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Psychologie

Mein Kind hat ADHS – und jetzt? 

TEIL 8 DER SERIE: Seelische Störungen wie ADHS reagieren besonders sensibel auf äussere Bedingungen. So können ADHS-Symptome durch ungünstige Lebensbedingungen entstehen. Erst wenn diese verbessert sind, das Kind aber immer noch leidet und krank ist, ist die Zeit für medizinische Abklärung und Therapie gekommen. Der Wirkstoff Metylphenidat ist dann das letzte Mittel der Wahl. 
Text: Amrei Wittwer
Illustration: Partner & Partner
Die Frage «Ist mein Kind krank oder einfach anders?» ist nicht einfach zu beantworten. Schon die Definition von Krankheit ist schwierig: Sie gilt als Störung des körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Präziser wird die Definition, wenn wir Leid oder Schmerz der Betroffenen mit ins Spiel bringen. Leidet das Kind, hat es seelische oder körperliche Schmerzen? Wenn diese Frage mit «Ja» beantwortet werden kann, ist von einer Krankheit auszugehen – unabhängig davon, welche Verhaltensauffälligkeiten beobachtet werden. Haben wir den Verdacht, dass unser Kind krank sein könnte, müssen wir uns mit dem Kind befassen und Anzeichen von Krankheit sammeln. Wir fragen beispielsweise: «Bist du verzweifelt? », oder: «Hast du Schmerzen? », und beobachten, ob es wenig isst, weint oder schlecht schläft.

 Lebensbedingungen betrachten

Bei Verdacht auf Krankheit lautet die nächste Frage, die wir uns  stellen müssen: «Sind es die Lebensbedingungen, welche die Leiden und die Verhaltensauffälligkeit verursachen?» Der Mensch muss als Ganzes betrachtet werden: Körper, Psyche und soziale Beziehungen nehmen Einfluss auf das Wohlbefinden des Kindes. Die richtige Reaktion auf  Anzeichen für ADHS beginnt mit einer Analyse und Anpassung der Lebensbedingungen. Sind diese ungesund, macht das jeden Menschen – früher oder später – krank. Seelische Störungen wie ADHS sind besonders sensibel auf Kontext und Umgebung. Wichtig sind zum Beispiel einfache Kommunikation, klare Regeln, ausreichend Lob; aber auch ein  regelmässiger Tagesablauf und die strikte Regulierung des Medienkonsums. 
Leid und Schmerz des Kindes müssen ohne Therapie grösser sein als mit Therapie 
Auch das Erlernen eines Musikinstrumentes vermindert die Symptomatik. Regelmässige körperliche Betätigung wie Joggen, Schwimmen, Yoga, Aerobic und Tai-Chi hat einen positiven Effekt auf die Symptome und die Ängstlichkeit. Manche Kinder sprechen stark auf Veränderungen in der Ernährung an. Fischöl sowie Diäten ohne industriell verarbeitete Nahrungsmittel sowie die Reduktion von Zucker sind ebenfalls vielversprechend. Eisen, Magnesium, Vitamin-B-Komplex und Zink verringern ADHS-Symptome, wenn die Kinder einen Mangel haben.

 Fachärztliche Diagnose bei ADHS 

ADHS weist kein eindeutig messbares, körperliches Krankheitsbild auf. Daher gibt es bis heute keine offensichtlichen Krankheitskriterien, nur Symptome. Sind die Symptome vorhanden, ist damit noch nicht klar, dass es sich um ADHS handelt. Das Kind kann ADHSSymptome haben, aber trotzdem gesund sein. Depressionen und weitere Störungen müssen differenzialdiagnostisch ausgeschlossen  werden. Dies kann nur durch einen Fachspezialisten für Verhaltensstörungen geleistet werden. 
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Nutzen und Risiko der Therapie 

Hat das Kind von einem Facharzt eine ADHS-Diagnose erhalten, lautet die nächste Frage: «Welche Therapie nützt meinem Kind, wel  welche schadet?» Jede Therapie darf nur dann eingesetzt werden, wenn ihr Nutzen nachweislich und konstant die zu erwartenden unerwünschten Nebenwirkungen oder andere Risiken der Therapie übertrifft. Leid und Schmerz des Kindes müssen ohne Therapie grösser sein als mit der Therapie. Die besondere Herausforderung der ADHS-Therapie ist, dass jedes Kind anders auf die Therapie reagiert. Was dem einen Kind nützt, kann dem anderen Kind bereits schaden. Daher muss das Kind von Eltern und Therapeuten anhaltend beobachtet und befragt werden. Als wirksam gilt ein ADHS-Medikament erst dann, wenn die Wirksamkeit in empirischen Doppelblindstudien im Vergleich gegen ein Placebo gezeigt wird. Wird die Überlegenheit vom Wirkstoff gegenüber dem Placebo in neuen Versuchen widerlegt, muss diese Therapie verworfen werden. So fliessen jederzeit neue Erkenntnisse in die Bewertung einer Therapie mit ein. Dass die medizinische Praxis konstant überprüft und korrigiert wird, bedeutet nicht, dass wir in unserer Fähigkeit, zu heilen, versagen, sondern dass wir stetig versuchen, den Nutzen der Therapie zu verbessern.

Therapeutische Optionen

Da ADHS ein Sammelbegriff für verschiedene psychische Störungen ist, ist auch eine Therapie notwendig, die auf mehreren Ebenen gleichzeitig wirkt. Diese Therapie beinhaltet an erster Stelle die erwähnten Anpassungen der Lebensbedingungen des Kindes und an zweiter Stelle nichtmedikamentöse Behandlungsformen wie Elterntraining und Psychotherapie,    Empfehlungen zu Methylphenidat Untersuchung vor der Verschreibung: Herz-Kreislauf-System, Blutwerte, Leberwerte, Differenzialdiagnose zum Ausschluss von Depression/Angststörung. Multimodale Therapie: MPH soll nur im Rahmen einer Gesamtstrategie mit psychologischen, pädagogischen und sozialen Massnahmen von einem Spezialisten verschrieben werden. Wirksamkeit: Wenn sich die ADHS-Symptome innert einem Monat nicht verbessern, wird das Medikament abgesetzt. Die Kurzzeittherapie birgt hohes Risiko für nicht lebensbedrohliche Nebenwirkungen, lebensbedrohliche Wirkungen treten bei einer kurzen Therapiedauer von bis zu sechs Monaten nicht auf. Konstante Beobachtung von Gewichts-und Appetitverlust, Schlafstörung, Blutdruck, Herzfrequenz, Lebertoxizität, Wachstumsrückstand und psychiatrischen Störungen (Suizidgefahr und Entwicklung von Abhängigkeit); alle drei Monate Ritalin-Ferien: Nach einem Jahr sollte das Medikament abgesetzt werden. Längere Wirksamkeit ist nicht erwiesen. 
Das Kind kann ADHS-Syptome haben, aber trotzdem gesund sein. 
Beim Absetzen können Entzugssymptome auftreten, die ADHS-Symptomen entsprechen  da sie ausgezeichnete Wirkungen ohne Nebenwirkungen zeigen. Bei besonders schweren Fällen, und erst dann, wenn sich die oben angesprochenen Strategien als unzureichend erweisen, sollte eine medikamentöse Behandlung in Erwägung gezogen werden. Laut Arzneimittelinformation muss diese Behandlung im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie erfolgen und unter Aufsicht eines Spezialisten für Verhaltensstörungen durchgeführt werden. Der Grund für die Vorsicht liegt darin, dass der am häufigsten verschriebene medikamentöse Wirkstoff Methylphenidat (MPH) auch starke Nebenwirkungen haben kann. Eine neue und unabhängige Überblicksstudie des Forschungsverbundes Cochrane (2015) stellt beispielsweise fest, dass die positive Wirkung von MPH weniger gut erforscht ist als bisher angenommen. Die Forscher kritisieren, dass keine systematischen Studien zu Nutzen und Risiko sowie keine Studien zur Langzeitanwendung durchgeführt wurden. Anhand dieser unklaren Forschungslage wird noch deutlicher, dass alle beteiligten Erwachsenen sicherstellen müssen, dass jedes einzelne Kind gesundheitlich von seiner MPH-Therapie profitiert, was keine leichte Aufgabe ist (siehe Kasten unten). 

Grosse Aufmerksamkeit ist nötig

ADHS ist eine Herausforderung. Die kritische Analyse der Wirksamkeit von ADHS-Therapien hilft uns aber, positive und negative  Effekte auf das Kind schneller zu erkennen. Kinder und Eltern sind nicht auf sich alleine gestellt, Lehrpersonen und heiltätige Berufsgruppen stehen der Familie zur Seite. Die Lösung lautet: Wir müssen den Kindern, ihren Eigenheiten und Bedürfnissen grosse Aufmerksamkeit schenken.

Wie können und sollen Kinder mit ADHS gefördert werden?

Forschende aus den Disziplinen Gesundheitswissenschaften, Psychologie, Pharmazie, Soziologie, Recht und Ethik hinterfragen in einem neuen Forschungsprojekt die Praxis der vermehrten Diagnose und medikamentösen Behandlung von Kindern mit Aufmerksamkeits-störungen. Im Forschungsprojekt werden schweizweit psychologische, medizinische und soziale Faktoren untersucht, die zur ADHS-Diagnose, zur Auswahl von Fördermassnahmen und zu einer Verschreibung von Medikamenten führen können. Dabei sollen auch präventive Massnahmen und alternative Behandlungswege beobachtet werden. Die Forschenden werden durch Expertinnen und Experten aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Medizin, Bildungsforschung und Schulentwicklung beraten. Unterstützt wird das interdisziplinäre Projekt durch die Stiftung Mercator Schweiz. Die Studie wird durchgeführt vom Institut für Familienforschung und -beratung (Universität Freiburg), vom Zentrum für Gesundheits-wissenschaften (ZHAW) und vom Collegium Helveticum (ETH/Universität Zürich). Gesucht werden Eltern von Kindern (6- bis 14-jährig), bei denen eine AD(H)S/POS-Diagnose oder der Verdacht auf ein Aufmerksamkeitsproblem vorliegt. 

Kontakt: 
projektkinderfoerdern@unifr.ch. 

Was ist ADHS?

Für manche ist es die Modediagnose unserer Zeit, für andere die häufigste psychische Störung im Kindes- und Jugendalter: ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätsstörung) bzw. ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom). Betroffen sind rund 5 bis 6 Prozent aller Kinder. Jungen deutlich öfter als Mädchen. Diagnostiziert wird die Krankheit aber weitaus häufiger. Diese zehnteilige Serie entsteht in Zusammenarbeit mit dem Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg unter der Leitung von Dr. Sandra Hotz. 

Zur Autorin

Amrei Wittwer Dr. sc. ETH, ist Schmerzforscherin, Apothekerin und Co-Leiterin des Projektes Kinder fördern. Ihr Fokus liegt auf der Leidminimierung potenziell benachteiligter Gruppen.

ADHS-Serie

Für manche ist es die Modediagnose unserer Zeit, für andere die häufigste psychische Störung im Kindes- und Jugendalter: ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) bzw. ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom). Betroffen sind rund 5 bis 6 Prozent aller Kinder. Jungen deutlich öfter als Mädchen. Diagnostiziert wird die Krankheit aber weitaus häufiger. 

Dies ist Teil 8 der 10-teiligen ADHS-Serie. Sie entsteht in Zusammenarbeit mit dem Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg unter der Leitung von Dr. Sandra Hotz.

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