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Kindergarten

«Nicht hauen!» Selbstkontrolle bei Kindern

Sich selbst zu bremsen und seine Emotionen nicht impulsiv auszudrücken: Das will gelernt sein. Der Umgang mit seinen Gefühlen und die Entwicklung dieser inneren Kontrollinstanz sind wichtige Themen im Kindergarten.
Text: Julia Meyer-Hermann
Bilder: Niki Boon
Das Geschrei im Sandkasten klingt martialisch. «Uahhh, ich hau dich!» – «Das ist meins!» – «Geh weg, du Volltrottel!» Schon an der Stimme erkenne ich, wer involviert ist, ein Blick ins Kampfgetümmel bestätigte meine Annahme: Der Misse­täter ist mein vierjähriger Sohn. Er schmeisst mit Sand. Er brüllt. Und er schlägt mit einer Schaufel um sich. Die gehört nicht ihm, sondern ei­nem jüngeren Bub, der sie zurückhaben will. 
Keine zwei Minuten vorher hatte über dem Spielplatz noch eine gerade­zu idyllische Ruhe gelegen, die Tonspur zu diesem sonnigen Tag bestand aus Kinderlachen und freundlichen Elterngesprächen. Jetzt sind alle Augen auf das Schauspiel gerichtet. Die erste Hauptrolle im Drama: mein Sohn, der Aggressor. Die zweite Hauptrolle: ich, die herausgeforderte Erziehungsberechtigte. Die Handlung: Eine Mutter versucht, ihr Kind zur Räson zu rufen, während die Umstehenden sich fragen, warum der Bub sich eigentlich so asozial benimmt. Hat die Mutter etwa ihr Kind nicht im Griff?

Als ich Melanie Otto, Pädagogin am TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen der Universität Ulm von meinem Spielplatzerlebnis erzähle, reagiert sie anders als erwartet. Das sei doch eine traumhafte Lernsituation, erklärt sie. «Für Eltern ist so ein Konflikt zunächst natürlich alles andere als wunderbar.» Aber genau solche Erlebnisse seien ideal, um die Selbstregulation und das Sozialverhalten zu trainieren, im Fachjargon Exekutivfähigkeit genannt. Die 36-jährige Wissenschaftlerin weiss auch aufgrund eigener Erfahrungen, wovon sie redet: Sie hat lange als Erzieherin gearbeitet und forscht seit gut fünf Jahren dazu, wie Kinder lernen, ihre Emotionen zu regulieren, und wie ihre sozial-emotionalen Fähigkeiten gefördert werden. Sie untersucht auch, wie Eltern und pädagogische Fachkräfte die Entwicklung dieser Fähigkeiten unterstützen können. 

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Die Ausstattung unseres Gehirns bringt mit, dass Menschen mit Gefühlen wie Frust oder Wut angemessen umgehen können. «Die exekutiven Funktionen sind die Grundlage für das, was wir unter Selbstkontrolle verstehen», sagt Melanie Otto. Ihren Sitz haben diese Fähigkeiten im Frontallappen des Grosshirns, dem evolutions­biologisch jüngsten Teil des Gehirns. Dieses Zentrum entwickelt sich am langsamsten und längsten, es ist erst bei jungen Erwachsenen vollständig ausgebildet. Ein wesentlicher Teil dieses exekutiven Systems ist die sogenannte inhibitorische Kontrolle. Diese Selbst- und Impulsregulation ist unser inneres Stoppschild und verhindert, dass wir vorschnell – und vielleicht falsch – handeln. 

Schuld ist das Gehirn

Was Eltern bei ihren Kindern oft wie Trotz erscheint, wie eine bewusste Verweigerung, bestimmte Regeln zu befolgen, ist oftmals auf eine Un­­reife des kindlichen Gehirns zurückzuführen, das schlicht noch nicht in der Lage ist, manche Reaktionen zu kontrollieren.
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Dieser Artikel stammt aus dem Heft Kindergarten 2 Frühjahr/Sommer und richtet sich an Eltern von Kindergartenkinder im 1. Jahr. Bestellen Sie jetzt eine Einzelausgabe!
Mit seinen vier Jahren weiss mein Sohn zwar schon sehr gut, dass er kein kleineres Kind schlagen darf, genauso wie seine Kindergartenfreundin verstanden hat, dass der Fernseher nach einer Folge ihrer Lieblingssendung wieder aus­geschaltet wird. Auch meine vier­jährige Patentochter hat eigentlich begriffen, warum sie nicht so viele Süssigkeiten naschen soll. Aber im Moment, in dem mein Sohn die Schaufel abgeben muss, seine Freundin nicht noch eine Episode von «Yakari» gucken darf und meiner Patentochter die Gummibärchen­tüte abgenommen wird, gewinnt der Impuls die Oberhand. Die Folge: Wut! Tränen! Geschrei! 
Viele Trotz- oder 
Wutanfälle sind auf die ­Unreife des kindlichen ­Gehirns zurückzuführen.
«Es ist unser gutes Recht, so zu fühlen. Natürlich wird man wütend, wenn man sich reglementiert oder ungerecht behandelt fühlt», sagt Claudia Roebers, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Bern. «Die entscheidende Frage aus der Perspektive der Selbstregulation ist, wie man mit diesem Gefühl umgeht.» Ich denke an die vielen Momente, in denen ich kurz davor bin, ins Wutgebrüll meiner Kinder mit einzustimmen. Wie viel Selbstbeherrschung es mich kostet, nicht auszurasten, wenn ihr Geschrei kein Ende nimmt. Und ich gestehe mir ein, dass das nicht immer klappt.

«Es ist ganz gut, sich manchmal ins Gedächtnis zu rufen, dass auch wir Erwachsenen in vielen Situationen keine meisterliche Selbstregulation zeigen», sagt Claudia Roebers. Wir haben zwar gelernt, dass man einem Freund nicht «Du Furzkopf, du bist nicht mehr mein Freund!» sagt, weil der keine Zeit oder Lust zu einer Verabredung hat. Man beisst auch dem Vordermann in der Bäckerei nicht in den Arm, weil der das letzte Stück Schokokuchen ergattert hat. Aber schon ein Blick in die sozialen Medien zeigt, dass manch einer gut daran täte, seine Wut erst einmal zu drosseln, bevor er sie ungebremst äussert. Genau das müsse man mit Kindern üben, sagt Claudia Roebers. «Sie müssen lernen, ihr Verhalten an die Situa­tion anzupassen und mit ihren Emotionen in einer sozial verträglichen Art und Weise umzugehen.» 
Negative Gefühle wie Wut, Angst oder Aggression sind normal. Entscheidend ist, wie man mit ihnen umgeht.
Das ist auch deshalb wichtig, weil die kindliche Entwicklung der Impulskontrolle Auswirkungen auf das gesamte Leben hat. Das belegen verschiedene Langzeitstudien. Forscher der Abteilung für Präventiv- und Sozialmedizin der Universität Otago in Neuseeland testeten in den 70er-Jahren die Selbstregulations­fähigkeit von tausend Kindergartenkindern. Sie kontrollierten in den folgenden Jahrzehnten, welchen Entwicklungsverlauf die Probanden genommen hatten. «Es hat sich gezeigt, dass die kindliche Selbst­regulation nicht nur mit der späteren, erwachsenen Selbstregulation korreliert», sagt Moritz Daum, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich. «Kinder mit einer hohen Impulskontrolle sind ausserdem als Erwachsene physisch und psychisch gesünder, sie sind auch sozial kompetenter.» 

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