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Kinder schauen sich das Körperbild ihrer Eltern ab

Aus Ausgabe
02 / Februar 2026
Lesedauer: 5 min

Kinder schauen sich das Körperbild ihrer Eltern ab

Um Kindern ein positives Körpergefühl zu vermitteln, müssen Eltern bei sich beginnen. Denn der Nachwuchs realisiert ganz genau, welches Verhältnis Mama und Papa zu ihrem Körper haben.
Text: Stefanie Rietzler

Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Mama! Wir zwei sind am allerschnellsten gerutscht!», jauchzt mein Kind und greift nach meiner Hand, als wir gemeinsam aus dem Auffangbecken der Wasserrutsche steigen. «Weisst du auch, warum? Weil du die Schwerste von allen im ganzen Hallenbad bist!»

Für eine Millisekunde zucke ich innerlich zusammen – und ärgere mich sogleich darüber. Meine Teenagerjahre fielen in eine Zeit, in der Size zero als Schönheitsideal galt, weibliche Stars wegen der kleinsten Hautfalte über der Hüftjeans als «fett» bezeichnet wurden und Magazine Cellulite als «Schenkelschande» betitelten. Das alles ist auch an mir nicht spurlos vorbeigegangen.

Heute empfinde ich diese Frauenbilder als toxisch und es fällt mir leicht, das Aussehen und die Körperformen anderer Menschen in all ihrer Verschiedenheit wertschätzend wahrzunehmen. Wenn aber meine eigene Figur in den Fokus rückt, blitzt manchmal dennoch ein diffuses Restunwohlsein auf.

Warum verwandelt sich die ­kindliche Faszination für den ­eigenen Körper bei so vielen von uns irgendwann in eine ­kritische Selbstbetrachtung?

Ich betrachte mein Kind. Da liegt so viel Begeis­terung in seinem Gesicht, so viel Freude in seiner Stimme. Schon zieht es mich wieder fröhlich hüpfend zur Treppe, die zurück zur Rutsche führt. Ich muss daran denken, wie es nach dem Essen ab und zu stolz seinen Bauch herausstreckt, liebevoll darüberstreicht und grinsend sagt: «Schaut mal, wie voll und rund mein Bauch jetzt ist!»

Und plötzlich frage ich mich: Wie kann es sein, dass junge Kinder so positiv auf ihren Körper blicken – und warum verwandelt sich diese Faszination für den menschlichen Körper bei so vielen von uns irgendwann in eine kritische Selbstbetrachtung?

Der eigene Körper – Freund oder Feind?

Zugegeben, ich kenne kaum eine Frau und Mutter, die mit ihrer Figur wirklich zufrieden ist. Auch in einer Untersuchung der Ernährungswissenschaftlerin Ofra Duchin gaben 73 Prozent der Mütter von Schulkindern an, mit ihrem Körper unzufrieden zu sein und sich eine andere Form zu wünschen.

Gemäss einer internationalen Studie wären 20 Prozent der Frauen sogar bereit, ihre Lebenszeit freiwillig um fünf Jahre zu verkürzen, um ihrem Schönheitsideal entsprechen zu können. Nimmt man nur die 18- bis 24-Jährigen, wäre es sogar die Hälfte! Diese Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper macht uns laut Forschung anfälliger für Ängste, Depressionen und Essstörungen – und schmälert unsere Lebensqualität. 

Und sie wirkt auf unsere Kinder. Ihnen möchten wir doch unbedingt einen gesunden Umgang mit ihrem Körper vermitteln! Indem wir sie darin bestärken, goldrichtig zu sein, wie sie sind. Indem wir auf eine ausgewogene Ernährung achten und wissen, dass wir ihren Körper sowie ihr Essverhalten nicht wertend kommentieren sollen. Und indem wir mit ihnen über unrealistische «Vorbilder» auf Social Media sprechen.

Studie offenbart klare Muster

Aber – was ist eigentlich mit uns selbst? 

Wie wichtig diese Frage ist, zeigt eine Studie unter der Leitung von Anika Bauer an der Universität Osnabrück (D). Darin wurden 41 Teenagerinnen im Alter von durchschnittlich 16 Jahren und ihre Mütter untersucht. Alle Teilnehmerinnen sollten drei Körperbereiche nennen, die sie an sich attraktiv oder unansehnlich finden. Anschliessend legte man jeder Frau ein Ganzkörperfoto von sich selbst vor, während eine Eyetracking-Kamera festhielt, wohin der Blick wanderte.

Das Ergebnis: Mütter und Töchter betrachteten sich selbst auffallend ähnlich. Wenn eine Mutter ihren Blick rasch auf vermeintliche Problemzonen richtete und dort verharrte, tat ihre Tochter beim eigenen Foto überzufällig häufig dasselbe. Eine Mutter, die beispielsweise ihre Oberschenkel oder den Bauch kritisch betrachtete, hatte besonders häufig eine Tochter, die sich ebenfalls auf ihre eigenen, angeblich unattraktiven Körperpartien fixierte.

Selbstakzeptanz wächst, wenn wir regelmässig in unseren Körper hineinhorchen.

Das legt den Schluss nahe, dass Kinder auch von ihren Eltern beziehungsweise dem gleichgeschlechtlichen Elternteil lernen, wie man den eigenen Körper wahrnimmt – ob man ihn mit liebevoller Akzeptanz betrachtet und sich auf das Positive fokussiert oder jeden vermeintlichen Makel kritisch beäugt.

Doch was tun, wenn wir merken, dass wir selbst immer wieder mit unserer Figur hadern? Hier sind fünf Strategien aus der psychologischen Forschung:

1. Kleine Momente der Achtsamkeit

Selbstakzeptanz wächst, wenn wir regelmässig in unseren Körper hineinhorchen. Ein kurzer Bodyscan kann helfen: Wir setzen oder legen uns hin, schliessen die Augen, achten auf unseren Atem und wo er unseren Körper bewegt. Dann richten wir die Aufmerksamkeit nach und nach auf einzelne Körperbereiche: von den Zehen bis zum Scheitel. Alle Empfindungen und Gedanken dürfen sein. Ablenkendes lassen wir vorbeiziehen, der Fokus geht immer wieder zurück auf die jeweilige Körperpartie.

2. Bewegung mit konstruktivem Fokus

Studien zeigen: Wer Sport treibt, um «Kalorien zu verbrennen» oder «den Körper in Form zu bringen», erlebt eher Scham und Ekel vor dem eigenen Körper. Wer Bewegung hingegen mit Freude verbindet und als etwas sieht, das dem Körper und der Gesundheit guttut, stärkt sein Körperbild nachhaltig.

3. Mehr Mitgefühl mit uns selbst

Wenn der innere Kritiker mal wieder laut wird, können wir ihm bewusst eine liebevolle, akzeptierende innere Stimme gegenüberstellen: «Du fühlst dich gerade unwohl. Damit bist du nicht allein. Was würdest du einem geliebten Menschen in dieser Situation sagen?»

Ein Blick durch Kinderaugen: Wow, Mama, du hast aber coole Tigerstreifen!

4. Den eigenen Medienkonsum anpassen

Je häufiger Menschen mit vermeintlich perfektem Aussehen konfrontiert werden, desto unzufriedener werden sie tendenziell mit sich. Wir tun gut daran, kritisch zu überprüfen, welche Sendungen, Magazine oder Social-Media-Persönlichkeiten uns mit einem Gefühl der Unzulänglichkeit zurücklassen – und dann konsequent auszumisten.

5. Dankbarkeit üben 

Unser Körperbild wird positiver, wenn wir uns bewusst machen, was unser Körper täglich für uns leistet: «Diese Beine tragen mich durch den Tag», «In diesem Bauch sind meine Kinder gewachsen», «Diese Brust hat sie monatelang ernährt», «Diese Lachfalten sind Zeugnis heiterer Momente». 

Und vielleicht könnten wir uns öfter durch die Augen unserer Kinder betrachten: So entdeckte die Tochter einer Bekannten neulich «die coolen Tigerstreifen» an den Hüften ihrer Mutter. Und mein Kind meinte einmal, meine Kaiserschnittnarbe sehe aus wie ein lachender Mund – «… bestimmt, weil du dich so gefreut hast, dass ich auf die Welt gekommen bin!».