«Papa, was mach ich gegen Traurigkeit?»

«Was soll ich machen, wenn ich traurig bin?» Die Frage kam etwas unvermittelt, aber meine Tochter hatte sie gestellt, und nun schaute sie mich fragend an. 
In ihrem Gesicht konnte ich nicht eindeutig erkennen, ob es sich um eine klinische Depression handelte, einen frühen Liebeskum­mer oder einfach um jene bodenlose Traurigkeit, die uns Menschen in den merkwürdigsten Momenten anfällt wie ein böser Hund. Ich schluckte. Zu dem Schock, dass es meinem Kind schlecht gehen könnte, gesellte sich schleichend die ungute Einsicht, dass ich, im fortgeschrittenen Alter von 40 Jahren, noch immer nicht weiss, was Traurigkeit lindert.

Vor vielen Jahren hatte ich der österreichischen Schrifstellerin Friederike Mayröcker die gleiche Frage gestellt. Sie war damals tief in der Trauerarbeit um ihren verstorbenen Lebenspartner Paul Jandl versunken und hatte mit «Und ich schüttelte einen Liebling» so etwas wie eine persönliche Erinnerung, einen Nachruf auf Jandl verfasst. Das Buch war ihr Versuch, das Unsagbare in Worte zu kleiden und ihm so den Schrecken zu nehmen. Ich sass damals in einem Wiener Kaffeehaus der alten, gebückten Dame gegenüber und fragte sie: «Was lindert die Trauer?»


Sie überlegte lange, und dann sagte sie: «Gehen. Sehr rasch und viel gehen. Das ist gut, wenn man einen grossen Schmerz hat. So kann man den über­brücken.»

Ich verstand auf Anhieb. Auch mir hat Gehen in so manch dunkler Stunde geholfen. Paradoxerweise endet beim Gehen das Grübeln und beginnt das Denken. Und wer richtig weit läuft, bei dem hört beides auf.

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