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Bewegung

Tanzen macht die Seele frei

Musik geniesst in unserer Gesellschaft einen weitaus höheren Stellenwert als der Tanz. Zu Unrecht. Wenn Kinder tanzen, spüren sie Glück. Erwachsenen fällt es oft nicht leicht, einfach draufloszutanzen. Dabei lohnt es sich, sich ganz der Bewegung hinzugeben. 
Text: Sibylle Dubs
Bilder: Daniel Schoeneck
Wer von Bewegung spricht, denkt meist an Sport. Bewegung – sprich: der Tanz – als Ausdrucksform ist aus unserem Alltag weitgehend verschwunden. «Der Tanz lebt dort, wo Repression herrscht, wo Armut herrscht. Wenn der Mensch zufrieden ist und satt, hat sich das Tanzen erledigt», sagt Oki Degen, Tänzerin und Tanzpädagogin aus Basel. An der Musikschule Binningen-Bottmingen unterrichtet die gebürtige Berlinerin rund 200 Kinder und Jugendliche in Tanz. Viele Schülerinnen und Schüler besuchen den Tanzsaal zum ersten Mal in ihrer Primarschulzeit und halten ihrer Tanzlehrerin die Treue, bis sie erwachsen sind. Die 50-Jährige kommt ursprünglich vom zeitgenössischen Tanz, studierte auch viele Volkstänze und mixt bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen verschiedene Stile. Sie vergleicht dies gerne mit einem Koch, der Mut hat zu experimentieren. 
Rhythmen ab Blatt zu spielen, ist Denksport, der Spass macht.
Letztes Jahr startete die Tanzpädagogin eine kleine Umfrage. Oki Degen wollte von ihren Schülern wissen, ob sie gerne tanzen und warum. «Die sahen mich an, als sei ich ein Pferd», erzählt sie lachend. «Natürlich tanzen wir gerne!», hätten sie gerufen. Die Begründung war je nach Alter unterschiedlich. Die jüngeren Kinder sagten, dass sie beim Tanzen Glück spürten. Die Jugendlichen freuen sich über die Möglichkeit, aus dem Alltag auszubrechen. «Es ist ein Urbedürfnis des Menschen, sich mit dem Körper auszudrücken », sagt Oki Degen. «Leider kommt diese Form der Kommunikation in unserer Gesellschaft zu kurz.» Auf dem Balkan, so Degen, werde praktisch auf jedem Fest in Gruppen getanzt. Dabei werde mehr ausgedrückt als mit Smalltalk am Tisch. Aber selbst auf dem Balkan verschwinden die Tänze mehr und mehr. «Werden Gesellschaften reicher, erhält der Tanz eine andere Bedeutung», erklärt die Tanzpädagogin. «Es entstehen Trends wie Zumba, wo zur Musik Fitness gemacht wird. Das nennt man dann auch Tanz.»
Ausbrechen aus dem Alltag – beim Tanzen fällt das Jugendlichen leicht.
Ausbrechen aus dem Alltag – beim Tanzen fällt das Jugendlichen leicht.
In unserer Gesellschaft geniesst Musik einen viel höheren Stellenwert als der Tanz. Zu Unrecht. Musik und Bewegung sind Partner. Bewegungen können vertont werden und Musik löst Bewegung aus. Das lässt sich mit einer Übung aus dem Musikunterricht illustrieren: Ein Kind geht zart in die Knie, dreht sich schnell und streckt sich danach kräftig in die Luft. Alle Kinder wiederholen ihre eigene Abfolge im stillen Raum und im eigenen Tempo. Nun vertont die Lehrperson die Bewegungen eines der Kinder mit dem Klavier, sie spielt also immer das Gleiche parallel zu den Bewegungen. Die Kinder werden herausfinden, welche Abfolge musikalisch umgesetzt wird, und übernehmen diese, bis alle dasselbe tanzen. Dann verändert die Lehrperson ein wenig die Musik, und die Kinder lassen sich dazu auf neue Bewegungen ein. Was passiert? Musik folgt der Bewegung, und Bewegung folgt der Musik. Die Kinder verbinden ihren persönlichen Ausdruck mit Musik und Bewegung. Sie sind Teil des Ganzen und doch individuell unterwegs. Sie kommunizieren über Bewegung und Klänge, ohne Worte. Das funktioniert nur, wenn die Kinder schon etwas Übung darin haben, sich mit dem Körper auszudrücken. Wie bewegt man sich zart?

Einige Kinder müssen sich anfänglich überwinden

Wie sieht eine plötzliche Bewegung aus und wie eine Kombination von zart und plötzlich? Dies auszuprobieren und Lösungen zu finden, kann sowohl mit viel Ernst als auch mit Lachen einhergehen. Einige Kinder müssen sich anfänglich überwinden, ihren Körper als Ausdrucksmittel zu gebrauchen. Auf jeden Fall sind Vertrauen und Respekt in der Gruppe nötig, damit diese kleine Sternstunde im Unterricht erlebt werden kann. Ohne Bewegung ist Musik nicht möglich. Man denke nur an die Spieltechnik und den Körpereinsatz, die jedes Instrument verlangt. In der musikalischen Grundschule lernen die Kinder beispielsweise Xylofon zu spielen. Zum einen geht es um die Hand-Auge-Koordination, zum andern stellt die Dosierung der Kraft manche Kinder vor grosse Herausforderungen. Es ist nicht nur die Übung, die den Meister macht, sondern auch das Vertrauen in den eigenen Körper.
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 «Der Körper lernt sehr subtil und schnell, wenn man ihm vertraut und ihn machen lässt.»
Andreas Zihler, Musiker und Musikdidaktiker
«Der Körper ist genial», sagt Andreas Zihler, Zürcher Musiker und Musikdidaktiker. «Der Körper lernt sehr subtil und schnell, wenn man ihm vertraut und ihn machen lässt.» Zihler ist auf vielen Gebieten erfahren: am Schlagzeug des Opernhauses Zürich genauso wie auf westafrikanischen Trommeln. Er ist ausgebildeter Mime und Spiraldynamiker (Bewegungstherapeut) und unterrichtet an diversen Schulen. Seinen Studenten bringt er bei, beim Lernen von komplexen Rhythmen darauf zu vertrauen, dass der Körper die Bewegung speichert. Den Kindern geht es nicht anders. In der musikalischen Grundschule erfahren sie Musik mit ihrem ganzen Körper. Rhythmen werden mit Bodypercussions umgesetzt, ein Legato (Verbinden der Töne) wird mit grossen Pinseln schwungvoll aufs Papier gemalt, ein Accelerando (schneller werden) getanzt. Natürlich wird Musik auch notiert, und Kinder lernen, Rhythmen ab Blatt zu spielen. Das ist Denksport, der vielen Kindern Spass macht. Aber das elementare Erlebnis beim Musizieren ist, dass Kinder eine persönliche Verbindung spüren mit dem, was sie tun, und zu denen, die es mit ihnen tun.
Bei Oki Degen ist diese Verbindung nicht nur im Tanzsaal sichtbar. Lange vor der Unterricht beginnt, finden sich Schülerinnen und Schüler im Vorraum ein, um sich vorzubereiten oder sich mit den Kleinsten gemeinsam aufzuwärmen. Für ihre Schüler sei der Unterricht mehr, als nur «rechts-links-rechts-links» aneinanderzuhängen, ist Oki Degen überzeugt. Auch ihre vier eigenen Kinder haben bei ihr tanzen gelernt. Die Jüngste wurde zweimal in der Woche vom Grossvater in die Tanzstunde gebracht. Und weil sich die Enkeltochter nicht mehr von dem Ort lösen wollte und draussen mit den anderen Kindern weiterübte, musste Oki Degens Vater oft stundenlang vor dem Tanzsaal warten. «Mein Papa hat dann meine Wangen in seine Hände genommen und gesagt: Ach Oki, wenn ich dich getroffen hätte, als ich ein kleiner Junge war – das wäre für mich das grösste Geschenk gewesen. Ich glaube, ich wäre auch Tänzer geworden. 

Ein Tanz im Park

Ein Tanz im Park Kinder erfinden laufend kleine Choreografien. Zum Beispiel, wenn sie im Park einmal um die Linde, dann zum Bänkli und den Linien der Pflastersteine nach wieder zurücklaufen oder -tanzen. Wann sind Sie zum letzten Mal um eine Baumallee gekurvt? Tun Sie es. Und erfinden Sie Varianten dazu: 

  • Hüpfend, schwebend, die Arme schwingend oder in die Seite gestützt, auf Zehenspitzen, ganz tief. 
  • Jemand kann voraustanzen, und die anderen kopieren die Bewegungen. 
  • Nehmen Sie Ihre Kinder und deren Freunde und deren Eltern an die Hand und schlängeln Sie zusammen um die Bäume, ändern Sie auf ein Zeichen die Richtung. 
  • Ändern Sie die Formation: immer zwei zusammen, einer gegen alle oder zwei grosse Gruppen, die durcheinander gehen.

Ein dazu gesungenes Lied hilft, das Ganze in eine Form zu bringen. Vielleicht singen Sie dazu «Sur le pont d’Avignon», «Wenn eine tannigi Hose hät», «Zoge am Boge». Selbstverständlich können Sie alle Melodien auch auf «la-la» und «jam-pa-pa» singen.


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