Gute Manieren lernen ohne Druck
Elternbildung

Gutes Benehmen lernen ohne Druck

Für ein angenehmes Miteinander braucht es gute Manieren. Doch wie bringt man seinen ­Kindern Anstandsregeln bei? Und welche sollen das heute überhaupt noch sein?
Text: Anna Gielas
Bild: Kyla Ewert
Im Bus sind alle Sitze belegt. Da steigt eine ältere Dame hinzu. Mit breitem Lächeln springt ein Mädchen auf und bietet ihren Sitz an. Die ältere Dame lächelt hocherfreut zurück. Auch die anderen Gäste sind von den Manieren des Mädchens sichtlich begeistert. Gutes Benehmen ist gern gesehen. Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach hätten es die meisten Befragten den Fahrgästen übelgenommen, wenn niemand aufgestanden wäre. Rücksicht auf die eigenen Mitmenschen zu nehmen, ist nach wie vor eine Tugend in unserer Gesellschaft.

Rücksichtsvoll zu sein bedeutet beispielweise nicht zu drängeln, nicht übertrieben laut aufzutreten, sein Gegenüber aussprechen zu lassen und zu einer Verabredung pünktlich zu erscheinen. Die grosse Mehrheit der Befragten legt gemäss der Umfrage Wert auf diese Verhaltensregeln. Und die anderen Befragten kommen nicht um sie herum. Denn, so die Kommunikationsexpertin Nandine Meyden: «Gute Umgangsformen sind grundlegende Spielregeln für das Miteinander in unserer Gesellschaft.» Eltern, die beim Stichwort «Manieren» an Strenge, Kindertränen und blanke Elternnerven denken, können aufatmen: Das Gespür für ein gutes soziales Miteinander bekommen wir quasi in die Wiege gelegt. «Bereits 19 Monate alte 

Kleinkinder zeigen soziale Emotionen wie Empathie und Rücksicht, Zweijährige ein Bewusstsein dafür, ob ein Verhalten richtig oder falsch ist», wie Moritz Daum, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich, sagt. Und Dreijährige können ihren sozialen Gerechtigkeitssinn verbal ausdrücken: Sie kritisieren beispielsweise eine Puppe in einem Spiel, wenn diese eine Regel bricht.
Kleinkinder besitzen ein beachtliches Bewusstsein für andere Menschen. Für Eltern ist das eine wunderbare Grundlage, das soziale Gespür ihrer Kinder Tag für Tag zu fördern. Das führt langfristig zu guten Umgangsformen und anderem wünschenswertem Verhalten wie Zivilcourage. Das fängt schon im Kleinen an. Zum Beispiel indem der Vater das Kind im Bus darauf aufmerksam macht, wenn es zu laut ist. Dabei erklärt er, dass die anderen Fahrgäste womöglich müde sind oder schlicht ihre Ruhe wünschen. So laden Eltern ihr Kind dazu ein, seinen Mitmenschen Aufmerksamkeit und Empathie zu schenken.

Das soziale Gespür täglich fördern

Dabei sollte man möglichst konsequent sein: Lässt man das Kind im Bus einmal laut sein, dann wieder nicht, lernt es nicht. Bleiben die Eltern jedes Mal konsequent und entschlossen, festigt sich das frühkindliche Gespür für rücksichtsvolles Miteinander und kann mit der Zeit zu einer inneren Haltung werden – genau das ist das Ziel.
 
Einem sozial aufmerksamen und respektvollen Kind fallen Umgangsformen grundsätzlich leichter. Es drängelt sich nicht blind durch eine Menschenmenge, um als Erstes dranzukommen. Und es spürt, wann «Bitte» und «Danke» angemessen sind, die zwei elementarsten Formen eines respektvollen Miteinanders. 

Weshalb Eltern Vorbilder sind

Das wirkungsvollste Mittel, mit dem Eltern das soziale Bewusstsein und die Manieren ihres Nachwuchses fördern können, ist ihre Vorbildfunktion. Sie sollten ihren Kindern beispielsweise vorleben, einer Person die Tür aufzuhalten, wenn diese schwere Taschen trägt. Auch von Gesprächen der Eltern mit Fremden kann der Nachwuchs lernen, etwa den anderen nicht zu unterbrechen.

Das elterliche Vorbild beschränkt sich aber nicht auf den Umgang mit Personen ausserhalb der Familie – Mama und Papa müssen genauso rücksichts- und respektvoll mit ihrem Kind umgehen.

Auch der Dialog spielt eine entscheidende Rolle: «Eltern sollten das gewünschte Verhalten erklärend und instruierend kommunizieren», sagt Moritz Daum. «Zum einen gilt es dem Nachwuchs zu wiederholen, dass andere Menschen Gefühle und Bedürfnisse haben, die unseren nicht nachstehen», erklärt Nandine Meyden. Zum anderen sollten Eltern ihren Kindern deutlich machen: So wie ich mit anderen umgehe, so kommt es auch zu mir zurück. «Ich habe Einfluss darauf, ob mir Respekt und Wertschätzung gezeigt werden», erklärt Nandine Meyden, und: «Es ist lehrreich, die Kinder dahin zu bringen, dass sie spüren, wie das ist, wenn jemand sich beispielsweise nicht bedankt.»

Wenn das Kind einem Klassenkameraden ein Geburtstagsgeschenk macht, können Eltern nachfragen: «Wie hättest du dich gefühlt, wenn dein Freund oder deine Freundin sich nicht bei dir bedankt hätte?»
 
Auch ein tägliches Gespräch stärkt das Bewusstsein des Kindes für seine Mitmenschen. Es muss nicht lange sein, bereits ein paar Minuten reichen. Bei diesem Austausch sollten Mama und Papa charakterbildende Fragen stellen wie: «Wie hast du heute jemandem geholfen?» Oder: «Was meinst du, wie Marc sich dabei gefühlt hat?»

Eltern können von ihrem Tag berichten und ihre Vorbildfunktion in erzählerischer Form umsetzen. Etwa: «Heute Morgen habe ich einem Herrn die Tür des Trams offengehalten, sonst hätte er es verpasst und für sein Zuspätkommen wahrscheinlich Ärger bekommen.»

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