Man würde es nicht denken

Wer sich bei uns zu Hause umschaut, wird’s kaum glauben, aber ich halte Unordnung schlecht aus. In mir brennt eine tiefe Sehnsucht nach Struktur und Bügelfalten – allein ich krieg’s nicht hin. Zu meiner eigenen Unfähigkeit gesellt sich der Neid auf Menschen, die mit Leichtigkeit beherrschen, woran ich kläglich scheitere. Wenn ich die säuberlich sortierten Kosmetikartikel eines Bekannten sehe, dann will ich vor Verzweiflung auf die Knie sinken und Gott anschreien. Wenn ich in fremde Wäscheschränke linse und gefaltete Spannlaken erblicke, stürzt mich das in Sinnkrisen von kafkaeskem Ausmass. Ein Teil von mir glaubt, dass alles, wirklich alles gut wird, wenn ich nur lerne, Ordnung zu halten.

Es gehört zu den vielen Ungereimtheiten meines Lebens, dass ich eine peinlich-genaue Umgebung einer kreativ-chaotischen immer vorziehen würde, sobald ich mich aber an einen aufgeräumten Ort begebe – ein Hotelzimmer etwa –, beginne ich die Ordnung zu zerlegen. Es ist das immergleiche Muster: Ich schaue mich andächtig um, als beträte ich das Innere einer Kirche, und schwöre mir, die heilige Ordnung nicht zu stören. Dann nehme ich eine Zeitschrift, blättere darin und lasse sie irgendwo liegen. Ich ziehe mein Hemd aus, hänge es aber nicht auf den Bügel, sondern werfe es über einen Stuhl, von dem es langsam heruntergleitet. Kurz denke ich noch daran, es aufzuheben, unterlasse es aber. Keine drei Minuten dauert es, und ich muss erschrocken feststellen: In dem eben noch aufgeräumten Zimmer hat ein Taifun gewütet. In solchen Momenten muss ich an meine Eltern denken, beide eher strukturierte Menschen diesseits der Grenze zum Ordnungszwang, und an die abgrundtiefe Resignation, die sie befiel, wenn sie mein unaufgeräumtes Zimmer betraten und durch das knöcheltiefe Chaos waten mussten. Sie schimpften, sie drohten, sie massregelten. Ich konnte nicht anders als ihnen Recht geben. Ich versprach, mich zu bessern. Und verlegte das Versprechen im Chaos. Es war beschämend.

„Man muss auch Dinge von anderen verlangen dürfen, an denen man selber scheitert – ein Mensch ohne Fehler ist nicht vollkommen.“
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