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Lesen bedeutet mehr als Spracherwerb

Aus Ausgabe
03 / März 2026
Lesedauer: 4 min
Mit Lesen und Erzählen werden aus Wörtern Welten geschaffen, die in unserer digitalen Gesellschaft wichtiger sind denn je. Wie funktioniert an unseren Schulen die Leseförderung? Und was können Eltern tun, um ihre Kinder beim Spracherwerb zu unterstützen?
Text: Sandra Locher Benguerel

Bild: Adobe Stock

Regelmässig lesen wir in den Schlagzeilen, dass die Lesekompetenz von Kindern sinkt. Studien wie die Pisa-Tests messen diese Fähigkeiten – und zeigen seit zehn Jahren einen leichten Rückgang. Besonders zu denken geben sollte uns dabei, dass der Anteil leistungsschwacher Schülerinnen und Schüler stetig zunimmt. 

Unabhängig von Testresultaten gilt es dem Lesen einen besonderen Stellenwert beizumessen – gerade was die Bildungslaufbahn und Entwicklung eines Menschen betrifft. So zählt die Vermittlung von Lesekompetenz seit jeher zu den wichtigsten Kulturtechniken. Sie ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe, indem sie den Austausch und die Verständigung durch Schrift fördert.

Lesen erzielt eine vielfältige Wirkung: Es stellt den Bezug zur Sprache her, weckt die Fantasie und ­erschliesst Wissen.

In unseren Schulen wird seit Jahren viel unternommen, um bei den Kindern die Freude am Lesen zu wecken. Leseförderprogramme sind weit verbreitet und Lesen sowie Literatur gehören von Beginn an zu den Grundkompetenzen im Lehrplan. Lesen erzielt eine vielfältige Wirkung: Es stellt den Bezug zur Sprache her, weckt die Fantasie und erschliesst Wissen. Die Freude am Lesen, Schreiben und Erzählen ist ein zentraler Bestandteil unseres Bildungsverständnisses.  

Gemeinsame Erzählmomente sind prägend

Mir bereitet es ein besonderes Vergnügen, während einer gemein­samen Lektüre mit meiner Schulklasse in eine Geschichte einzutauchen. Aktuell folgen wir mit dem Jugendbuch «Die schwarzen Brüder» den Spuren von Giorgio vom Tessin nach Mailand und führen ein Lesetagebuch. Täglich starten einige Kinder freiwillig vor Unterrichtsbeginn mit einer Lektüre aus der Lesekiste in den Tag.

Zudem erlebe ich immer wieder, dass sich auch ältere Schülerinnen und Schüler freuen, wenn ich ihnen eine Geschichte vorlese. Gemeinsame Erzählmomente sind prägend – etwa am Feuer im Klassenlager, bei der Erzählnacht im Kerzenschein oder einem Adventskrimi.

Mir ist es wichtig, dass die Kinder ihrem Niveau entsprechend lesen können, um ihnen Erfolgserlebnisse zu ermöglichen. Auch der regelmässige Bibliotheksbesuch mit der Klasse öffnet Türen zur Welt der Bücher. Wer liest, ist konzentriert und erschafft eigene innere Bilder. Kinder- und Jugendliteratur ist reichhaltig, weckt die Neugier und beflügelt die Fantasie.

Sprachförderung von Anfang an

Nicht nur die Schule spielt bei der Leseförderung eine zentrale Rolle, sondern auch die Familie. Gerade die ersten Lebensjahre sind für die Entwicklung eines Kindes von entscheidender Bedeutung: Kinder brauchen Zuwendung und viel­fältige sprachliche Anregung. Die Basis für die Lese- und Sprachkompetenz wird in dieser Zeit gelegt. Das nationale Projekt «Buchstart» setzt sich dafür ein, dass alle Kinder in der Schweiz von Anfang an in ihrer Sprachentwicklung gefördert werden.

Eltern können ihre Kinder dabei gezielt und auf vielfältige Weise begleiten. Die gute alte «Gute-Nacht-Geschichte» legt eine ideale Basis. Das tägliche Vorlesen öffnet Kindern nicht nur das Tor zu Fantasiewelten, sondern erweitert auch ihren Wortschatz. Ein spielerischer, sprechender und entdeckender Umgang mit Sprache legt den Grundstein fürs spätere Lesen­lernen.

Eltern tun ihren Kindern daher einen grossen Gefallen, wenn sie sie möglichst früh mit der Welt der Wörter bekannt machen. Neben dem Vorlesen können sie auch gemeinsam Fantasiegeschichten erfinden oder Bilderbücher anschauen. Entscheidend ist die Regelmässigkeit – am besten durch feste Lese­rituale. Zudem stärken Lese­aktivitäten in der Mutter- oder Vatersprache den Bezug zur Herkunftssprache der Eltern und pflegen die Beziehung. 

Nur wer Texte versteht, kann Informationen ­einordnen, bewerten und Medien sinnvoll nutzen – eine Schlüsselkompetenz.

Auch der gemeinsame Besuch einer Bibliothek ist sehr sinnvoll. Bibliotheken gehören zu den meistgenutzten öffentlichen Institutionen und erfüllen wichtige kulturelle, bildende und soziale Aufgaben. Sie sind Orte des Austauschs und der Begegnung und leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Leseförderung auf allen Altersstufen. Es ist wunderbar, dass sich Bibliotheken in der Schweiz einer grossen Beliebtheit erfreuen.

Lesen in der digitalen Welt

Je länger wir auf Bildschirme starren, desto weniger reden wir miteinander oder lesen ein Buch. Doch Kinder brauchen Bücher, denn diese bilden einen Gegenpol zur immateriellen Welt der digitalen Medien. Gerade Bilder- und Lesebücher sind eine wertvolle Alter­native zu Bildschirmen. Ein Buch kann mit allen Sinnen erkundet werden: Man kann darin blättern, hineinschreiben, Eselsohren falten oder am Papier riechen. 

Im Zuge der vielfach genannten Digitalisierung der Bildung ist Lesenkönnen als Schlüsselkompetenz zur Erschliessung von Wissen unabdingbar – gerade im Umgang mit Medien. Denn nur wer Texte versteht, kann Informationen einordnen, bewerten und Medien sinnvoll nutzen.

Vor dem Hintergrund unserer Wissensgesellschaft wird die Bedeutung dieser grundlegenden Fähigkeit besonders deutlich. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen zudem, dass wir anfälliger für Fake News werden, wenn unser kritisches Denken weniger durch konzentriertes Lesen trainiert ist.

Auch wenn sich Medien rasant verändern: Lesen, Schreiben, Erzählen und Zuhören gehören mehr denn je zu unseren elementaren Kulturtechniken. Sie schaffen Beziehung und Gemeinschaft. Ganz analog.