«Rassismus bei uns ist sehr subtil» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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«Rassismus bei uns ist sehr subtil»

Lesedauer: 3 Minuten

Wer sich wegen Herkunft, Hautfarbe oder Religion ungerecht behandelt, benachteiligt oder bedroht fühlt, kann sich an eine Beratungsstelle wie die Zürcher Anlaufstelle Rassismus ZüRAS wenden. Hier berät Judith Jordáky Eltern von betroffenen Kindern.

Frau Jordáky, die siebenjährige Maylin wird in der Schule als «Gaggihaut» bezeichnet. Warum machen Kinder so etwas? 

Niemand wird als Rassist geboren. Kinder schnappen das auf, was sie rundherum von Vorbildern mitbekommen. Dabei sind Vorurteile keine allgemeingültigen, belegten Weisheiten. Die Frage ist, in welcher Umgebung sie als solche toleriert werden, und wie man damit umgehen soll.

Wie würden Sie Rassismus definieren?

Eine einzige, allgemeingültige Definition gibt es nicht. Grundsätzlich bedeutet Rassismus, dass Menschen wegen ihrer Herkunft und Hautfarbe diskriminiert werden. Gemäss dieser Definition sind auch viele Fälle, die bei uns landen, nicht aktiv rassistisch. Es kommt selten vor, dass jemand wegen der Hautfarbe im Restaurant nicht bedient wird. Aber ungleiche Behandlung deswegen ist an der Tagesordnung. Rassismus bei uns ist oft sehr subtil, aber leider alltäglich.
Judith Jordáky ist Fachmitarbeiterin und Beraterin bei der Zürcher Anlaufstelle Rassismus ZüRAS. Sie berät Betroffene und Angehörige und sucht nach individuellen Lösungsansätzen. Anlaufstellen gibt es in allen Schweizer Kantonen. www.zueras.ch
Judith Jordáky ist Fachmitarbeiterin und Beraterin bei der Zürcher Anlaufstelle Rassismus ZüRAS. Sie berät Betroffene und Angehörige und sucht nach individuellen Lösungsansätzen. Anlaufstellen gibt es in allen Schweizer Kantonen. www.zueras.ch

In den letzten zehn Jahren haben sich die in der Schweiz gemeldeten Fälle mehr als verdoppelt. Woran könnte das liegen?

Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu geniessen, da sie zum einen nicht alle Beratungsstellen umfassen, und zum anderen bedacht werden muss, dass es viel mehr Stellen gibt als noch vor zehn Jahren. Ich glaube nicht, dass wir rassistischer sind als früher. Aber die gemeldeten Fälle sind nach wie vor nur die Spitze des Eisberges. Weniger rassistisch und fremdenfeindlich sind wir sicher auch nicht geworden.

Welche Rolle spielt hier die Corona-Krise?

In Krisenzeiten neigt die populistische Masse dazu, ethnische Sündenböcke zu schaffen. Aktuell gibt es «Corona-Rassismusfälle» gegenüber asiatischen Menschen. Krisen kommen und gehen, die Vorurteile aber bleiben.

Viele Rassismus-Fälle, welche Kinder betreffen, finden in der Schule oder im Kindergarten statt. Haben unsere Schulen ein Rassismus-Problem?

Kein grösseres als unsere Gesellschaft allgemein. In den Schulen kumuliert es sich vielleicht ein bisschen, weil es auf drei Ebenen stattfindet: Kinder, Eltern und Fachpersonen. Meines Erachtens nach haben unsere Bildungsinstitutionen die Verantwortung, tolerante Mitmenschen zu erziehen. Umso wichtiger ist, dass die Haltung «alle Menschen sind gleichwertig» gerade in Bildungsinstitutionen vorgelebt wird.

Können Sie einen entsprechenden Fall aus Ihrem beruflichen Alltag erzählen?

Eine Lehrerin gab ihrer dritten Klasse ein Gedicht zum Auswendiglernen, in dem der Begriff «der kleine Mohr» vorkommt. Der neunjährige Sohn einer dunkelhäutigen Mutter fühlte sich dadurch verletzt, zumal er sich sehr mit der «Black Live Matters» Bewegung identifiziert. Die Mutter schrieb der Lehrerin ein E-Mail, worauf diese ihr Übersensibilität vorwarf. Die Situation eskalierte, irgendwann waren plötzlich alle Eltern und die Schulleitung involviert.

Und in dieser Situation hat sich die Mutter an Sie gewandt?

Genau. In erster Linie geht es mal darum, ernstgenommen zu werden und gesagt zu bekommen, dass man nicht einfach zu sensibel ist, sondern dass man ein Recht auf eigene Gefühle hat. Niemand anderes hat über diese zu urteilen. Nun gibt es verschiedene Optionen. Eine Möglichkeit wäre es zum Beispiel, eine Mediation einzuleitenund im besten Fall würde die Schulleitung eine Lernsequenz für die Lehrerschaft ermöglichen. Denn Dialog, Verletzungen anzuerkennen und nicht zu bagatellisieren sind Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben. Der Fall ist noch nicht abgeschlossen.

Was müsste sich in den Schulen und Kindergärten ändern, damit solche Dinge nicht mehr vorkommen?

Das fängt schon damit an, dass die Wertschätzung für Kita-Mitarbeitende oft zu wünschen übriglässt. Denn Chancengleichheit beginnt bereits dort. Viele sind schlecht bezahlt, überarbeitet, ungenügend ausgebildet. Sie müssten auch unbedingt ständig weitergebildet werden, damit sie Gefässe haben, solchen Situationen zu begegnen und sie zu reflektieren. Das wäre bei anderen Fachpersonen ebenfalls wünschenswert. Gerade Lehrpersonen sind wichtige Vorbilder.

Und wie reagiert man als Eltern auf rassistisches Verhalten oder Aussagen des eigenen Kindes?

Zum Beispiel durch Nachfragen, warum man solche Dinge sagt und wie sie gemeint sind, ohne Vorwurf. Ich denke, man muss Kindern erklären, dass man selbst nicht besser wird, wenn man andere abwertet. Die Eltern sind die wichtigsten Vorbilder. Um Toleranz und Respekt zu vermitteln, reicht es nicht, mal kurz über Rassismus zu reden. Vielfalt muss als selbstverständlicher und natürlicher Teil in unser Leben integriert werden. Dies tut man, indem man zum Beispiel bereits für Kleinkinder mal eine dunkelhäutige Puppe oder ein entsprechendes Kinderbuch kauft. Ausserdem spüren Kinder, wenn man mit ihren Spielkameraden, welche «fremdländische» Merkmale haben, unverkrampft umgeht.

Und wenn die Kinder älter werden?

Je älter die Kinder, desto bewusster können Eltern ihnen Toleranz und Gleichwertigkeit vermitteln. Dies kann zum Beispiel durch gezielte Gespräche über Tagesereignisse in den Medien passieren. Zum Beispiel kann man ausgehend von der «Black Lives Matter»-Bewegung den Kindern altersgerecht ein Stück Kolonialgeschichte vermitteln.

Was gibt es sonst noch für Möglichkeiten in der Familie, um stereotypen Denkweisen vorzubeugen?

Zuerst einmal müssen sich Eltern ihrer eigenen Vorurteile und Bilder im Kopf bewusstwerden und sich immer wieder hinterfragen. Wenn diese Bereitschaft zur Selbstreflexion ein Automatismus wird, kann diese Haltung auch den Kindern vermittelt werden.

Und wenn die Kinder im erweiterten Familienumfeld mit rassistischen oder fremdenfeindlichen Aussagen konfrontiert werden?

Das kam tatsächlich auch in meiner Erfahrung öfter vor, zum Beispiel bei den Grosseltern. Dass die ältere Generation die gegenwärtige demographische Änderung eher kritisch sieht, ist nichts Neues. Wenn sie sich gegenüber den Enkeln entsprechend äussern, ist es für die Eltern wenig ratsam, eine Auseinandersetzung auf politischer Ebene führen zu wollen. Mir scheint wichtig, dass man klare Grenzen setzt und Abmachungen trifft. Schlussendlich sind es die Eltern, die entscheiden, was ihren Kindern wie vermittelt werden soll.

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