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Elternblog

Wie ich als Mutter lernte, die Schule zu meistern

Und plötzlich drängt sich in die Liebesbeziehung zwischen Eltern und Kind ein grosser Rivale: die Schule. Unsere Autorin über Elternabende auf Kinderstühlen, nervöse Mütter und überforderte Väter. Eine Polemik.
Text: Claudia Landolt
Bild: Stephan Rappo / 13 Photo
Endlich Freitag. Der letzte Schultag vor den Sportferien. Zu Ende gehen ereignisreiche Monate, prall gefüllt mit schulischen Aktivitäten: Elternabende, Räbeliechtli-Umzug, Lesenacht, Advents- und Singkonzerte sowie Elternsprechstunde, Einschulungs- und Übertrittsgespräche reihten sich quasi nahtlos aneinander. Man ahnt: Die wahre Herausforderung des Elterndaseins liegt nicht in der Vereinbarkeit von Karriere Schrägstrich Kind, sondern in der Schule.

Solange der Steigerungslauf durchs Schulsystem noch nicht begonnen hat, ist das Elternleben vergleichsweise leicht. Es erschöpft sich in nächtlichen Weckrufen, entzückenden Spielzeughalden in der ganzen Wohnung und einer natürlichen Abneigung des Kindes gegen wetteradäquate Kleidung. Kaum stolpert der Nachwuchs aber auf die Schulbühne, geht es los mit den neuen Konfrontationsebenen. Statt des schützenden Nebels einer oder zweier Bezugspersonen gibt es plötzlich Unmengen davon: Lehrer, Assistenzlehrer, Heilpädagogen, Sozialarbeiter und Schulleiter. Universen, von deren Existenz das Kind nicht einmal ahnte.

Elternabend auf Kinderstühlchen

Noch umwälzender ist es für die Eltern. Plötzlich drängt sich in die Liebesbeziehung zwischen Eltern und Kind ein grosser Rivale: die Schule. Mein ältester Sohn kam vor sechs Jahren in die erste Klasse. Der Elternabend war ein grosses Ereignis. Aus purem Enthusiasmus habe ich mich dort zur Elternvertreterin wählen lassen, mit dem üblichen, von Eitelkeit nicht ganz freiem Seufzer: Irgendeine muss es ja machen. Kraft meines Amtes habe ich unzählige Elternabende miterlebt. Einer ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ein Vater beklagte sich sehr: Meinem Kind ist der Schulweg nicht zuzumuten. Die Strasse! Die Lastwagen! Und was, wenn es regnet? Der Gedanke, dass zwölf Minuten unbeaufsichtigter Heimweg für ein Kind auch Freiheit bedeuten kann, war in weiter Ferne. Da, auf den unbequemen Kinderstühlchen, die viel zu langen Beine irgendwo mühsam verstaut, zweifelte ich das erste Mal: Muss es tatsächlich irgendeine machen?

Auch der nächste Elternabend, dieses Mal ging es um die Einschulung, entsprach so ganz und gar nicht dem, was wir Mütter und Väter erwarteten und vielleicht von der Krippe oder Kita her kannten. Ohne Umschweife erzählte die Lehrperson in einer Art Tribunalszene, was sie von Disziplin hält (sehr viel), welcher Stoff zu bewältigen sei (Lesen bis Weihnachten dank Peter und Susi), wer die Kinder auch sonst unterrichtet (Heilpädagogin, Werklehrerin, Musiklehrerin, Computerlehrerin) und welche Art von Papieren (unzählige) es in der nächsten Zeit auszufüllen gebe.

Noten für eine Papierfigur

Spätestens da wurde uns allen klar, wie hoffnungslos passé das Schulmodell unserer Jugend heute ist. Als das Wort Promotionsordnung fiel und uns erklärt wurde, dass auch Vorsingen ebenso wie die Art und Weise, wie der Rand der Papierfigur ausgeschnitten werde, benotet würden, erwog meine Sitznachbarin die Schnapp atmung. Ein Vater schrieb bereits das zweite Blatt seines Notizbuchs voll, Schweissperlen auf der Nase. Ich rutschte auf dem Stuhl herum wie eine driftende Kontinentalplatte.

Dabei kamen Stundenplan, Ersatzstunden-, Notfallstunden-sowie Nachholstundenplan noch gar nicht zur Sprache. Ganz zu schweigen vom Mithelfen beim Schlittschuhbinden oder der Art und Weise, wie man den Geburtstagskuchen (portioniert, mit Servietten) mitzubringen hätte. Schweigen breitete sich aus. Das erwartete Sperrfeuer der Detailfragen blieb aus. Viel zu perplex waren wir Mamas und Papas, die uns doch in den vergangenen zwei Kindergartenjahren eifrig im Loslassen geübt hatten. Und nun dieser geballte Haufen an Information. Ungepolstert. Was passiert da mit unseren Prinzen und Prinzessinnen?

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