Zwei Singmuffel blühen im Musikunterricht auf
Passionata – Musikunterricht macht den Unterschied
Einmal kamen auf dem Pausenplatz drei Jungs auf mich zugerannt. Einer von ihnen war Linus* aus der sechsten Klasse, ein früherer Schüler von mir. Er rief: «Frau Dubs, es stimmt doch, dass ich gut war in Musik?» «Oh ja!», konnte ich bestätigen, «Du warst mein Chef-Choreograph.»
Zu Beginn der ersten Klasse zeigte Linus kaum Begeisterung, sondern eine ausgeprägte Trägheit im Musikunterricht. Ob singen, musizieren oder tanzen – nichts schien ihn aus der Reserve zu locken. Das änderte sich, als die Kinder den Auftrag erhielten, aus der Vogelperspektive eine Tanzaufstellung zu zeichnen.
Musik verbindet alle Sinne. Sie fördert nicht nur einen isolierten Bereich, sondern den ganzen Menschen.
Reflexionen in Form von Zeichnungen, Notationen oder Stichworten sind ein wichtiger Bestandteil des Musikunterrichts. Sie helfen uns dabei, uns über Musik und Bewegung zu verständigen. Skizzen erlauben ein visuelles Erfassen. Das hilft vor allem Menschen, die Mühe mit der Körperwahrnehmung haben.
Linus übernimmt das Zepter
Linus verfügte bereits mit sechs Jahren über ein ausserordentliches räumliches Vorstellungsvermögen und vermochte seine Ideen aufs Papier zu bringen. Bald war er nicht mehr zu halten und dirigierte die Kinder entsprechend seiner Zeichnungen an ihre Plätze. Die schönsten choreographischen Einfälle flogen ihm zu, und er hatte keine Zweifel, dass seine Pläne ins Schwarze trafen.

Er schob seine Mitschülerinnen und Mitschüler wie Figuren übers Feld und übernahm auch das Zepter über das Whiteboard, welches im Musikraum klar mein Revier war. Aber Linus zeichnete ungefragt und mehrfarbig mit Pfeilen und sogar mit kleinen Legenden, um klarzumachen, wer wo hinstehen sollte. Dass Linus oft einen schwarzen Rollkragenpulli trug und damit ein bisschen aussah wie ein Mini-Choreograph vom Opernhaus, rundete die Situation ab. Manche Rollen sind einfach vorbestimmt.
Linus zeichnete Aufstellungen fürs Klassenmusizieren, kleine Improtheater und vor allem für unsere Tänze. Dort blieb es nicht beim statischen Zuweisen von Plätzen. Er gestaltete auch die Bewegungen mit. Und weil hierzu Worte und Zeichnungen nicht mehr genügten, durfte ich genüsslich beobachten, wie Linus begann, seine Ideen vorzutanzen. Damit verband er seinen Sinn für Ästhetik und räumliches Denken mit unserem sechsten Sinn: der Propriozeption.
Die Wahrnehmung des eigenen Körpers im Raum
Diese steht für die Wahrnehmung des eigenen Körpers im Raum und ist massgeblich mitverantwortlich dafür, dass wir das Gleichgewicht halten, aufrecht gehen oder uns differenziert bewegen können. Tausende von Sinnesrezeptoren rund um unsere Muskeln senden dazu Informationen ans Gehirn. Bisher schien Linus kein Bewegungsspezialist zu sein, aber seine Reflexionen und Ideen auf dem Papier führten am Ende zu einer sichtbaren Verbesserung seiner Körperwahrnehmung.
Genau das versteht die Elementare Musikpädagogik unter ganzheitlicher Förderung. Wenn man ein Talent eines Kindes zum Leuchten bringt, wird dieses intrinsisch motiviert, sein Können zu verbessern. Weil die Musik alle Sinne verbindet, fördert man so nicht nur einen isolierten Bereich, sondern den ganzen Menschen.
Singen ist wie Fussball im eigenen Körper. Du steuerst kleinste Muskeln, Sehnen und Gelenke hier drin.
Bei Diego*, ebenfalls ein ehemaliger Schüler, fand ich lange Zeit keinen Anknüpfungspunkt. Er beteiligte sich kaum am Unterricht, lag oft am Boden, störte auch ab und an. Seine Klassenlehrerin erzählte, dass es im Schulzimmer ähnlich lief. In solchen Fällen hilft eine ausserschulische Beziehungsgestaltung. Denn Probleme können sich lösen, wenn man einen Menschen in einem neuen Kontext erlebt.
Diego, der Propriozeptions-König
Über einen Mitschüler erhielt ich die Info, dass Diego der beste Kicker seines Jahrgangs war. Ich war überrascht und ging in der Pause zum Fussballplatz, um ihn zu beobachten. Seine Ballkontrolle, sein Timing und seine Übersicht über den Platz führten mir vor Augen: Der Junge war ein Propriozeptions-König.
Diego spürte, dass ich seit dem Match-Besuch ein neues Bild von ihm hatte. Dies ermöglichte unserer Beziehung einen Neustart. Noch wichtiger war, dass ich Diego klarmachte, dass er mit seinen Fähigkeiten auch in der Musik punkten konnte. «Singen ist wie Fussball im eigenen Körper», erklärte ich ihm. «Du steuerst kleinste Muskeln, Sehnen und Gelenke hier drin.»
Ich zeigte auf meinen Kehlkopf. Alle Kinder fassten sich an den Hals, und wir summten Melodien rauf und runter und spürten, wie sich die Stärke der Vibrationen je nach Tonlage änderte. Wir kreuzten die Arme und ertasteten mit geschlossenen Augen, wie weit sich die Rippenbögen beim Einatmen öffneten. Zum ersten Mal nahm Diego am Einwärmen von Stimme und Körper teil.
Eine Woche später wählte er beim Singen den Platz unmittelbar neben meinem Klavierstuhl. Er, der sonst schon beim ersten Lied hinter dem Klavier verschwand, stand jetzt auf beiden Beinen da wie ein Musterchorknabe. Und als ein Mädchen stolz erzählte, dass sie den ganzen Text des Regenwurm-Liedes geübt hätte und jetzt beherrsche, setzte Diego in der nächsten Lektion noch einen drauf mit der Aussage, er habe am Wochenende Singen trainiert und bat darum, alleine vorsingen zu dürfen. Er hatte tatsächlich das ganze Lied gelernt. So kam Diego über das Fussballspielen zum Singen und Linus über das Zeichnen zum Tanzen.
Schöne Erinnerungen
Als ich den unterdessen grossen Linus an dem Nachmittag auf dem Pausenplatz fragte, ob er sich an den Glühwürmchentanz erinnerte, den er in der zweiten Klasse choreographierte, grinste er überlegen. Mit eleganten Schritten führte er vor, wie er damals mit den ersten vier Kindern von links im Halbdunkel auftrat mit LED-Kerzen in den Händen, die er nach oben schwang.
«Das waren schöne Zeiten», sagte Linus, als würde er mit 70 Jahren auf seine Karriere zurückschauen. Dann zog er sich die Ärmel seines Pullis wieder zurecht und reichte mir wortlos die Hand zum Abschied. Die anderen beiden Jungs folgten seinem Vorbild und kopierten sogar sein angedeutetes Kopfnicken. Es war die perfekte Choreographie eines Abgangs.
*Die Namen der Kinder wurden von der Redaktion geändert.
Passionata –Musikunterricht macht den Unterschied
Ab der dritten Klasse haben sie die Möglichkeit, dem Schulhauschor beizutreten. Regelmässig singen und tanzen Kinder und Lehrpersonen zusammen auf dem Pausenplatz.
Musizieren ist das pure Leben und ein pädagogisch fundierter Musikunterricht wichtig für die Entwicklung jedes Kindes.






