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Lassen Sie Ihre Kinder doch mitentscheiden!

Lesedauer: 4 Minuten

In einem Punkt sind Kinder nicht anders als Erwachsene: Auf Bevormundung reagieren sie mit Protest und Verweigerung. Sinnvoller wäre es, sie in Entscheidungen miteinzubeziehen.

Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Studien, die in Altersheimen durchgeführt wurden, förderten immer wieder einen spannenden Befund zutage: Einzelne Bewohner verhalten sich gegenüber den Zeitplänen, Vorschriften und Regeln rebellisch. Sie weigern sich, abends das Licht zu löschen, und lehnen sich gegen Bevormundung und gut gemeinte Vorschriften auf.

New-York-Times-Autor-Charles Duhigg beschreibt eine Gruppe von Bewohnenden eines Altersheims, die ein Brecheisen aus dem Werkzeugschrank entwendeten, um die festgeschraubten Möbel aus den Wänden zu lösen. Sie wollten selbst bestimmen, wie sie ihr Zimmer einrichten.

Als der Heimleiter ihnen mitteilte, dass sie doch nur um Hilfe zu fragen bräuchten, wenn sie etwas ändern möchten, meinten sie, dass sie keine Hilfe wollten, keine Erlaubnis bräuchten und weiterhin machen würden, was ihnen verdammt noch mal in den Kram passe!

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Solche Rebellen sind für Pflegekräfte und die Heimleitung anstrengend. Aber: Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass sie zufriedener und gesünder sind, länger leben und geistig und körperlich agiler bleiben als die angepassteren Bewohner.

Mit statt über Menschen sprechen

Weitere Studien konnten nachweisen, dass Heimbewohner im Allgemeinen länger leben, wenn ihnen Mitbestimmungsrecht eingeräumt wird. Wenn sie beispielsweise selbst festlegen dürfen, wann sie Besuch empfangen, wie sie ihr Zimmer einrichten, was sie essen oder wann sie spazieren gehen.

Studien zeigen: Rebellische ­Altersheimbewohner leben ­länger als angepasste.

Menschen wollen mitbestimmen – das ist wahrscheinlich uns allen klar. Das Problem ist, dass wir es immer wieder vergessen.

Egal ob es ums Altersheim geht, die Firma, das Schulsystem oder die Familie: Oft machen wir uns Gedanken über die beste Lösung. Dabei sprechen wir oft über die Menschen, die es betreffen wird – aber nicht mit ihnen: Heimleiter überlegen, wie sie Abläufe optimieren und bestmögliche Bedingungen schaffen können, ohne die Bewohnenden miteinzubeziehen.

Politikerinnen überlegen sich, welche Reformen unsere Schulen brauchen, ohne sich intensiv mit den Personen auszutauschen, die wirklich Bescheid wüssten: den Schülerinnen und Schülern und den Lehrpersonen.

Eltern fragen uns nach einem Vortrag, warum ihr Kind nicht gerne zur Schule geht oder ob ein Schulwechsel sinnvoll wäre, und reagieren überrascht, wenn wir fragen: «Was meint denn Ihr Kind dazu?» Sehr oft antworten sie darauf mit: «Das ist uns jetzt fast peinlich, aber wir haben es noch nie gefragt.»

Auch uns ist das schon passiert. Als wir an der Akademie für Lerncoaching vor sieben Jahren das erste Mal ein Seminar für Eltern von ADHS-betroffenen Kindern anboten, hatten wir uns im Vorfeld viele Gedanken gemacht, unzählige Studien und Bücher gelesen und uns mit anderen Fachpersonen ausgetauscht.

Wir dachten: «Jetzt wissen wir, was die Eltern brauchen.» Als wir die Eltern zu Beginn des Seminars fragten, was sie belastet und was sie von uns wissen möchten, haben wir bemerkt, dass wir 90 Prozent der Inhalte austauschen müssen und die Anliegen ganz andere sind, als wir erwartet hatten.

Flexible Schulen

Wenn wir Mitbestimmung fördern möchten, müssen wir den Mut haben, ganz bewusst Gestaltungsräume zu schaffen, und das Vertrauen haben, dass diese nicht missbraucht, sondern sinnvoll genutzt werden.

Bei Vorträgen haben mir Eltern mehrmals gesagt, dass es sie störe, wie uneinheitlich das Schweizer Schulsystem sei.

Das ist natürlich lästig, wenn man umzieht. Aber es ist gleichzeitig eine wunderbare Stärke und Chance für die Schulen in der Schweiz. Lehrpersonen aus Deutschland, Österreich oder Frankreich beklagen sich oft darüber, dass «die da oben» alles entscheiden und sie nur ausführen sollen, was sich Leute ausgedacht haben, die von der Situation vor Ort keine Ahnung haben.

In den letzten Jahren durfte ich viele Schulen besuchen und habe dabei viele Beispiele für hervorragende Schulen kennengelernt. Interessanterweise sehen diese jeweils sehr unterschiedlich aus hinsichtlich Grösse, Struktur, Zusammensetzung des Lehrpersonenteams, Leitung oder Leitbild.

Was sich aber immer finden lässt, ist eine Kultur des Wachstums, der Mitbestimmung und Verantwortlichkeit. Die Haltung: Das ist unsere Schule, wir bringen uns ein, wir wollen uns entwickeln und gemeinsam etwas erreichen. Die Leitungen dieser Schulen lassen keine Opferhaltung zu. Sie sorgen dafür, dass der – relativ grosse – Spielraum gesehen und genutzt wird.

Selber über die Hausaufgaben bestimmen

Auch bei vielen Lehrpersonen, die trotz der vielfältigen Herausforderungen ihres Berufs gerne unterrichten, findet sich oft eine hohe Selbstwirksamkeit. Sie sehen mehr Handlungsspielraum als andere und signalisieren ihren Schülern: «Ich will mit euch gemeinsam etwas erreichen.» 

Manche lassen ihren Schülerinnen viel Freiraum: Sie handeln die Klassenregeln gemeinsam mit der Klasse aus, binden die Schüler in Projekte ein oder lassen sie sogar bestimmen, ob und was sie als Hausaufgaben machen möchten.

Eltern und Kolleginnen und Kollegen reagieren darauf oft besorgt, weil sie glauben, die Kinder würden dies mit Sicherheit ausnützen. Ist es der Lehrperson gelungen, eine gute Beziehung zu ihrer Klasse aufzubauen, zeigt sich aber, dass die Schülerinnen auf Vertrauen mit Eigenverantwortung reagieren und motivierter mitarbeiten.

Hat eine Lehrperson eine gute Beziehung zu ihren Schülern, gehen diese verantwortungsvoll mit der ihnen zugestandenen Mitsprache um.

Vermehrte Mitbestimmung ist auch für Familien eine Möglichkeit, Konflikte zu entschärfen und das Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen von Kindern und Jugendlichen zu stärken. In Coachings mit Jugendlichen machen wir immer wieder die Erfahrung, dass sich viele von ihnen fremdbestimmt fühlen und unter dem Misstrauen der Eltern leiden.

Die meisten wissen beispielsweise durchaus, dass die Schule wichtig ist und es für das Zusammenleben Vereinbarungen und Regeln braucht. Sie wären auch bereit, etwas zu leisten.

Ähnlich wie die rebellischen Bewohner im Altersheim fühlen sie sich aber so eingeengt, genervt, kontrolliert und nicht ernstgenommen, dass sie sich widersetzen, um ihre Freiräume zurückzuerobern. Sie hören Sätze wie «Er ist halt in der Pubertät», «Hast du mit dem Lernen schon angefangen?

Nicht dass du es wieder auf den letzten Drücker machst!», «Bist du schon wieder am Handy?» oder «Man kann sich einfach nicht auf dich verlassen». Hinter den Aussagen steckt oft die Botschaft «Du musst kontrolliert werden, sonst lässt du es sowieso schleifen». Weder Mitarbeiterinnen noch Ehepartner oder Kinder reagieren auf diese Art der Geringschätzung positiv.

Wir könnten uns fragen: Wo können wir unseren Kindern, unseren Schülerinnen und Schülern mehr Mitspracherecht einräumen? Wo könnten wir ihnen mit mehr Vertrauen begegnen? Welche Botschaften müssten wir senden, damit sich Kinder ernst genommen, gesehen und gestärkt fühlen?

Fabian Grolimund
ist Psychologe und Buchautor. Gemeinsam mit ­Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Er ist verheiratet, Vater eines Sohnes und einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Fribourg.

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