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Elternblog

Eines spinnt immer

Text: Michèle Binswanger 
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Es lohnt sich, Grossmüttern zuzuhören, auch wenn sie manchmal etwas viel erzählen. Es lohnt sich, weil sie so viel mehr erlebt und deshalb eine andere Perspektive haben. Die mir in dieser Hinsicht liebste Grossmutter war die in Glarus. Wenn wir bei ihr am Esstisch sassen, ihre Spätzli und ihren Braten assen, und später noch zum Kaffee, standen irgendwann alle auf und gingen ihren Beschäftigungen nach. Ich blieb sitzen und hörte ihr zu.

Ihr Leben war nach heutigen Massstäben unkompliziert verlaufen: in Luzern aufgewachsen, Ausbildung in Genf, einen Glarner geheiratet, in den Zwischenkriegsjahren zu ihm gezogen, sechs Kinder grossgezogen. Damals war man ihr als Katholikin im protestantischen Städtchen mit grossem Misstrauen begegnet. Eine Zugezogene, konnte die tüchtig genug sein, passte so eine überhaupt in den Bergkanton? Sie passte und sass mit neunzig immer noch in ihrem Haus am Rathausplatz, inzwischen eine Glarnerin ganz und gar, und erzählte mir, der Mutter ihrer Urenkel, von früher. Und ich dachte daran, wie anders wir heute leben, wie viel sich seither verändert hat.
«Ich ahnte, dass in ihren Worten eine grosse Wahrheit stecken musste.»
Michèle Binswanger
Nun, nicht alles hat sich verändert. Die Grossmutter in Glarus mag nicht auf der ganzen Welt herumgereist sein, wie man das heute tut, Selbstverwirklichung war keine Option, aus dem ihr zugedachten Leben auszubrechen auch nicht. Und trotzdem hatte sie ihre an Aufregungen nicht zu knappe Reise gemacht und daraus eine Lebensweisheit destilliert, die sie mir mitgab und die mich noch heute begleitet. «Eines spinnt immer», sagte sie manchmal, wenn sie von ihren Kindern und deren Geschicken erzählte. «Eines spinnt immer.»

Damals war ich latent am Anschlag, die zwei kleinen Kinder, das Jonglieren mit Beruf, Beziehung und allem anderen, und so hätte ich natürlich lieber gehört, dass sich das bald geben, das Leben wie ein ruhiger Fluss sein Bett finden und ruhig dahinfliessen würde. Aber ich ahnte, dass in ihren Worten eine grosse Wahrheit stecken musste. Und heute glaube ich, dass sie mit ihren Worten nicht nur ihre eigene grosse, psychologisch komplizierte Familie meinte. Denn der Satz trifft eigentlich auf jede Familie zu: «Eines spinnt immer.»

Manchmal sind es die Kinder, aus denen man nicht schlau wird, manchmal der Partner oder die eigenen Eltern oder Geschwister. Manchmal spinnt man selbst, und manchmal ist schwierig zu eruieren, wer denn nun genau spinnt. Aber ich fand ihre Einsicht tröstlich, sie, die schon so viel erlebt hatte, musste es wissen. Jeder möchte alles immer so gut wie möglich machen und richtig hinkriegen. Das gelingt manchmal, aber der Normalfall ist es nicht. Normal ist, dass es Probleme gibt. Eines spinnt immer. Und sollte das mal zufälligerweise nicht der Fall sein, sollte man nicht vergessen, dass dies eine Ausnahme ist.

Michèle Binswanger 

Die studierte Philosophin ist Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.


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