Fabian Grolimund
Schule

Schüler brauchen Feedback statt Noten

Neu werden bei uns bis Ende zweiter Klasse keine Noten mehr vergeben.» Dieser Satz der Lehrerin löste beim Elternabend unseres Kolumnisten, Fabian Grolimund, heftige Diskussionen aus. Fabian Grolimund erzählt, welchen Sinn und Unsinn er selbst in Schulnoten sieht...
Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Sie können sich vielleicht vorstellen, dass ich zu den Eltern gehöre, die sich sehr darüber freuen, dass im Zuge des Lehrplans 21 vielerorts zumindest in den ersten Schuljahren auf Ziffernnoten verzichtet wird.

In Lehrerweiterbildungen erlebe ich schon lange, dass sich viele Lehrpersonen hier zumindest für die Primarschule eine Veränderung wünschen. Sie möchten ihre Schülerinnen und Schüler auf ihrem individuellen Lernweg begleiten, lernschwache und leistungsstarke Kinder dort abholen, wo sie stehen, und ein Lernangebot schaffen, von dem alle Kinder profitieren können, ohne über- oder unterfordert zu werden.
Ein Problem ist immer wieder die Verpflichtung, Prüfungen zu stellen und zu benoten. 
Vielen Lehrpersonen gelingt das trotz hoher Anforderungen wie Inklusion und heterogenen Klassen erstaunlich gut. Ein Problem ist jedoch immer wieder die Verpflichtung, Prüfungen zu stellen und zu benoten. Plötzlich sollen doch wieder alle Schüler zum gleichen Zeitpunkt das Gleiche können. Das bringt Lehrpersonen in eine innere Spannung: Die Lehrperson meldet einem Schüler mit einer Rechtschreibschwäche am Montag zurück, dass er sich aufgrund seiner Anstrengungen deutlich verbessert hat, und freut sich mit ihm über seine Fortschritte bei der Gross-Kleinschreibung.

Am Donnerstag muss sie ein Diktat schreiben lassen und ihm zurückmelden, dass seine Leistung wieder ungenügend ist. Der Schüler ist verwirrt: «Eben hat sie noch gesagt, dass ich mir Mühe gebe und es gut mache, und jetzt bin ich doch wieder so schlecht.»

Die Lehrperson kommt in Erklärungsnot. Die Motivation, die sie am Montag sorgfältig aufgebaut hat, ist eine Woche später mit der schlechten Note wieder am Boden. Vielleicht hat der Schüler sogar ein Stück weit Vertrauen in die Lehrerin eingebüsst und denkt bei der nächsten positiven Rückmeldung: «Das sagt die nur, damit ich mitmache. Ich weiss genau, dass ich es nicht kann.»

Weshalb sich Noten und individuelle Förderung nicht vertragen...

In Diskussionen mit Lehrpersonen wird immer wieder derselbe Konflikt deutlich: Heute lernen Lehrpersonen in ihrer Ausbildung, dass sie Vielfalt zulassen und Kinder individuell fördern sollen.

Notengebung und Prüfungen stammen jedoch aus einer Zeit, in der es darum ging, dass alle im Gleichschritt marschieren. Die einzelne Lehrperson muss nun diesen Widerspruch im Alltag auflösen. Beispielsweise, indem sie unter die schlechte Note einen aufmunternden Kommentar schreibt, einen «Bravo-Sticker» draufklebt, nach einer Abklärung die Lernziele anpasst oder durch einen Nachteilsausgleich versucht, dem Kind bei der Prüfung entgegenzukommen. Das alles frisst Zeit und Ressourcen, die wahrscheinlich anderweitig besser investiert wären.

«Aber ohne Noten wissen Schüler doch gar nicht, wo sie stehen!»

Eine Note leistet sehr wenig: Sie teilt Schülerinnen und Schüler ein in gut, mittel, schlecht. Sie gibt kaum Auskunft darüber, was jemand bereits gut kann, was ihm noch nicht gelingt und was er tun kann, um die nächste Lücke zu schliessen. Die schwachen Schüler/innen interpretieren ungenügende Noten meist als Beweis, dass sie es «eh nicht können», und stellen ihre Bemühungen ein. Die starken Schüler/innen bekommen ihre guten Noten meist ohne viel Anstrengung. Sie können viel, aber sie lernen wenig dazu.

Viele Lehrpersonen versuchen dieses Problem durch sehr detaillierte Korrekturen zu lösen. Aber was interessiert Schülerinnen und Schüler, wenn sie die Prüfung zurückerhalten? Die Note. Der Rest wird kaum angeschaut und fast nie als Anlass gesehen, selbständig eine Lücke oder Unverstandenes aufzuarbeiten.

Damit Lernende wirklich wissen, wo sie stehen, brauchen sie das, was der Bildungsforscher John Hattie unter formativem Feedback versteht: Schüler und Lehrperson ergründen gemeinsam, was das Ziel ist, welche Fortschritte bereits gemacht wurden, was der nächste Schritt ist und wie man dorthinkommt.
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Durch Feedback erfahren Schüler, dass sich ihre Bemühungen auszahlen und Fortschritte möglich sind.
Nur auf diese Weise macht es für alle Lernenden Sinn, sich anzustrengen. Nur so können sie erfahren, dass sich ihre Bemühungen auch auszahlen und Fortschritte möglich sind. Genau diese Erfahrung bildet die Grundlage für Selbstwirksamkeit.

1 Kommentar

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Von Marcel am 09.04.2020 07:53

Danke!
Der Artikel spricht mir aus dem Herzen - ich hoffe, dass während dieser Krise mehr LP und mehr SL dies ebenfalls beginnen zu verstehen.....(und Eltern natürlich auch...)
Selber bin ich SL und arbeite täglich darauf hin.

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