Konzentration und Aufmerksamkeit im Kindergarten

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Konzentration und Aufmerksamkeit im Kindergarten

Spielerisch werden im Kindergarten verschiedenste Kompetenzen geschult, die die Kinder auf die Schule vorbereiten und die für das Leben wichtig sind – unter anderem die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit bewusst auf etwas zu lenken, zuzuhören und sich zu konzentrieren. Doch was ist eigentlich Konzentration? Und wovon hängt es ab, ob sich ein Kind konzentrieren kann?
Text: Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund

Bild: Getty Images

Der Kognitionspsychologe Michael Posner und sein Team haben jahrzehntelang zur Frage geforscht, wie Aufmerksamkeit funktioniert – und dabei immer wieder bildgebende Verfahren zu Hilfe genommen. Sie entdeckten im Gehirn drei Netz­werke, drei Aufmerksamkeitssys­teme, die jeweils Teilbereiche unserer Aufmerksamkeit steuern.

1. Das Alerting-Netzwerk: «Ich bin wach und bereit» 

Das sogenannte Alerting-Netzwerk hat die Aufgabe, uns in einem wachen, geistig offenen Zustand zu halten. Es bereitet den Körper darauf vor, Informationen aufzunehmen und Warnsignale frühzeitig auszumachen. Wir können uns dieses Netzwerk wie einen grossen Radarschirm vorstellen, der Eindrücke aus der Umgebung einfängt. Wenn wir mit einem Kindergartenkind durch den Wald spazieren und sein Alerting-Netzwerk sehr aktiv ist, wird es kein Rascheln im Busch, keine Regung im Augenwinkel verpassen.

2. Das Orientierungsnetzwerk: «Was ist denn hier los?!» 

Das Orientierungsnetzwerk organisiert alle Informationen, die über unsere Sinneskanäle auf uns einströmen. Blitzschnell nimmt es eine ­erste Bewertung vor: «Wo kommt der Reiz her? Handelt es sich um ein Bild, ein Geräusch, eine Körperempfindung, einen Geruch oder Geschmack? Ist diese Information wichtig oder unwichtig? Soll ich mich ihr zuwenden?»

Diese Bewertung läuft unbewusst und innert Sekundenbruchteilen ab. Ein Kindergartenkind hört beispielsweise während des Spiels einen lauten Knall. Sein Orientierungsnetzwerk entscheidet sofort und unbewusst, dass dieser Reiz relevant ist und eine Reaktion erfordert: Das Kind dreht sich instinktiv um, um nachzusehen, was los ist, und stellt fest: Ein Bauklotz ist vom Tisch gefallen. Dieses Netzwerk entscheidet also mitunter darüber, wohin sich unser Aufmerksamkeitsfokus verschiebt.

Der Kindergarten ist für manche Kinder der erste Ort, an dem sie ihre Konzentration üben können.

3. Die exekutive Kontrolle: «Volle Konzentration!» 

Und nun wird es spannend: Müssten wir alle Eindrücke ungefiltert aufnehmen und darauf reagieren, wäre unser Gehirn völlig überlastet. Damit dies nicht geschieht, hat uns die Natur mit einem dritten Netzwerk ausgestattet, das Prioritäten setzt und zwischen verschiedenen Hirnbereichen vermittelt: Es heisst exekutive Kontrolle. Diese kommt unter anderem zum Zug, wenn sich ein Kind konzentrieren soll.

Unter Konzentration versteht man eine besondere Form von Aufmerksamkeit, bei der wir uns über einen längeren Zeitraum willentlich auf eine bestimmte Aufgabe oder einen Gegenstand fokussieren und dabei mögliche Ablenkungen ausblenden.

Ein Beispiel: Ein Kindergartenkind sitzt an einem Gruppentisch und legt ein Perlensteckbild. Dabei konzentriert es sich darauf, das gewünschte Muster abzubilden. Seine exekutive Kontrolle sorgt dafür, dass es die Geräusche aus der Bau- und Puppenecke ausblendet und beharrlich bei der Sache bleibt, bis das Kunstwerk fertig ist.

Dabei muss es vielleicht immer wieder dem Impuls widerstehen, aufzustehen und etwas anderes zu tun, und kleine Frustmomente aushalten, wenn ihm etwa eine Perle herunterfällt oder es die Reihe mit der falschen Farbe begonnen hat, wodurch sein Plan durcheinandergekommen ist.

Konzentration benötigt das Kind somit vor allem, wenn die Aufgabe anstrengend wird, das Interesse ­daran nachlässt oder Schwierigkeiten auftreten. Der Kindergarten ist für manche Kinder der erste Ort, wo sie mit solchen Aufträgen konfrontiert werden oder dazu motiviert werden, etwas fertig zu machen oder sich auf etwas einzulassen, das ihnen schwerfällt.

Weitere Exekutivfunktionen

Zusätzlich werden dort weitere sogenannte «Exekutivfunktionen» geschult: Die Kinder lernen, zuzuhören und Informationen im Gedächtnis zu behalten, indem sie neue Lieder lernen, auf Fragen zu Geschichten antworten oder kleine Aufträge ausführen. Sie trainieren langsam, sich bei Brettspielen an die Vorgaben zu halten, im Stuhlkreis dem Impuls zu widerstehen, einfach dazwischenzuplappern, sich an Regeln zu halten und mehrstufige Abläufe wie das Anziehen oder Aufräumen zunehmend selbständig zu bewältigen.

Kinder, die zu den jüngsten ihrer Klasse gehören, erhalten im Verlauf der Schulzeit deutlich häufiger die Diagnose ADHS als die ältesten.

Bei Aktivitäten wie dem Basteln lernen die Kinder, strukturiert vorzugehen, Pläne zu schmieden, sich auf Neues einzulassen und sich flexibel darauf einzustellen, wenn einmal etwas danebengeht. Dass im Kindergarten für diese Kompetenzen eine gute Grundlage gelegt wird, ist entscheidend für einen gelungenen Start in die erste Klasse.

Allerdings entwickeln sich diese Fähigkeiten bis ins Erwachsenenalter hinein weiter. Wie rasch und wie gut Kinder lernen, sich zu konzentrieren und weitere Exekutiv­funktionen zu nutzen, hängt von mehreren Faktoren ab. Auf einige davon möchten wir kurz eingehen.

In hohem Mass vererbte Fähigkeiten

Eine Vielzahl von Studien kann mittlerweile belegen, dass die Fähigkeit zur bewussten Aufmerksamkeitslenkung bzw. Konzentration zu einem hohen Ausmass vererbt wird. Einigen Menschen gelingt es von Natur aus besser, ihren Fokus über längere Zeit auf eine Aufgabe zu richten.

Daneben können sich schädliche Einflüsse während der Schwangerschaft (Alkohol, Nikotin, längere Krankheiten, starker Stress usw.), Komplikationen während der Geburt (Frühgeburtlichkeit, Sauerstoffmangel usw.) sowie Krankheiten und Unfälle negativ auf diese Fähigkeiten auswirken.

Kinder, die schon früh in ihrer ­Entwicklung mit emotional belastenden Erfahrungen konfrontiert werden, entwickeln häufiger Schwierigkeiten in diesem Bereich. Dazu gehören beispielsweise traumatische Erlebnisse wie Gewalt, eine Fremdplatzierung, der Tod einer nahen Bezugsperson, eine Scheidung mit Kontaktabbruch zu einem Elternteil oder anhaltende Konflikte innerhalb der Familie.

Ähnlich gravierend kann sich auch ein anregungsarmes Umfeld auswirken, bei dem das Kind oft sich selbst überlassen wird und wenig Nähe und Zuwendung sowie kaum geistige Anregung zum Beispiel in Form von Gesprächen, Vorlesen, Spielen erhält.

Alter und Reife entscheiden über Konzentrationsfähigkeit

Da sich die Exekutivfunktionen im Laufe der Kindheit bis ins Erwachsenenalter hinein entwickeln, entscheiden Alter und Reife darüber mit, wie gut es Kindern gelingt, ­diese Funktionen zu nutzen. Momentan gibt es einen Trend in die Richtung, Kinder früher einzuschulen. Vielerorts wurde der Stichtag nach vorne verlegt, ohne den Lehrplan für den Kindergarten entsprechend anzupassen.

Oft ­liessen sich viele Folgeprobleme eines hibbeligen Kindes in der Schule mit einem dritten Kindergartenjahr verhindern oder abmildern.

Für Kinder, die zum Zeitpunkt des Kindergarteneintritts gerade vier Jahre alt sind, ist es oft eine Überforderung, sich in einer Gruppe mit 20 anderen zurechtzufinden, nur eine Ansprechperson zu haben, sich phasenweise selbst zu beschäftigen oder den Abläufen des Kindergartens zu folgen.

Natürlich versuchen die Kindergartenlehrpersonen, sich so gut wie möglich auf den Entwicklungsstand des jeweiligen Kindes einzulassen – viele jüngere Kinder bräuchten jedoch noch einen ähnlichen Betreuungsschlüssel wie in der Krippe.

ADHS-Diagnose eher bei jüngeren Kindern

Wie bedeutsam der Aspekt von Alter und Reife ist, wird auch in mehreren Untersuchungen deutlich. So erhalten beispielsweise Kinder, die zu den jüngsten ihrer Klasse gehören, im Verlauf der Schulzeit deutlich häufiger die Diagnose einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) als die ältesten.

In einer Studie aus den USA (Elder, 2010) wurden die Eltern und Lehrpersonen von über 18 00 Kindern über ihre Schulzeit hinweg mehrmals zur Entwicklung der Kinder befragt. Dabei zeigte sich: 8,4 Prozent der Kinder, die verhältnismässig jung eingeschult wurden, erhielten im Laufe der Schulzeit eine ADHS-Diagnose. In der Gruppe der eher spät eingeschulten Kinder waren es 5,1 Prozent. Studien aus dem deutschsprachigen Raum (z. . Wuppermann und Kollegen, 2015) bestätigen diesen Befund.

Warnzeichen für Eltern

Wenn die Kindergärtnerin zurückmeldet, dass das Kind sehr langsam, verträumt oder durch­gehend enorm hibbelig und ungestüm erscheint, dass es Schwierigkeiten hat, sich in der Gruppe einzufinden und im Stuhlkreis zuzuhören, sollte man als Eltern aufhorchen. Ebenso, wenn sie Ihnen mitteilt, dass es sich mit feinmotorischen Tätigkeiten wie Basteln, Malen oder Ausschneiden schwertut bzw. diese vermeidet und trotz viel Übung an Alltagsroutinen wie dem Anziehen scheitert.

Oft ­liessen sich viele Folgeprobleme in der Schule mit einem dritten Kindergartenjahr verhindern oder abmildern – ganz nach dem afrikanischen Sprichwort: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.


Stefanie Rietzler und Fabian ­Grolimund haben für verträumte ­Primarschulkinder und deren Eltern das Buch «Lotte, träumst du schon wieder?» geschrieben. Es führt in Form einer spannenden Geschichte ans Thema Konzentration heran. Das Buch erscheint am 14. September.  Stefanie Rietzler, Fabian ­Grolimund: Lotte, träumst du schon wieder?   Hogrefe 2020, ca. 26 Fr.
Stefanie Rietzler und Fabian ­Grolimund haben für verträumte ­Primarschulkinder und deren Eltern das Buch «Lotte, träumst du schon wieder?» geschrieben. Es führt in Form einer spannenden Geschichte ans Thema Konzentration heran. Das Buch erscheint am 14. September.

Stefanie Rietzler, Fabian ­Grolimund: Lotte, träumst du schon wieder? 
 Hogrefe 2020, ca. 26 Fr.