Wie helfen wir Kindern mit  Zurückweisungen umzugehen? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Wie helfen wir Kindern mit  Zurückweisungen umzugehen?

Lesedauer: 5 Minuten

Wie Jugendliche von den Gleichaltrigen wahrgenommen werden, ist von entscheidender Bedeutung für ihre psychische Gesundheit. Leiden sie unter Zurückweisungs­empfindlichkeit, besteht ein hohes Risiko, dass aus nur empfundener reale Zurückweisung wird – Essstörungen oder Depressionen können die Folge sein. Wie kann den Betroffenen geholfen werden?

Die Angebetete gibt einem einen Korb, die vermeintlich beste Freundin lässt einen links liegen
und hat nun eine neue engste Vertraute oder man wird nicht zu einer Party eingeladen – Zurückweisungen können äusserst schmerzhaft und emotional belastend sein. So konnten US-amerikanische Forscher zeigen, dass Gehirnregionen, die mit der Schmerzverarbeitung in Verbindung stehen, auf psychischen Schmerz wie Zurückweisung ähnlich reagieren wie auf physischen Schmerz.

Zurückweisung tut also wortwörtlich weh. Zudem wissen wir heute, dass die Stärke solcher Empfindungen zwischen dem 11. und 17. Lebensjahr ansteigt, wobei Jugendliche besonders stark auf Zurückweisung reagieren.

Im Laufe der jugendlichen Entwicklung werden Beziehungen zu Gleichaltrigen wichtiger, die Eltern rücken als primäre Bezugspersonen in den Hintergrund. Denn soziale Beziehungen mit Gleichaltrigen legen die Lern- und Erfahrungsgrundlage für die Entwicklung einer eigenen Identität, für reife zwischenmenschliche Beziehungen und für einen guten Umgang mit Konflikten.

Das Selbstwertgefühl von Jugendlichen hängt von der Bewertung durch Gleichaltrige ab.

Der grosse Einfluss von Gleichaltrigenbeziehungen auf diese Entwicklungsaspekte zeigt sich darin, dass das Selbstwertgefühl von Jugendlichen in entscheidendem Mass von der Bewertung durch Gleichaltrige abhängt. Akzeptanz durch Gleichaltrige und Zugehörigkeit sind im Jugendalter zentrale Grundbedürfnisse und tragen wesentlich zur Entwicklung der psychischen Gesundheit bei.

Wie oft und in welchem Aus­mass Jugendliche Zurückweisungs­erfahrungen machen, hängt auch davon ab, wie Jugendliche in unein­deutigen Situationen Zurückwei­sung wahrnehmen beziehungsweise mögliche neutrale Hinweisreize vor­ schnell als Zurückweisung interpre­tieren. Während einige Jugendliche ausbleibenden «Likes» für ein Foto auf Instagram keine tiefere Bedeutung zumessen, fühlen sich andere persönlich zurückgewiesen und sind tief verletzt. Während sich einige Jugendliche keine weiteren Gedan­ken darüber machen, wenn sie an tuschelnden Gleichaltrigen vorbei­ laufen, beziehen andere die Tusche­lei auf sich und fühlen sich zurück­gewiesen.

Welche Folgen hat eine Zurückweisungsempfindlichkeit?

Eine solche Hyperempfindlich­keit für soziale Zurückweisung wird als «Zurückweisungsempfindlichkeit» bezeichnet. Betroffene Jugendliche erwarten in sozialen Situationen grundsätzlich, nicht akzeptiert zu werden. Diese Erwartungshaltung führt dazu, dass sie potenzielle Zurückweisungssignale schneller wahrnehmen und auch nicht ein­deutige Situationen als Zurückwei­sung bewerten.

Damit verbundene negative und abwertende Gedanken über sich selbst oder andere können intensive negative Gefühle wie Traurigkeit, Verletzung oder Wut auslösen, was
zu fehlangepasstem Verhalten füh­ren kann.

Einige Jugendliche ziehen sich zurück und meiden den Kontakt mit anderen, andere wiederum bemühen sich übermässig um Zuwen­dung, wieder andere reagieren aggressiv auf die wahrgenommene Zurückweisung. Diese sozial fehl­angepassten Reaktionen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich abgelehnt zu werden. Daraus ent­steht ein Teufelskreis aus wahrgenommener und realer sozialer Zurückweisung, der das Bedürfnis der Jugendlichen nach Akzeptanz und Zugehörigkeit langfristig gefährdet.

Zurückweisungsempfindlichkeit kann die Gesundheit gefährden

Die Forschung zu den Ursachen der Zurückweisungsempfindlichkeit steckt noch in den Kinderschuhen. Bisher wurden vor allem familiäre und umweltbedingte Faktoren untersucht, die dazu beitragen können. Umfassende Erklärungsmodelle, die weitere psychobiologische Faktoren wie Stress oder Temperament beinhalten, liegen noch nicht vor. So gehen bisherige Erklärungsmodelle davon aus, dass die Zurückweisungsempfindlichkeit vor allem durch frühe, wiederholte Erfahrungen von Zurückweisung durch Eltern, andere nahestehende Bezugspersonen oder Gleichaltrige entstehen, indem diese Zurückweisungserfahrungen zu einer Verinnerlichung der Erwartung führen, in sozialen Situationen abgelehnt zu werden.

Wie entwickelt sich daraus eine Essstörung?

Eine erhöhte Zurückweisungsempfindlichkeit kann die langfristige Integration in die Gruppe von Gleichaltrigen gefährden, da Jugendliche mit hoher Zurückweisungsempfindlichkeit oft Verhaltensweisen zeigen, die sozial weniger verträglich sind, weil sie sich zurückziehen oder gereizt und aggressiv werden. So sind soziale Interaktionsschwierigkeiten und tatsächliche Zurückweisung durch Gleichaltrigevorprogrammiert. Das Bedürfnis nach Akzeptanz und Zugehörigkeit kann dann nicht befriedigt werden – ein Bedürfnis, das wesentlich zur Entwicklung einer positiven Identität und psychischen Gesundheit beiträgt. Als Folge kann es zu Stimmungsbeeinträchtigungen bis hin zu Depressionen kommen. Insbesondere dann, wenn zusätzlich weitere Risikofaktoren wie Schwierigkeiten im Umgang mit Gefühlen, starke Selbstwertprobleme oder fehlende positive Beziehungen zu Bezugspersonen vorliegen.

Für die soziale Akzeptanz durch Gleichaltrige im Jugendalter ist das äusssere Erscheinungsbild von besonderer Bedeutung. Da Jugendliche in der Pubertät aufgrund des sich veränderten Körpers oft verunsichert sind, befürchten Jugendliche mit einer erhöhten Zurückweisungsempfind­lichkeit besonders oft, aufgrund ihres äusseren Erscheinungsbildes von anderen zurückgewiesen zu werden. Sie weisen nicht nur ein erhöhtes Risiko für eine depressive Stimmung auf, sondern auch eines für ein gestörtes Essverhalten.

Dieses äussert sich in restrikti­vem Essen – sprich der Einschrän­kung der Nahrungsmenge und der Nahrungsvielfalt – starken Sorgen um Gewicht und Figur, kreisenden Gedanken rund ums Essen oder gewichtsregulierenden Massnah­men wie Erbrechen oder exzessivem Sporttreiben.


Die durch die Zurückweisungs­empfindlichkeit ausgelösten Schwie­rigkeiten im zwischenmenschlichen Kontakt und die damit verbundenen negativen Gefühle können auch zum Auftreten von Essanfällen bei­tragen – insbesondere dann, wenn allgemein Schwierigkeiten im Umgang mit Gefühlen bestehen und Probleme bei der Handlungssteuerung vorliegen.

Zeigen sie den Betroffenen, dass nicht das Ereignis selbst die Ursache ihres Fühlens ist.

Jugendliche mit vorschnell wahr­genommener und tatsächlicher Zurückweisung kann man unter­stützen, indem man ihnen aufzeigt, dass oft nicht das Ereignis selbst die Ursache ihres Fühlens und Han­delns ist, sondern die Bewertung des Ereignisses und damit verbundene Gedanken und Einstellungen. So kann man Betroffenen erklären, dass ausbleibende «Likes» von Fotos auf Instagram nicht bedeuten müssen, dass man absichtlich ignoriert und nicht gemocht wird, sondern dass es auch sein kann, dass sie schlicht nicht gesehen wurden. Oder dass sich die tuschelnden Gleichaltrigen über ein Ereignis unterhalten könn­ten, das nichts mit einem zu tun hat. Oder dass man mit Nachfragen viel­ leicht feststellt, dass noch andere in der Klasse keine Einladung zur Par­ty erhalten haben.

Es kann sich lohnen zu fragen: Ist meine Interpretation von Ereignis­sen hilfreich? Könnte man die Situa­tion auch anders interpretieren? Was würde ich einer Freundin, einem Freund raten, der mir die gleiche Situation schildern würde? Durch das gemeinsame Entdecken alternativer Erklärungsmöglichkei­ten eines Ereignisses oder durch die Übernahme einer neuen Sichtweise auf dieselbe Situation, kann die ein­geengte Wahrnehmung und damit der Handlungsspielraum erweitert werden.

«Expect the best and prepare for the worst»

Natürlich wird es immer wieder Situ­ationen geben, in denen die Jugend­lichen tatsächlich zurückgewiesen werden. Es gilt also «expect the best and prepare for the worst»: Erwarte das Beste und rüste dich für das Schlimmste. Jugendliche sollen dazu angehalten werden, sich gut zu über­legen, wieviel sie investieren wollen, um Rückweisung zu vermeiden. Und um zu lernen, dass Zurückweisung zu den normalen Entwicklungsauf­gaben gehört. Eltern oder Bezugs­personen, die als Modell dienen, wie man mit negativen Erfahrungen umgehen kann, sind hier besonders wichtig.

Suchen Sie, liebe Eltern, das Gespräch und nehmen Sie die Gefühle Ihres Kindes ernst – damit signalisieren Sie, dass Sie für ihren Sohn respektive ihre Tochter da sind. Die Forschung zeigt, dass min­destens eine positive Beziehung zu einem Elternteil oder einer anderen erwachsenen Person ein wichtiger Schutzfaktor für mögliche Folgen von Zurückweisungsempfindlichkeit ist und eher vor realer Zurückweisung durch Gleichaltrige schützt.

Halten Sie die negativen Gefühle mit dem Jugendlichen zusammen aus.

Versuchen Sie, nicht vorschnell zu handeln – manchmal geht es in einem ersten Schritt einfach darum, die negativen Gefühle mit dem Jugendlichen zu teilen und zusammen auszuhalten. In einem zweiten Schritt können Sie dann den Jugendlichen darin unterstützen, nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen und Handlungsmöglichkeiten wahrzunehmen.

Und zu guter Letzt: Stärken Sie das Selbstbewusstsein Ihres Sohnes oder Ihrer Tochter, indem Sie ehrlich gemeinte, konkrete Komplimente machen und indem Sie ihnen Aktivitäten ermöglichen, in denen sie ihre Talente und Fähigkeiten fördern können.


Zur Autorin

Felicitas Forrer ist Psychologin, Doktorandin sowie psychologische Psychotherapeutin in Weiterbildung am Zentrum für Psychotherapie an der Universität Freiburg und am Lehrstuhl für klinische Psychologie und Psychotherapie und befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen Zurückweisungsempfindlichkeit und Essstörungen bei Jugendlichen.
Felicitas Forrer ist Psychologin, Doktorandin sowie psychologische Psychotherapeutin in Weiterbildung am Zentrum für Psychotherapie an der Universität Freiburg und am Lehrstuhl für klinische Psychologie und Psychotherapie und befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen Zurückweisungsempfindlichkeit und Essstörungen bei Jugendlichen.


BEAT: Binge-Eating Adolescent Treatment – ein Behandlungsprogramm für Jugendliche mit Essanfällen

Aufruf zum Mitmachen:

Die Abteilung «Klinische Psychologie und Psychotherapie» der Universität Freiburg evaluiert zurzeit die Wirksamkeit des psychotherapeutischen Behandlungsprogramms BEAT für (14- bis 19-jährige) Jugendliche mit regelmässigen Essanfällen (Binge-Eating-Störung). Das Behandlungsprogramm umfasst drei Gruppen-Workshops, die in Bern stattfinden sowie Email-begleitete Selbsthilfe zwischen den Workshops. Das Behandlungsprogramm integriert neue Technologien wie Videos zur Psychodeduktion oder Email-basierter Kommunikation und soll die Jugendlichen sowohl bei der Bewältigung von Essanfällen als auch beim Training von interpersonalen Kompetenzen im Zusammenhang mit der Zurückweisungsempfindlichkeit unterstützen. Für die Jugendlichen ist das ganze Programm kostenlos und die Fahrtkosten werden übernommen. Für das BEAT-Behandlungsprogramm werden noch Teilnehmende gesucht. Kontakt: beat@unifr.ch.

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Dieser Artikel ist Teil 5 unserer 6-teiligen Serie WAS KINDER KRANK MACHT aus dem Magazin 09/18. Verpassen Sie keinen Teil der Serie mehr, indem sie unser Magazin abonnieren.

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