Kleine Kinder, grosser Hunger – wenn Essen allgegenwärtig ist - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

Kleine Kinder, grosser Hunger – wenn Essen allgegenwärtig ist

Lesedauer: 3 Minuten

Während die einen «gschnäderfrässig» sind und kaum etwas essen, gibt es Kinder, die scheinbar nicht genug bekommen. Was ist im Kindesalter normal? Und wann wird das Naschen zum Problem?

Text: Wina Fontana
Bild: Alamy Stock Photo

Phasenweise erweckt es den Eindruck, als schlü­gen unsere Kinder beim Essen masslos über die Stränge. Im Normalfallist dies kein Grund zur Sorge – Kin­der im Wachstum benötigen ausrei­chend Nahrung, um sich adäquat entwickeln zu können. Dreht sich jedoch der ganze Alltag um das Thema Essen und geht diese Ent­wicklung mit einer Gewichtszu­nahme einher, gilt es achtsam zu sein. Denn durch Übergewicht im Kindesalter erhöht sich das Risiko, später an einem Diabetes Typ 2 oder einem Herzkreislaufleiden zu erkranken.

Die Gründe für unbändigen Hunger sind vielfältig und können physischer wie auch psychischer Natur sein. Bevor wir uns mit diesen Aspekten befassen, ist es sinnvoll, dass wir uns kurz die Grundlagen einer kindergerechten Ernährung vor Augen führen.

Eine ausgewogene Mischkost mit Vollkornprodukten, Gemüse und Eiweissquellen, Esspausen sowie einer ausreichenden Flüssigkeitszu­fuhr sollten die Basis der Ernährung bilden. Denn sie sorgen für eine gute Nährstoffabdeckung und eine lang­anhaltende Sättigung. Die Empfeh­lung für Kinder liegt bei drei Haupt­mahlzeiten pro Tag und je einer Zwischenmahlzeit am Vormittag und einer am Nachmittag. Alters-adäquate Portionengrössen finden Sie auf der Website der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (www.sge-ssn.ch).

Emotionale und körperliche Bedürfnisse

Im Säuglingsalter sind Nahrungsaufnahme und Zuwendung gleichgestellt. Durch das Stillen, ob an der Brust oder mit der Flasche, werden beide Grundbedürfnisse gleichzeitig befriedigt. Mit zunehmendem Alter lernen Kinder, diese Gefühle klarer voneinander zu trennen. Dies geschieht teilweise intuitiv; die Unterstützung der Eltern beim Erkennen dieser Bedürfnisse spielt jedoch eine grosse Rolle. Wichtige Aspekte hierbei sind klare Regeln sowie ein offener und ehrlicher Umgang mit den Themen Ernährung, Emotions- und Bedürfnisregulation.

Was aber tun, wenn die empfohlenen Portionsgrössen bei Weitem überschritten werden? Und das über einen längeren Zeitraum? Oder das Kind sich überwiegend von Fettem und Süssem ernährt? Neben dem Dialog, den Eltern mit ihren Kin-dern über das Essen führen sollten, lohnt es sich, sein eigenes Verhältnis zum Essen im Blick zu behalten. Denn auch beim Thema Ernährung sind Mütter und Väter Vorbilder. Beobachten Sie Ihr eigenes Essverhalten und ob dieses einen Einfluss auf das Verhalten Ihres Kindes haben könnte. Mit welchem Verhältnis zur Ernährung sind Sie aufgewachsen? Stillen Sie mit Essen ein-fach Ihren Hunger oder gibt es andere Auslöser, deretwegen Sie zu Nahrungsmitteln greifen? Essen Sie bei Langeweile, Traurigkeit oder zur Belohnung?

Langeweile als Auslöser

Die Nahrungsaufnahme dient oft als Übersprungshandlung, um Phasen der Langeweile zu überbrücken. Planen Sie deshalb gemeinsame Alltagsaktivitäten und Spieletreffen mit anderen Kindern. Denn auch das gemeinsame Spielen mit Kameradinnen und Kameraden lenkt vom Essen ab. Halten Sie Ihre Kinder auch draussen an der frischen Luft auf Trab, denn ausreichend Bewegung hat einen Einfluss auf das Hunger- und Sättigungsgefühl sowie das Gewicht Ihres Kindes.

Durst – ein häufig falsch interpretiertes Bedürfnis

Selbst viele Erwachsene erkennen das Durstgefühl nicht oder verspätet. Oft nehmen wir dieses durch einen trockenen Hals, Kopfschmerzen oder Konzentrationsschwierigkeiten wahr. Allerdings sind dies bereits Anzeichen für eine leichte Dehydrierung und somit ein ignoriertes Durstgefühl. Bieten Sie Ihrem Kind also zuerst ein Glas Wasser an, wenn es nach Essen fragt. Lassen Sie Ihr Kind bei anhaltendem Heisshunger durch die Kinderärztin oder den Kinderarzt untersuchen, um körperliche Ursachen auszuschliessen. Falls die Untersuchungen unauffällig sind, lässt sich das ständige Hungergefühl beziehungsweise das ausbleibende Sättigungsgefühl oft durch Verhaltensmuster und Gewohnheiten erklären.

9 Tipps für den Alltag

  • Das Einhalten der fixen Essenszeiten hilft Kindern, sich mit dem Gefühl Hunger und den dazugehörigen Signalen auseinander- zusetzen. Bieten Sie Essen nur dann an, wenn Ihr Kind wirklich Hunger hat.
  • Der Zugang zu Kühl- und Küchenschrank sollte den Erwachsenen vorbehalten bleiben. Achten Sie darauf, dass sich Ihr Kind besonders im Vorschulalter nicht nach Belieben bedienen kann und Sie so einen Überblick über das Essverhalten wahren. Befähigen Sie Kinder im Vorschulalter zu einem massvollen Umgang mit dem Zugang zu Vorräten, indem Sie gemeinsam situativ entscheiden, welches Lebensmittel gerade sinnvoll ist.
  • Bis die Sättigung einsetzt, dauert es etwa 20 Minuten – planen Sie also genügend Zeit zum Essen ein und animieren Sie Ihr Kind zum langsamen Essen und guten Kauen.
  • Starten Sie initial mit einer kleineren Portion und schöpfen bei Bedarf nach, wirken Sie der Angewohnheit entgegen, über die Sättigung hinaus den Teller leer zu essen.
  • Essen ist kein Erziehungsmittel und sollte nicht als Belohnung oder Bestrafung eingesetzt werden.
  • Essen sollte nie zum Trost eingesetzt werden. Erkunden Sie stattdessen gemeinsam mit Ihrem Kind seine aktuelle Gefühlslage. Helfen Sie Ihrem Kind dabei, Dinge zu relativieren, Lösungen zu suchen und bieten Sie Ihre Unterstützung an.
  • Unterbrechen Sie die aktuelle Tätigkeit Ihres Kindes für eine Zwischenmahlzeit. Liegt der Fokus während dem Essen auf einem Spiel, dem Fernseher u. a., ist das Sättigungsgefühl oft vermindert.
  • Die Verführung ist gross, Wutanfällen und Kindertränen mit Süssigkeiten zu begegnen. Doch damit lernt das Kind, dass man negative Emotionen mit Essen bewältigen kann.
  • Heisshunger kann auch ein Anzeichen seelischer Belastung sein. Forschen Sie einfühlsam nach, ob Ihr Kind etwas bedrückt, wie zum Beispiel Probleme in der Schule.

Wina Fontana
ist Ernährungsberaterin und arbeitet als Ernährungsexpertin bei Betty Bossi.

Alle Artikel von Wina Fontana