Den richtigen Zeitpunkt für Kinder gibt es nicht
Wer früh Vater oder Mutter wird, macht grundlegend andere Erfahrungen als späte Eltern, schreibt unser Kolumnist Mikael Krogerus.
Es gibt zwei Arten von Eltern: Solche, die eher früh Kinder bekommen, und solche, die eher spät Mütter und Väter werden. Die beiden Gruppen unterscheiden sich nicht von der Veranlagung und Persönlichkeit her, aber sie erleben etwas grundsätzlich Unterschiedliches. Wir gehören zur ersten Gruppe. Ich wurde zu einem Zeitpunkt Vater, als ich in Clubs noch nach dem Ausweis gefragt und von Briefträgern geduzt wurde.
Wir waren so jung, dass die Kindergärtnerin unseren Sohn fragte, ob er von seinem älteren Bruder gebracht worden sei, als ich ihn vor der Tür absetzte. Und wenn ich heute mit meiner Teenager-Tochter durch die Stadt laufe, halten ihre Kollegen mich von Weitem für ihren neuen Freund. So jung sind wir.
Jung Eltern zu werden, hat – wie alles im Leben – gewisse Vorteile und gewisse Nachteile. Zu den Vorteilen gehört, dass man eine durchwachte Nacht einfach abschütteln kann wie ein Verbrecher seine Verfolger im Krimi. Und da man keine Ratgeberbücher oder Elternblogs gelesen hat, ist man angenehm ahnungslos darüber, was man alles falsch machen kann (und wird). Auch geht Jugend mit einer gewissen Risikoaffinität einher, was automatisch vor Helikopter-Gebaren und Überidentifikation mit dem Nachwuchs schützt. Um es in Ratgeberworten zu sagen: Man lebt mehr und sorgt sich weniger.
Aber ich will nicht verschweigen, dass es auch Nachteile hat, früh Kinder zu kriegen, denn es ist nicht leicht, kleinen Menschen beizubringen, wie man leben soll, wenn man selbst noch nicht weiss, was man vom Leben will. Und so steht das Kind dem eigenen Leben oft im Weg. Man will seine ganze Energie je nach Lage ins Berufsleben, ins Nachtleben oder ins Liebesleben pumpen, stattdessen sitzt man im Notfall, weil das Kleine einen Pseudokrupp-Anfall hatte. Auch ist man fürchterlich allein mit allem, weil die soziale Umgebung noch keine Kinder hat.
Die Vor- und Nachteile halten sich in etwa die Waage, so dass ich versucht bin zu sagen: Es gibt keinen richtigen Zeitpunkt zum Kinderkriegen, es ist immer der falsche, warum also nicht jetzt?
Und doch gibt es die Momente, in denen ich froh bin, früh dran gewesen zu sein.
Immer wenn wir Besuch haben von Freunden, die selber noch jüngere Kinder haben, und sie diese mit zu uns bringen, warte ich auf den Moment, wenn das Kind – oft heisst es Paul oder Chloé, Liam oder Noé – anfängt, die Situation zu sabotieren. Manche Kinder fordern zum Beispiel, dass alle Anwesenden ihr «Kunststück», das sie «einstudiert» haben, ansehen, andere wollen nach 30 Minuten nach Hause, wieder andere nutzen die Gunst der Stunde, bingen vier Stunden Netflix und stolpern dann komplett überdreht in die Runde und haben einen nervösen Zusammenbruch im Schoss der Eltern. Ich tausche dann immer einen vielsagenden Blick mit meiner Frau aus.
Eltern mit Kindern zu sehen, ist eine Erinnerung daran, dass alles vorübergeht. Das Schöne leider, das Schlechte zum Glück.