«Léni, bitte bleib!»
Arztbesuch
Seite 2

Ich hätte meine Seele verloren

Wenn Finnja über ihren Alltag berichtete, erschrak ich fast über die Normalität und ihre fehlende Vorstellung davon, in welcher Welt sich ihre kranke Zwillingsschwester befand. Gleichzeitig hatte ich Angst, dass die beiden ihre magische Nähe zueinander verlieren könnten. In den ersten Wochen war es für Léni lebenswichtig, dass ihre Mitschüler und Lehrer sie besuchten und Briefe schrieben. Irgendwann wurde die Schlucht zu gross zwischen dem todkranken Kind und denen, für die der Alltag weiterging. Dieser schmerzhafte Vorgang war Lénis Emanzipation. Im Angesicht des Todes verschieben sich die Prioritäten. Irgendwann wurde es ihr sogar egal, wenn man sie auf der Strasse anglotzte, und sie beschwichtigte mich, wenn ich vor Wut kochte. Einmal zischte ich einen Jungen an, der uns in einem Kaufhaus anstarrte: «Schämst du dich nicht, so zu glotzen?»

Die Krankheit riss nicht nur ein glückliches Kind aus einer gefühlt vollkommenen Kindheit, sondern auch mich aus meinem Beruf als Schriftstellerin. Nach der Diagnose sagte ich alle Aufträge ab. Zügig wurde ich ersetzt, ich wurde vergessen, schien mir. Plötzlich wirkten ausgedachte Geschichten absurd und unwichtig, während meine Tochter um ihr Leben rang. Es ist doch von der Natur so gedacht, dass Eltern keinen einzigen Tag ohne ihre Kinder sein sollten. Sondern ihre Kinder irgendwann ohne die Eltern. Wäre Léni gestorben, hätte ich meine Seele verloren.

Ein Begreifen war unmöglich

Der einzige Ort, der eine Realität besass, war für mich die Kinderkrebsstation. Verabredungen draussen, Termine, was man anzog, all das wurde unerheblich. Jeglicher Konsumwunsch war ausgelöscht. Auch Parameter der Normalität, wie Höflichkeiten oder das Beantworten von Briefen. Relevant war allein, was in Lénis Körper vorging und was Ärzte und Krankenschwestern darüber berichteten. Es gibt keine Obsession, die einen mehr einnehmen kann, als der Wahn, dass das Kind leben muss. Es ist ein Instinkt, und er ist viel stärker als der selbsterhaltende Lebenstrieb. 
«In den ersten Wochen war es für Léni lebenswichtig, dass ihre Mitschüler sie besuchten.»
Auf der Kinderkrebsstation reichten Blicke, um zu wissen, dass in den anderen Müttern das Gleiche vorging. Wir, die von Kinderkrebs Betroffenen, waren statistisch gesehen eine schmale Randgruppe, Extremfälle, kaum existent. Ich redete nicht gerne mit «Gesunden». Die Normalität verschloss ihre Türen vor uns. Dafür betraten wir eine Dimension, die nur wir kannten, die am besten auch niemand kennen sollte. Ich sah in den Blicken der Nichtbetroffenen die Mauern, die ein Begreifen unmöglich machten. Und ehrlich gesagt, ich verstand sie. Denn ich konnte mich genau daran erinnern, wie ich zuvor solche Schicksale wahrgenommen hatte. Als tragisch. Und nachher vergass ich schnell.

Léni war mit ihren Kräften am Ende

Wir begannen eine sechswöchige Protonentherapie in Essen, der Tipp eines Freundes. Wir waren froh, einen Platz erhalten zu haben, doch Léni war mit ihrer Leidensfähigkeit und ihren Kräften am Ende. Sie wollte nicht mehr und war dabei, sich aufzugeben. Ich spürte, dass ihr Leben nur noch am seidenen Faden hing. «Wenn du nicht mehr mitmachst, kann ich auch nicht», sagte ich zu ihr. «Ich kann nicht nichts tun und zuschauen, wie du stirbst.» Dann weinten wir, und sie bat mich, zu bleiben. Und sie blieb auch. In Essen wurde die Chemotherapie wegen Lénis schlechten Zustandes erst einmal ausgesetzt, dafür begannen die Ärzte mit der Bestrahlung. Die Nebenwirkungen traten erst später auf und fielen insgesamt milder aus als die von der Chemo; so konnte sich Léni erholen. 
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Diese Maske musste Léni während der Bestrahlung in Essen tragen. Sie sass so eng, dass sie die Augen nicht öffnen konnte. Die Abdrücke liessen sie hinterher oft aussehen wie Spider-Man. Durch die Strahlen war die Maske radioaktiv. Deshalb konnte Léni sie erst ein Jahr später aus der Klinik abholen. Als Andenken.
Diese Maske musste Léni während der Bestrahlung in Essen tragen. Sie sass so eng, dass sie die Augen nicht öffnen konnte. Die Abdrücke liessen sie hinterher oft aussehen wie Spider-Man. Durch die Strahlen war die Maske radioaktiv. Deshalb konnte Léni sie erst ein Jahr später aus der Klinik abholen. Als Andenken.
Ihr ging es rasch viel besser, und nach einigen Wochen war sie in einem unverhofft guten Zustand. Eines Morgens sagte sie: «Mama, ich glaube, der Krebs ist weg.» Nun. Wir durften überleben, aber wir freuten uns still. Wir haben Kinder um uns herum sterben sehen. Kinder, die uns nahestanden und mit denen wir viele Tage in einem Zimmer verbrachten. Denen wir in ihren intimsten Augenblicken des Leidens zusahen und sie uns. Das Bewusstsein, wieder gesund zu sein, lässt uns heute alle Probleme relativieren. Es fühlt sich fast an wie ein schlechtes Gewissen, dass wir dieses unverschämte Glück hatten. Das Glück, leben zu dürfen. Léni war einst das grösste und rundeste Kind. Jetzt ist sie am kleinsten und zartesten. Seit fast zwei Jahren ist sie keinen Millimeter mehr gewachsen. Keiner weiss, ob sie das noch aufholen wird. Finnja, ihre Schwester, ist jetzt einen Kopf grösser. Léni war vor dem Krebs ein muskulöses Kind, unermüdlich und stark. Die Muskeln haben sich nach einem Jahr Liegen zurückgebildet, sie hat Sehnenverkürzungen und Knochenschmerzen und fehlende Reflexe in den Beinen. Sie fällt häufig hin und stürzt und stösst sich. 
«Die Krankheit riss ein glückliches Kind aus einer gefühlt vollkommenen Kindheit.»
Die Erschöpfung überwältigt sie nach den kürzesten Strecken. Sie ist nah am Wasser gebaut, ganz anders als früher, und leicht reizbar. Oft kommt sie heulend aus der Schule und sagt: «Ich will sein wie früher.» Das bricht mir das Herz. Doch die Chemikalien, die in Lénis Körper gepumpt wurden, haben ihr auch ein Geschenk hinterlassen: Locken. Viele Freundinnen sind närrisch nach ihren Haaren, und mich macht es glücklich, dass sie das offensichtlich geniesst. Lénis Geschwister haben in den Monaten meiner Abwesenheit einen riesigen Entwicklungsschub gemacht. Sie haben in dieser Zeit gelernt, die Mutter zu entbehren. Das hat sie auch ein wenig hart gemacht. Manchmal haben sie etwas Misstrauisches in ihrem Blick und etwas Distanziertes in der Stimme. Ihre Umarmungen sind beherrschter, als wären sie nur eine Höflichkeit, als würde ihr Körper mir mitteilen wollen, dass sie auch ohne mich klarkommen würden. Auf der anderen Seite haben wir alle zusammen oft eine Innigkeit, die früher in der Intensität nicht da war. Wir geniessen das Zusammensein miteinander als etwas Besonderes.

Auch ich habe mich verändert

Auch ich habe mich in der Zeit der Krankheit verändert. Dass ich lange nicht mehr gelacht hatte, fiel mir erst auf, als ich beim Lachen meine Muskeln spürte, weil ich sie so lange nicht mehr gebraucht hatte. Für fast zwei Jahre habe ich die Musik komplett verloren. Mittlerweile kann ich mir kurze Musikstücke anhören, aber das Schwelgen in selbstvergessenen Träumereien ist für mich nicht mehr vorstellbar. Ich bin sehr vorsichtig geworden. Ich beobachte Léni unablässig. 
Die langen Haare zu verlieren, war schlimm für Léni. Deshalb bekam sie ständig Mützen geschenkt. Am Ende ihrer Behandlung besass sie an die fünfzig Exemplare. Diese Mütze war ihr Lieblingsstück. Sie war ein Geschenk ihrer Mutter.
Die langen Haare zu verlieren, war schlimm für Léni. Deshalb bekam sie ständig Mützen geschenkt. Am Ende ihrer Behandlung besass sie an die fünfzig Exemplare. Diese Mütze war ihr Lieblingsstück. Sie war ein Geschenk ihrer Mutter.
Eine Epoche der Wahrhaftigkeit hat für mich begonnen, in der ich mir viel weniger vormachen kann. Zu Kompromissen bin ich nicht mehr bereit. Entweder muss etwas hundertprozentig stimmen, oder ich nehme Abstand. Literatur, mein früherer Lebensinhalt, ist für mich mittlerweile weniger wert, als gut zu leben. Meinen Kindern etwas bieten zu können – Freude und Unbeschwertheit. Ich erwarte keine Entscheidungshilfe mehr von aussen. Ich muss die Lösung selbst finden. Ich bin in diesen Monaten komplett ergraut. Auf meinem Gesicht haben sich markante Züge der Selbstbeherrschung niedergelassen. Ich habe ein vermehrtes Bedürfnis, mich aus der Gegenwart auszuklinken. Bücher oder Filme sichern mir das nötige untrübbare tägliche Glück. Léni sagt, es wäre leichter gewesen, zu sterben. Aber sie wusste, dass sie mich untröstlich zurückgelassen hätte. Und Finnja. Und Nagyi, ihre Grossmutter. Das erklärt sie so simpel, und dann lebt und lacht und denkt und träumt und liebt sie weiter, als wäre nichts geschehen. Das ist das Gute an Kindern: Sie halten keinen Augenblick länger fest als nötig. Nur ich trotte dem Schock immer noch hinterher.

Zur Autorin:

<div><strong>Léda Forgó</strong> ist eine bekannte Schriftstellerin («Der Körper meines Bruders», «Vom Ausbleiben der Schönheit»). Die gebürtige Ungarin lebt mit ihren Kindern in Hamburg.</div>
Léda Forgó ist eine bekannte Schriftstellerin («Der Körper meines Bruders», «Vom Ausbleiben der Schönheit»). Die gebürtige Ungarin lebt mit ihren Kindern in Hamburg.

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