Wie gefährlich sind Games?
Mediennutzung

Computergames – die Serie, Teil 4

Wie gefährlich sind Games?

Versteckte Kosten, Cybermobbing, Gewalt: Onlinespiele bieten viele Risiken für Kinder und Jugendliche. Das sind die sieben grössten Gefahren.
Text: Thomas Feibel
In den ersten drei Teilen dieser Gaming-Serie habe ich die positiven Seiten des digitalen Spiels hervorgehoben. Aus gutem Grund: Denken Eltern über die Welt der Videospiele nach, fallen ihnen meist nur die negativen Seiten ein. Leider ist das eine denkbar ungünstige Voraussetzung, um mit Kindern dazu ins Gespräch zu kommen.
 
Ohnehin haben sie oft genug das unbehagliche Gefühl, sich beim Gaming gegen die elterlichen Vorbehalte verteidigen zu müssen. Da­rum kaufen sie uns auch den Schutzgedanken nicht ab, sondern wittern in jeder Auseinandersetzung ein drohendes Verbot. Das macht die Sache so schwierig.
 
Dennoch gibt es ohne jeden Zweifel eine Reihe von Gefahren beim Gaming, vor denen wir unsere Kinder bewahren wollen. Um sie ihnen angemessen zu vermitteln, müssen wir uns jedoch erst mal ihr Vertrauen zum Thema Videospiele verdienen.

Diese sieben Gefahren müssen Sie als Eltern kennen:

1. Vorsicht Abzocke
Die Games-Branche fährt im App-Markt seit Jahren mit dem unlauteren Free-to-play-Geschäftsmodell höchste Gewinne ein. Diese Gattung kommt scheinbar kostenlos daher und «schenkt» Gamern etwa eine eingeschränkte Anzahl an Goldmünzen oder Waffen. Kaum ist der Vorrat aufgebraucht, was recht schnell geschieht, können sie mit wenig Geld für Nachschub sorgen. Bei meinen Workshops in Schulen erzählen mir Kinder immer wieder, dass sie bei verschiedenen Spielangeboten «aus Versehen» 600 Franken und mehr ausgegeben hätten. Gerade weil ihnen nicht bewusst ist, dass dahinter ein milliardenschweres System steckt, müssen wir es ihnen erklären.

2. Wenn Games Druck machen
Spiele machen Druck, indem sie Nachrichten verschicken, die zurück ins Spiel locken, damit die Gamer am Ende doch Geld ausgeben. Diese Benachrichtigungen lassen sich zwar deaktivieren, aber dann können mitunter Fortschritte und Inhalte verloren gehen. Ein kaum lösbares Dilemma. 

3. Cybermobbing in Games
Kinder und Jugendliche können nicht nur in sozialen Netzwerken Opfer von Beschimpfungen und Häme werden, sondern auch in Games, wenn sie sich mit anderen Spielern über Headset oder im Chat austauschen. Das kann nicht nur verbal unschön werden, sondern auch durch Handlungen, etwa wenn andere Mitspieler einem absichtlich einen Spielzug und den damit verbundenen Erfolg verderben. Von dieser Konfliktform bekommen Eltern nur selten etwas mit.

4. Games als Eldorado für Pädophile
Die Onlinewelt der Spiele ist ein sehr beliebter Aufenthaltsort für pädophil veranlagte Menschen. Im Spielechat geben sie sich als gleichaltrige Gamer aus und erschleichen sich das Vertrauen der Kinder. Wir können unsere Kinder nicht oft genug vor Pädokriminellen warnen. Die Schweizer Kriminalprävention hat das Thema für Eltern in einem Video («Grooming: Und Sie? Hätten Sie ja gesagt?») aufgegriffen.

5. Challenges mit gefährlichen Mutproben
Challenges sind zwar keine Games im klassischen Sinne. Aber diese Herausforderungen haben in sozialen Netzwerken durchaus spielerischen Charakter. Das mag noch als harmlos durchgehen, wenn sich Einzelne bei der Ice Bucket Chal­lenge einen Eimer Eiswürfel überschütten. Ganz und gar nicht lustig wird es jedoch, wenn es auf lebensgefährliche Mutproben hinausläuft – etwa sich vor einem herannahenden Zug zu filmen oder auf Weiden Kühe zu erschrecken. Kürzlich verstarb auf Sizilien ein zehnjähriges Mädchen, das sich bei der Blackout Challenge auf TikTok zu Tode stranguliert hatte.

6. Gewalt in Spielen
Gewalt in Games ist – wie auch beim Actionfilm – das Salz in der Suppe. Viele Eltern haben jedoch kein gutes Gefühl dabei, wenn der Nachwuchs seine Zeit mit brutalen Games verbringt. Zu Recht! Selbst wenn bisher der wissenschaftliche Beweis ausgeblieben ist, dass Gewalt im Spiel automatisch zu realer Gewalt führt, gibt es für mich keinen überzeugenden Grund, warum wir Kinder in den virtuellen Krieg oder in ein Zombie-Horrorhaus ziehen lassen sollten. Die Motive der Kinder und Jugendlichen sind klar: Einerseits loten sie ihre Angstlust aus, andererseits halten sie sich mit zwölf Jahren für besonders verwegen, wenn sie für ihr Alter verbotene Shooter ab 18 Jahren spielen. Das mag zwar nachvollziehbar sein, aber brutale Spiele haben dennoch in Kinderhänden nichts verloren.

7. Die Suchtgefahr
Wenn Eltern täglich sehen, wie schwer sich ihre Kinder von ihren Games lösen können und kein Ende finden, ist die Angst vor einer möglichen Sucht besonders gross. Obwohl die Diagnose «Gaming Disorder» 2019 in die 11. Revision der International Classification of Diseases (OCD-11) aufgenommen wurde, herrscht unter Experten immer noch Uneinigkeit. Was macht süchtig: Das Spiel, der Umgang des jeweiligen Kindes damit, die Dauer oder doch der Kontrollverlust? Wenn Kinder zu viel gamen, ist ihr Spielverhalten in den meisten Fällen problematisch bis missbräuchlich, aber nicht immer gleich Sucht. Zeitliche Begrenzungen sind nötig, auch wenn sie nur schwer und mühsam durchzusetzen sind. Oft haben wir es deshalb nicht mit einem Suchtproblem zu tun, sondern mit einem Erziehungsproblem.

Mir ist die Erwähnung einer weiteren Gefahr besonders wichtig, die meist schleichend vonstatten geht: die Sprachlosigkeit in der kindlichen Mediennutzung. Wenn Kinder in jungen Jahren Games für sich als beliebte Freizeitbeschäftigung entdecken, werden sie damit oft allein gelassen. Schnell entwickelt sich das digitale Spiel zum idealen Rückzugsort. Weil sie sich nur schwer selbst aushalten. Weil sie die Pubertät durcheinanderbringt. Weil ihnen alltägliche Anforderungen schwerer fallen. Und weil das Spiel ihnen Sicherheit gibt.

Um sie auch im Gaming vor möglichen Gefahren zu schützen, sollten wir ihnen aufrichtig interessiert zuhören, wenn sie uns von ihren digitalen Abenteuern erzählen, und ihren zweifellos bemerkenswerten Skills entsprechend Anerkennung zollen. Wer hier mit seinen Kindern nicht frühzeitig im Dialog bleibt, wird dann bei einem 16-Jährigen nicht mehr durchdringen.

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