Fabian Grolimund: Wie setze ich meinem Kind Grenzen?
Elternbildung
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«Fick dei ... Frau Grolimund, haben wir das verbrannt?»

Die grünen wurden im Kindergarten aufbewahrt. Für die orangefarbenen gingen sie in den Keller und sagten sie laut auf der Kellertreppe, um sie dann getreu dem Lied «Chällerstäge» (Kellertreppe) von Pauli und Bardill dort unten zu lassen. Die roten wurden im Garten nochmals laut im Chor aufgesagt und anschliessend verbrannt. 

«Fick dei ... Frau Grolimund, haben wir das verbrannt?», fragten wenig später die Kinder, wenn sie zu einer Fluchtirade ansetzen wollten. «Ja, das ist verbrannt! Schau, du kannst dir eines von den grünen aussuchen», antwortete meine Mutter und las einige Schimpfwörter vor, bis das Kind ein geeignetes gefunden hatte.

In vielen Fällen gelang es ihr, mit den Kindern ein gemeinsames Verständnis dafür zu entwickeln, wie man miteinander umgeht, und dabei auch Kinder miteinzubeziehen, die von zu Hause einen ganz anderen Umgang gewohnt waren.

Gerade im Jugendalter bekommt das Thema Respekt nochmals eine neue Dimension. Jugendliche reagieren sehr viel sensibler darauf, wenn ihnen jemand respektlos begegnet als jüngere Kinder. Für unser neues Videoprojekt «Und was denkst du?» haben Stefanie Rietzler und ich über 20 Jugendliche interviewt. Fast alle sagten, dass sie sich am meisten darüber ärgerten, wenn sie nicht ernst genommen oder von Erwachsenen blossgestellt würden. 
Fast alle Jugendlichen 
sagten mir, dass sie sich am meisten darüber ärgerten, wenn sie nicht ernst genommen würden. 
Auf der anderen Seite wünschten sie sich Erwachsene, die sich auf sie einlassen, sich für sie interessieren und gleichzeitig «streng sind», «die Klasse im Griff haben» und als Eltern ihre Position vertreten. Einige von ihnen betonten, dass es natürlich «manchmal nervt», wenn die Eltern nachfragen, etwas nicht erlauben oder ihren Standpunkt kritisch hinterfragen, aber es gleichzeitig zeige, dass sie ihnen wichtig sind und die Eltern für sie da sind.

Ich erwarte viel von euch – weil ihr mir wichtig seid

Diese Aussagen erinnerten mich an die Art und Weise, wie mein Vater unterrichtete. Er war Lehrer an der Bezirksschule und an einer kaufmännischen Berufsschule und verzichtete darauf, Striche für vergessene Hausaufgaben oder Fehlverhalten zu verteilen. Stattdessen war er gut darin, im richtigen Moment deutlich zu zeigen: Ihr seid mir wichtig und ich erwarte viel von euch. Als etwa ein 15-jähriger Schüler mehrmals in der ersten Stunde fehlte, rief er bei ihm zu Hause an. Seine Mutter sagte, er stehe nicht auf und beschimpfe sie, wenn sie ihn zu wecken versuche. Mein Vater beschäftigte die Klasse mit Stillarbeit und stand 15 Minuten später im Schlafzimmer des Schülers: «In fünf Minuten bist du angezogen. Ich warte unten im Auto.» Wortlos chauffierte er ihn zur Schule, beide betraten still das Klassenzimmer und damit war die Sache erledigt und der Schüler fortan pünktlich.

Auch Kinder dürfen von Erwachsenen Respekt einfordern. Meine Vierjährige isst einmal pro Woche in der Mittagsbetreuung. Es gefällt ihr überhaupt nicht: «Es hat nur zwei Betreuerinnen, die ich gerne mag. Die anderen sind blöd.» Das will ich natürlich genauer wissen und frage nach, was diese tun. Sie erzählt, dass sie beim Essen neben ihrem Bruder sitzen möchte, das aber nicht darf, weil die Kinder nach Klasse sortiert werden. Und dass die «blöden Betreuerinnen» schimpfen, wenn sie deswegen weinen muss. «Die schimpfen? Die trösten dich nicht?», will ich wissen und bekomme die Antwort: «Nein, Papa! Das sind so Scheisshühner!»

Das ist vielleicht eines dieser ­Beispiele, bei denen man je nach Auffassung, was Respekt bedeutet, sehr unterschiedlich reagiert. Vielleicht würde jemand entgegnen: «Es wird nicht geflucht! Solche Wörter sagt man nicht!», jemand anderes: «Wenn das eine Regel ist, musst du dich auch daran halten». Mir war es wichtig, dass meine Tochter in ihrer kindlich-direkten Art sagen kann: «Ich darf traurig sein und weinen und muss mich nicht falsch fühlen, wenn eine erwachsene Person deswegen schimpft.»

Fabian Grolimund

ist Psychologe und Buchautor («Mit Kindern lernen», «Vom Aufschieber zum Lernprofi»). Gemeinsam mit ­Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Der 40-Jährige ist verheiratet und Vater eines Sohnes, 6, und einer Tochter, 4. Er lebt mit seiner Familie in Fribourg. Die besten dieser Kolumnen finden Sie im neuen Buch «Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden».

www.mit-kindern-lernen.ch, www.biber-blog.com

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1 Kommentar

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Von Karin am 07.02.2020 16:03

Diesen Artikel finde ich super! Es ist nicht einfach immer richtig zu reagieren🤪. Manchmal reagiere ich ganz spontan und im Nachhinein finde ich es falsch. Aber die Kinder verzeihen einem viel😍

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