Null Bock auf Mathe
Schule
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«Der Zahlensinn ist angeboren»

Ob nun Interesse an Mathematik vorhanden ist oder nicht, wir leben von Anfang an mit und in ihr, weiss Imans Förderlehrerin Lis ­Reusser. Sie ist Heilpädagogin und Dozentin am Institut für Heilpädagogik in Bern und bietet nebenbei vereinzelt Privatlektionen für Schülerinnen und Schüler mit Schwierigkeiten in der Mathematik an.

«Der Zahlensinn ist angeboren», sagt sie. «Schon nach der Geburt realisieren Babys, wenn sich eine Menge verändert.» Vielleicht fokussieren sie dabei nicht auf die Anzahl, sondern auf die Ausdehnung. Drei Puppen brauchen mehr Platz als zwei. Mit der Sprachentwicklung beginnen Kinder, Zahlwörter zu brauchen, sofern ihr Umfeld auch solche benutzt. Diese werden sozial vermittelt. Im Kleinkindalter verstehen Kinder deren Bedeutung noch nicht. Sie verwenden sie trotzdem, indem sie das Zählen imitieren: «Eins, vier, sieben, sieben.» 
Mathematik ist hierarchisch aufgebaut und wird immer komplexer. Daher müssen die Grundlagen sitzen.
Später lernen sie verstehen, dass die Zahlen beim Zählen eine be­stimmte Reihenfolge haben und dass man nicht immer wieder von vorne beginnen muss, sondern unterwegs einsetzen kann. Sie er­kennen ausserdem, dass jedes ­dieser Zahlwörter ein einzelnes Wort ist. Man kann eine bestimmte Anzahl Schritte weiterzählen. Diese Fähigkeiten sollte ein Kind bei der Einschulung mitbringen. Die letzte Stufe der Zählentwicklung umfasst das Benennen von Nachbarzahlen und das Zählen in Schritten. «Diese Stufe der Zählentwicklung erreichen Kinder mit einer Rechenstörung zum Teil nicht», sagt Lis Reusser.

Wir kommen also früh mit Mathematik in Berührung. Und doch löst sie oft Berührungsängste und Verständnisschwierigkeiten aus. Ein Grund liegt im hierarchischen Aufbau der Mathematik. Versteht ein Kind im Deutschunterricht den Unterschied zwischen Dativ und Akkusativ nicht, kann es trotzdem einen Aufsatz über die letzten Sommerferien schreiben. In der Mathematik baut das Wissen aufeinander auf, die Anforderungen werden komplexer, entsprechend müssen die Grundlagen sitzen. «Wer das dezimale Stellenwertsystem nicht versteht, hat keine Chance in der Arithmetik voranzukommen», sagt Elisabeth Moser Opitz.

Das Gefühl, nicht voranzukommen

Iman weiss, wie es sich anfühlt, nicht voranzukommen. «In der ersten Klasse verstand ich Mathe nicht. Ich hockte da und wusste nicht. was tun. Vielleicht fragte ich die Lehrerin. Vielleicht nicht. Sie war streng.» Streng erlebte diese Zeit auch Imans Mutter Mirka. «Nach drei Wochen erkannte die Lehrerin, dass Iman nicht auf demselben Wissensstand ist wie die anderen Kinder. Nach fünf Wochen stand fest, dass sie die erste Klasse wiederholen soll. Mir ging das zu schnell.»
 
Iman erhielt Unterstützung von einer Heilpädagogin, die Mitschüler wurden informiert. Sie schämte sich. Ihre Blockaden waren so gross, dass sie Fragen und Kommentare der Lehrerin fürchtete. Dann kamen die Bauchschmerzen, frühmorgendliche Schreikrämpfe, wenn Mathe auf dem Stundenplan stand, schliesslich nach der Schulverweigerung der Schulwechsel.
«Ausser in der Mathematik kann ich mir Dinge gut merken», sagt Samuel, 14, aus Schüpfen BE. Lesen Sie hier seine Erzählung: «Manchmal sass ich einfach da und wartete»
«Ausser in der Mathematik kann ich mir Dinge gut merken», sagt Samuel, 14, aus Schüpfen BE. Lesen Sie hier seine Erzählung: «Manchmal sass ich einfach da und wartete»
So kann sich also «nicht vorankommen» anfühlen. Nicht wissen, wo das Denken ansetzen soll, erstarren und sich von dieser hartnäckigen Gewissheit gefangen nehmen lassen: «Ich bin blöd.» Davon war Iman als 6-Jährige überzeugt. Auch der 14-jährige Samuel aus Schüpfen fühlte sich blöd, vor allem, wenn er den Lehrer alle fünf Minuten um Hilfe bitten musste. Aber für Samuel war klar, was ihn in diese missliche Lage geführt hatte: die fehlende Zeit. Alles ging ihm zu schnell.
 
Einer, der die fehlende Zeit als Hauptursache für die Schwierigkeiten der Kinder mit Mathe sieht, ist Peter Geering, ehemaliger Professor für Fachdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Er kennt die Folgen des Zeitdrucks: fehlendes Verständnis, die Entwicklung bricht ab, Motivation und Interesse gehen verloren, und all das versuchen Kinder zu relativieren, indem sie eine schlüssige Erklärung suchen: Ich bin halt nicht begabt. «Das ist natürlich kontraproduktiv», sagt Geering. 
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Mädchen beschuldigen sich selbst

Dass sich Kinder selbst die Schuld geben für ihren Misserfolg, beobachtete er mehr bei Mädchen als bei Jungen. Das Mädchen denkt «Ich kann es nicht», der Junge sagt «Die Aufgabe war zu schwer». Das ­entspricht auch den Beobachtungen von Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund von der Akademie für Lerncoaching in Zürich. Sie sagen, der Haupt­unterschied zwischen den Geschlechtern bestehe nicht in der Leistung, sondern im Vertrauen in die eigenen mathematischen Fähigkeiten. Aussagen wie «Ich habs nicht so mit Zahlen», «Logisches Denken liegt mir nicht» oder «Ich bin einfach zu blöd für Mathe» kämen oft aus der Reihe der Mädchen und Frauen. «Solche Gedanken wirken wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Wird einem zudem bewusst oder unbewusst immer wieder signalisiert, dass man für die Mathematik einfach nicht gemacht sei, ist die Entmutigung programmiert», sagt Stefanie Rietzler. Diese Haltung ist nicht angeboren. Studien zeigen, dass Eltern und Lehrpersonen zu negativen Haltungen gegenüber Mathe beitragen können, wenn sie selbst solche Haltungen hatten oder haben.
Das Mädchen denkt «Ich kann es nicht», der Junge sagt «Die Aufgabe war zu schwer».
Diesem Thema begegnet Lis Reus­ser oft in ihrem Berufsalltag. Darum thematisiere sie in der Ausbildung auch den Genderaspekt. «Ich sensibilisiere die Studierenden für die noch immer vorherrschenden, aber nicht gerechtfertigten Stereotypen.» Ihre Studentinnen wie auch Mütter von Schulkindern hätten oft ein zwiespältiges Verhältnis zur Mathematik. Den Eltern zu raten, sie sollen ihre Mädchen mehr fördern oder eine andere Haltung einnehmen, funktioniere in der Regel nicht. «Die Emotionen sind stärker als der Kopf. Solange sie nicht ihrer eigenen Angst begegnen und andere Erfahrungen machen können, ändert sich nichts.» Eltern von ihren Nachhilfeschülern rät sie dann, sich bei Bedarf selbst Unterstützung zu holen. So auch Imans Mutter Mirka. Diese erlebte Mathematik früher selbst als schwierig. «Ich war abgelenkt, erhielt keine Unterstützung, also verlor ich ab der 4. Klasse den Anschluss.» Sie dachte damals: «Ich kann es nicht.» Heute weiss sie: «Ich kann es. Mir fehlte einfach das Interesse. Als das Interesse kam, gingen Welten auf für mich.»
Mit beharrlicher Arbeit konnte die 11-jährige Iman ihre Mathe-Angst stark abbauen.
Mit beharrlicher Arbeit konnte die 11-jährige Iman ihre Mathe-Angst stark abbauen.
Dann stellt sich die Frage: Wie ­finden Kinder dieses Interesse an der Mathematik? Wichtig sei der Alltagsbezug, sagt Peter Geering. Aktiv-entdeckendes Lernen mit geeigneter Veranschaulichung ist inzwischen Bestandteil jedes ­konventionellen mathematischen Lehrbuchs. Der Alltagsbezug hilft, innere Bilder aufzubauen, was die abstrakte Zahlenwelt begreifbar macht. Aber: Lehrmittel knüpfen nicht immer an den Alltag der Kinder an.

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