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Welcher Ordnungstyp sind Sie?

Aus Ausgabe
06 / Juni 2026
Lesedauer: 5 min

Welcher Ordnungstyp sind Sie?

Das Gefühl für Ordnung ist bei jedem Menschen anders und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dieses Verständnis kann helfen, zwischen den Unordentlichen und den Aufgeräumten zu vermitteln.
Text: Stefanie Rietzler

Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Aufräumtipps für Familien gibt es viele: «Mistet regelmässig aus, damit jedes Ding seinen festen Platz hat», «Verfolgt die Regel: Vor einem neuen Spiel wird das alte aufgeräumt», «Veranstaltet fünfminütige Aufräumsprints mit Musik statt langer Marathons», «Tretet bei einer Aufräum-Challenge gegeneinander an: Wer ist schneller?».

Das eigentliche Problem beginnt jedoch oft nicht erst beim Aufräumen selbst, sondern schon viel früher: bei der unterschiedlichen Wahrnehmung, ab wann Unordnung herrscht und Handlungsbedarf besteht.

Für Jugendliche ist Ordnung auch mit Abgrenzung und ­Autonomie verbunden: Das ist mein Zimmer und hier lebe ich so, wie ich will!

Während manche Mütter und Väter bereits beim Anblick weniger herumliegender Sachen innerlich unruhig werden, zeigen andere Familienmitglieder demonstrative Gleichgültigkeit. «Stört doch nicht  ... Nur das Genie überblickt das Chaos!», ruft der Partner oder die Partnerin augenzwinkernd. «Ich finde alles», beteuert das Kind, selbst wenn sein Zimmer einer archäologischen Ausgrabungsstätte gleicht.

Damit sind Konflikte vorprogrammiert. Ein erster Schritt in Richtung Lösung besteht darin, zu verstehen, warum der Ordnungssinn bei Menschen so unterschiedlich ausgeprägt ist. Die psychologische Forschung liefert hierzu spannende Einsichten.

Unterschiedliche Reizempfindlichkeit

Menschen unterscheiden sich von Geburt an in ihrer Reizempfindlichkeit. Je niedriger unsere Reizschwelle, desto schneller führen herumliegende Gegenstände zu sogenanntem «attentional noise»: Die Reize konkurrieren um unsere Aufmerksamkeit und ermüden das Arbeitsgedächtnis.

Dieser Effekt ist nicht nur bei Unordnung zu beobachten. Manche Menschen fühlen sich auch in üppig dekorierten Räumen rasch unwohl oder überfordert und lieben die beruhigende Wirkung minimalistischer Einrichtung.

Sie möchten wissen, wie sensibel Sie auf visuelle Reize reagieren? Dann betreten Sie einen wohlsortierten Trödelladen oder ein Dekogeschäft. Können Sie sich gar nicht sattsehen und fühlen sich positiv aktiviert durch alles, was es zu entdecken gibt? Oder sind Sie bereits auf der Türschwelle restlos erschlagen? 

Frauen haben schneller Stress mit Unordnung

Gleichzeitig zeigen Untersuchungen der University of California, dass Frauen bei häuslicher Unordnung mehr Stresshormone ausschütten als Männer. Man erklärt sich dies mit erhöhtem Verantwortungsgefühl: Frauen scheinen herumliegende Dinge aufgrund ihrer Sozialisierung eher als Aufforderung wahrzunehmen und setzen sie auf die mentale To-do-Liste. Kein Wunder, dass dies ihr Wohlbefinden schmälert und auf die Stimmung drückt.

Aufräumen ist auch ein Akt der Emotionsregulation. Manchmal muss man sich von Dingen verabschieden, mit denen man sich verbunden fühlt.

Das lässt sich auch darauf zurückführen, dass Frauen stärkeren Wertungen hinsichtlich der Ordnung in der Wohnung ausgesetzt sind. So bekamen Erwachsene in einer Studie jeweils ein Foto eines Wohn-Ess-Bereichs vorgelegt, der entweder relativ aufgeräumt oder eher unordentlich war.

Gleichzeitig wurde den Versuchsteilnehmenden beiläufig erzählt, dass es sich um die Wohnung einer «Jennifer» beziehungsweise eines «John» handle. Das Ergebnis: Glaubten die Versuchspersonen, das Foto zeige die Wohnung einer Frau, taxierten sie die Unordnung als viel grösser.

Undiszipliniert oder kreativ?

Darüber hinaus spielen Persönlichkeitseigenschaften eine wichtige Rolle. Wer eher ein chaotisches Zuhause oder Büro hat, wird schnell als faul, unmotiviert oder undiszipliniert bezeichnet, teilweise aber auch als besonders kreativ und intelligent.

So wird Albert Einstein immer wieder zitiert mit den Worten: «Wenn ein unaufgeräumter Schreibtisch ein Zeichen für einen unaufgeräumten Geist ist, was sagt dann ein leerer Schreibtisch aus?» Auftrieb erhielt diese Sichtweise durch die «Messy Desk»-Studie, die Unordnung mit Innovationsgeist und Kreativität in Verbindung brachte. Auch wenn dieser Befund medial durch die Decke ging, konnte er in Nachfolgestudien kaum zuverlässig bestätigt werden.

Es gibt jedoch durchaus Eigenschaften, die laut Forschung mit einem hohen Ordnungssinn einhergehen. Allen voran die Gewissenhaftigkeit – ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, das Pflichtbewusstsein, Zielstrebigkeit, Sorgfalt und Gründlichkeit sowie Selbstdisziplin und Struktur umfasst. Gewissenhafte Menschen reagieren rasch gestresst, wenn Dinge herumliegen, und haben das Gefühl, nicht mehr richtig denken zu können.

Ordnunghalten setzt verschiedene Fähigkeiten voraus

Das hat auch seine Berechtigung: Studien zeigen, dass Versuchspersonen in unordentlichen Büros mehr Fehler unterlaufen – und dass das vor allem für sehr gewissenhafte Menschen gilt. Und schliesslich: Für Jugendliche ist Ordnung manchmal auch mit dem Thema Abgrenzung und Autonomie verknüpft: «Das ist mein Zimmer und hier lebe ich so, wie ich will!»

Der Zustand der Wohnung hängt aber nicht nur davon ab, wie sehr uns Chaos stresst. Vielmehr setzt Ordnunghalten eine Vielzahl von Fähigkeiten voraus. Dabei spielen wieder einmal die Exekutivfunktionen eine Rolle: Wir müssen planen und Prioritäten setzen: Was räume ich als Nächstes auf? Wir beanspruchen unser Arbeitsgedächtnis mit Fragen wie: Was gehört wohin?

Entscheidend ist, dass wir uns bei den Gemeinschaftsräumen die Verantwortung teilen und im Gespräch bleiben.

Wir dürfen uns nicht von unserem Ziel ablenken lassen, indem wir plötzlich in dem Buch lesen, das wir eigentlich wegräumen wollten. Auch benötigen wir eine ordentliche Portion Willenskraft, um Entscheidungen zu treffen: Werfe ich das fort oder brauche ich das noch? Schliesslich ist Aufräumen auch ein Akt der Emotionsregulation. Man muss sich aufraffen, Langeweile überwinden und manchmal von Dingen Abschied nehmen, mit denen man sich emotional verbunden fühlt.

Ordnung halten mit ADHS

Und hier wird es knifflig: Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die bereits Schwierigkeiten mit ihren Exekutivfunktionen haben – etwa mit ADHS –, werden durch Chaos noch stärker beansprucht. «Attentional noise» überlastet sie rasch und versetzt sie in einen Erstarrungszustand. Dann stehen sie inmitten des Chaos und können nicht mehr klar denken.

Vielleicht schichten sie hektisch ein paar Sachen von A nach B um, verlieren sich kurzzeitig in irgendetwas Spannendem, wissen nicht recht, wohin mit alledem und geben irgendwann erschöpft und beschämt auf. Selbst mit Checklisten, einfachen Ordnungssystemen mit Kisten und Schubladen und Begleitpersonen, die den Berg mit ihnen in kleine Einzelschritte unterteilen, bleibt das Aufräumen für sie meist eine energieraubende Mammutaufgabe.

Erst wenn wir aufhören, diese Unterschiede als «Charakterschwäche» auszulegen und moralisch zu bewerten, können wir besprechen und akzeptieren, was jedes Familienmitglied braucht, um sich zu Hause wohlzufühlen. Während der eine seinen Rückzugsort aufgeräumt hält, darf der Teenie sein Zimmer nach eigenen Vorstellungen gestalten. Entscheidend ist, dass wir uns bei den Gemeinschaftsräumen die Verantwortung teilen und im Gespräch bleiben.