stärkung der Eltern, verbindliche Medienbildung in der Schule und klare gesetzliche Schutzmassnahmen.

Der Schutz unserer Kinder ist eine gemeinsame Aufgabe von Elternhaus, Schule, Politik und Plattformbetreibern.

1. Ihre Rolle als Eltern

Als Erziehungsberechtigte sind Sie die wichtigsten Bezugspersonen ­Ihrer Kinder – auch im digitalen Raum. Ihre Haltung, Ihr eigenes Nutzungsverhalten und Ihre Gesprächsbereitschaft prägen den Umgang Ihrer Kinder mit Smartphone, Tablet und Gaming-Konsole massgeblich. Kinder brauchen keine überdurchschnittlich technik­affinen Eltern. Sie brauchen interessierte, zugewandte Erwachsene, die zuhören, Fragen stellen und klare, nachvollziehbare Regeln mit ihnen vereinbaren.

Da ein bewusster Umgang mit digitalen Medien sehr früh beginnt, wird es als sinnvoll erachtet, dass auch Kinderärztinnen und -ärzte, Hebammen, Kitas, Elternberatungsstellen und Erziehungsberechtigte bereits im Vorschulalter über altersgerechte Nutzung informieren – beispielsweise mit Merkblättern in verschiedenen Sprachen.

2. Medienbildung in der Schule

Auch die Schulen haben ihre Aufgabe. Wenn unsere Kinder geschützt werden sollen, müssen sie mit Tools ausgerüstet werden. Dies gelingt mit einer altersgerechten Medienbildung an allen Schulen. Kinder und Jugendliche sollen be­fähigt werden, Chancen digitaler Räume aktiv zu nutzen und Risiken selbständig zu erkennen.

Dazu gehört, Falschinformationen zu entlarven, die Mechanismen von Algorithmen zu verstehen und die rechtlichen Konsequenzen von Bild- oder Videoverbreitung zu kennen. Medienbildung ist heute so grundlegend wie Lesen, Schreiben und Rechnen.

Eine digitale Welt, die Freiräume eröffnet und gleichzeitig Grenzen kennt, ist möglich. Dafür braucht es Mut zur Verantwortung.

Die eingangs geschilderten Beispiele zeigen: Die technischen Möglichkeiten entwickeln sich rasant. Deepfakes werden immer realistischer, Inhalte immer schneller verbreitet. Umso wichtiger ist es, dass wir als Gesellschaft nicht hinterherlaufen, sondern vorausschauend handeln können. Der Schutz unserer Kinder ist keine Frage von Technikbegeisterung oder Kulturpessimismus. Er ist eine gemeinsame Aufgabe von Elternhaus, Schule, Politik und Plattformbetreibern.

Wenn wir Kinder ernst nehmen, stärken wir sie nicht durch Abschottung, sondern durch Kompetenz, klare Regeln und verlässliche Rahmenbedingungen. Eine digitale Welt, die Freiräume eröffnet und gleichzeitig Grenzen kennt, ist möglich. Dafür braucht es Mut zur Verantwortung – und den gemeinsamen Willen, unsere Kinder nicht allein durch den digitalen Dschungel gehen zu lassen, sondern sie sicher hindurchzuführen.

3. Gesetzliche Schutzmassnahmen

Schulische und elterliche Begleitung allein genügt jedoch nicht. Plattformen sind keine neutralen Spielplätze, sondern wirtschaftlich gesteuerte Systeme mit dem Ziel, möglichst viel Aufmerksamkeit zu binden. Deshalb braucht es verbindliche gesetzliche Altersgrenzen für digitale Medien und eine technisch wirksame Altersüberprüfung, die den Datenschutz nicht aushebelt.

Plattformbetreiber sollen verpflichtet werden, standardmässige Schutzfunktionen bereitzustellen: Filter für schädliche Inhalte, Begrenzungen der Nutzungszeit und Einschränkungen riskanter Inter­aktionen.

Am 3. März 2026 wurde die sogenannte «Internet-Initiative» lanciert. Sie fordert klare Regeln für Technologieplattformen, Suchmaschinen und KI-Systeme. Ziel ist es, gesellschaftliche Gefahren wie pädokriminelle Inhalte, sexuelle Gewalt, Radikalisierung, Cyber­kriminalität und Desinformation wirksam zu bekämpfen. Plattformen sollen stärker in die Verantwortung genommen werden, um Demokratie und Grundrechte im digitalen Raum zu schützen.

Unabhängig davon, wie man ­politisch zur Initiative steht, zeigt sie doch deutlich: Die Diskussion über verbindliche Leitplanken im digitalen Raum ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen – und das ist gut so.