Lernen geht über Beziehung – nicht über Gehorsam - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

Lernen geht über Beziehung – nicht über Gehorsam

Lesedauer: 4 Minuten

Wenn manche Personen monieren, dass früher an den Schulen alles besser war, gehen sie von einem traditionellen und veralteten Disziplinbegriff aus.

Text: Samuel Zingg
Bild: Rawpixel / zVg

Früher war alles besser, da haben die Kinder noch auf den Lehrer gehört! Diesen Satz hörte ich bereits vor 17 Jahren, als ich als junger und noch unerfahrener Lehrer zu unterrichten begann. «Schluss mit der Kuschelpädagogik!» war eine Schlagzeile, welche damals viral ging. Als junge Lehrperson dachte ich, dies wäre eine Kritik an mir, an unserer Schule. Ich merkte jedoch mit der Zeit, dass ­diese Aussage meist einen ganz anderen Hintergrund hatte. Noch heute vernehme ich hie und da: «Früher ­hätte die/der jetzt eine Ohrfeige erhalten und sie/er würde wieder funktionieren.»

Woher kommen Aussagen wie «Früher war es besser» oder sogar «Früher wurde in der Schule noch gelernt»? Ich erinnere mich, dass es in meiner Schulkarriere immer wieder Situationen gab, die überhaupt nicht «besser» waren als heute.

«Ziel meiner Beziehungsarbeit ist, den Jugendlichen zu zeigen, dass meine Absichten wohlwollend sind.»

Ein unterschiedliches Verständnis von Disziplin

Ich erlaube mir zu interpretieren, was hinter diesen Aussagen stehen könnte, vielleicht ein wenig frech, entschuldigen Sie, falls Sie dies so auffassen. Die Unterschiede der heutigen Schule und der «gestrigen» – wann auch immer dieses Gestern war – sind aus meiner Sicht eher in einem unterschiedlichen Verständnis von Disziplin begründet. Es gibt verschiedene Ansichten, was Disziplin ist und wie man mit ihr umgehen, sie allenfalls einfordern soll: einerseits der absolute Gehorsam und anderseits ein partizipatives Verständnis von Disziplin im Sinne des gemeinsamen Leistens.

Das Verständnis von Disziplin als absolute Gehorsamkeit, salopper ausgedrückt ein militärisches Verständnis von Disziplin, sieht in der partizipativen Beziehungsarbeit eine Schwäche, einen Verlust des Leistungswillens. Absoluter Gehorsam ist effizient und klar. Er schafft die Möglichkeit, in Krisen schnell und gezielt zu handeln, ohne Verzug und ohne «Reibungsverlust». Deshalb ist er im Militär auch wichtig, denn er schützt und unterstützt uns in einer Krise. Falls die Schülerinnen und Schüler absolut gehorsam sind, kann ich viele Lektionen ohne Störung abhalten. Die Frage drängt sich auf, wie man absoluten Gehorsam aufrechterhalten kann. Die Antwort ist einfach: mit Bestrafung. Aus meiner Sicht herrscht dann jedoch eine eher ängstliche Stimmung im Klassenzimmer, Störungen und Fehler sind unzulässig. Ich als Lehrperson habe die Macht zu bestrafen, wenn meine Anweisungen nicht befolgt werden. Die Lehrperson hat also «Autorität» – das wollen wir doch, oder?

Nicht um jeden Preis

Der Pädagoge, Psychologe und Buchautor Jürg Rüedi sieht dies ein wenig anders. Disziplin sei die Übereinkunft aller Beteiligten, gemeinsamen Regeln zu folgen und damit leistungsfähig zu sein, sagt er. Die Regeln sollen aber nicht um jeden Preis erzwungen werden. ­Rüedi geht davon aus, dass schulischer Erfolg das Ergebnis einer gemeinsam erreichten Disziplin ist. Alle Beteiligten haben ihre Aufgabe erfüllt, haben sich also diszipliniert verhalten, haben im Idealfall ihre Aufgabe mit Hingabe erfüllt. Ich das Lehren und die Schülerinnen und Schüler das Lernen. Er präzisiert sogar, dass Disziplin nicht um jeden Preis durchgesetzt werden darf, denn dies wäre nur durch Erniedrigung möglich. Die Lehrperson ist durch ihre Funktion und Aufgabe in einer Machtposition, die Schülerinnen und Schüler werden also erniedrigt. Erniedrigung aber schafft Widerstand. Dieser Widerstand müsste mit noch mehr Repression «niedergeschlagen» werden. Ein Teufelskreis also.

Schulischer Erfolg ist das ­Ergebnis einer gemeinsam erreichten Disziplin, sagt der Pädagoge Jürg Rüedi.

Jürg Rüedi geht von einer vertrauensvollen Beziehung, einem Miteinander aus. Grundsätzlich sollen sich alle Beteiligten verstanden und unterstützt fühlen, so entstehe eine fruchtbare Zusammenarbeit, führt er aus. Der Fokus liegt auf der Beziehungsarbeit. Geht es demnach auch ohne absoluten Gehorsam? Ich ­meine ja.

Teamfähig, eigenständig und ­selbständig

Der Lehrplan sieht vor, dass wir unsere Schülerinnen und Schüler zu konfliktfähigen, eigen- und selbständigen Menschen erziehen sollen. Auch in der Wirtschaft wird der Ruf nach selbständigen und teamfähigen Arbeitnehmenden immer lauter. Wenn diese Kompetenzen für die Zukunft der Schülerinnen und Schüler zentraler werden, muss die Schule ein Übungsfeld dafür sein. Ich bin deshalb doppelt gefordert, dies zu fördern. Dabei entsteht jedoch ein Zielkonflikt, denn als Lehrperson habe ich ebenso die Pflicht, fachliche Kompetenzen zu erreichen und deren Erreichen zu beurteilen. Ich bin also verpflichtet, mit den Lernenden Prüfungen zu schreiben, die auch selektionieren, die Laufbahnen ermöglichen oder auch verhindern. Zudem entwickeln sich die Kinder und Jugendlichen nicht alle gleichzeitig und im gleichen Tempo. Ich stehe deshalb nicht vor «einer Klasse», sondern vor 20 bis 25 Individuen – oder sogar über 30! Egal ob ich im Zyklus 1, an einer integrierten Oberstufe oder an einem Untergymnasium arbeite, homogen ist eine Klasse nie. Oder kennen Sie zwei Kinder im gleichen Alter, die genau gleich «ticken»? Bei mir ist das definitiv nicht der Fall.

Sein Gegenüber ernst nehmen

Ich bin überzeugt, dass Kinder Führung und Lenkung benötigen. Ich bin aber ebenso davon überzeugt, dass Kindern gleichzeitig Verständnis und unbedingte Wertschätzung entgegengebracht werden muss. Es ist das Ziel meiner Beziehungs­arbeit, den mir anvertrauten Jugendlichen zu zeigen, dass meine Absichten wohlwollend sind.

Ja, es kostet viel Kraft, in diese Beziehungsarbeit zu investieren, aber sie lohnt sich. Störungen wird es immer geben, kann ich ihnen aber entspannter begegnen, gewinnen alle. Es ist mir wichtig, festzuhalten, dass ein entspanntes Begegnen nicht bedeutet, nichts zu unternehmen oder nicht zu reagieren. Es bedeutet, sein Gegenüber ernst zu nehmen und in gegenseitiger Achtung die Situation anzugehen. Es ist kein Autoritätsverlust, wenn eine Schülerin, ein Schüler stört, denn es geht nicht um mich, es geht um das Kind. So gesehen verliere ich nicht die Autorität, wenn Schülerinnen oder Schüler stören.

Was braucht es, damit alle Beteiligten ihren Teil leisten können? Was braucht es, um Disziplin zu zeigen? Nicht absoluten Gehorsam, sondern den Willen, etwas zu lernen. Dann kann ich nämlich auch meinen Willen, etwas zu lehren, erfolgreicher zeigen. Und ja: Positiver Wille ist nicht verhandelbar, den braucht es von allen Seiten. Danke auch Ihnen, liebe Eltern, für die Mitarbeit an dieser fordernden, aber zugleich spannenden Aufgabe.

Samuel Zingg
ist Lehrperson an der Sekundar­stufe I in Buchholz GL und Mitglied der Geschäftsleitung des LCH. Der Vater einer achtjährigen Tochter und eines sechsjährigen Sohnes wohnt in Mollis GL.

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