Ein altes Feindbild löst sich auf
Wer Kinder hat, muss viel entrümpeln. Oft gehe ich mit besten Vorsätzen in den Keller und trenne mich zwei Stunden später rührselig von drei Pixi-Büechli und dem Plüschwichtel einer Migros-Sammelaktion.
Doch langsam kommen tiefere Schichten unseres Krempels zum Vorschein. Und kürzlich, hinter einer Kiste mit Wasserspielzeug, lugte der alte Frisierkopf einer unserer Töchter hervor.
Er war ein Geschenk, aber nicht von mir. Weil ich wusste, wie ersehnt er war, hatte ich ihn einst geduldet, wenn auch nie begrüsst. Jetzt aber wäre mir fast ein «Hallo» herausgerutscht. Zerzaust, die Augen aufgerissen, wirkte er beinahe so erstaunt wie ich über das Wiedersehen. Da polterte eine Wasserpistole zu Boden. Sicher hätte ich ihn sonst sagen hören: «Na du, immer noch sauer?»
Der Frisierkopf – eine Cruella de Vil mit Engelsgesicht, die statt Welpen Mädchenseelen ködert.
Ein plastikgewordenes Rollendiktat
Wir hatten unsere Themen, wir zwei, als er noch neu und blond im Kinderzimmer stand – mein rotes Tuch mit rosa Wangen. Es gab auch Lillifee, klar, und später Heidi Klum. Er allerdings schien mir der Inbegriff des rosa Glitzerns. Ein plastikgewordenes Rollendiktat. Eine Cruella de Vil mit Engelsgesicht, die statt Welpen Mädchenseelen ködert.
Nun gut. Jedenfalls gingen Fragen durch meinen Kopf, wann immer ich seinen sah: Mit so was sollen sie gross werden …? Das soll ihre Welt sein …? Und als krakelig geschriebene «Schminksets» auf Wunschlisten standen und irgendwann klumsche «Kein Foto für dich»-Sätze aus dem Fernseher gellten, wirkte das alles wie eine logische Konsequenz.
Es gab auch anderes, zum Glück. Bücher über beeindruckende Frauen etwa. Die «Good Night Stories for Rebel Girls» hatten wir auf einmal sogar doppelt. Das geschenkte Zweitexemplar nicht zu tauschen, war mein eigener kleiner Rebel Act. Auch wenn die Töchter das Buch nicht so mochten. «Zu bemüht!», so ihr Urteil, das mir auch Warnung war.
Der rosa Nebel lichtet sich
Doch irgendwann hat sich der rosa Nebel gelichtet. Heute dominiert Schwarz den Kleiderschrank der einen Tochter, mild exzentrisches Chaos den der anderen. Ihre T-Shirts thematisieren Totenköpfe und Nirvana, ihre Schulvorträge auch mal den Feminismus. Auch mit Haar-Glätteisen und Make-up hantieren sie gewandt. Aber ihr Sinn für Komplexität ist gewachsen.
Meiner auch, glaube ich, als wir uns jetzt im Keller mustern, der Kopf und ich. Das war mein rotes Tuch? Er sieht müde aus, irgendwie schlecht gealtert. Als er zu uns kam, war noch Obama Präsident. «Weisst du überhaupt, was alles passiert ist, seit du hier unten stehst?» Aber wahrscheinlich denkt er eher an Beautyfilter als an kulturellen Backlash. Mir dagegen fallen die alten Fragen ein. Anders als er wirken sie so gar nicht gealtert, im Gegenteil. Doch davon sage ich nichts. Nicht, dass er sich noch Vorwürfe macht, so kurz vor seinem Ende.
Mit dem Entrümpeln ist es so eine Sache. Doch wenn es geschafft ist, fühlt man sich leichter.
«Du warst ein prima Feindbild», erkläre ich ihm stattdessen und bin ein wenig überrascht, dass er noch immer schweigt. Früher war ich nie so nett ... Jetzt bloss nicht sentimental werden, nicht bei ihm! Also packe ich das Ding beim Schopf, stelle es unsanft zum Wichtel und zu den Pixis und lege die zwei «Rebel Girls»-Ausgaben dazu.
Ja, mit dem Entrümpeln ist es so eine Sache. Doch wenn es geschafft ist, fühlt man sich leichter. Die Wasserpistolen haben jetzt mehr Platz und der Kopf ist inzwischen weg. Ohne auch nur eine Frage beantwortet zu haben. Aber sie aufwerfen, das konnte er schon immer gut.






