Frau Allebes, was kann ich tun, wenn mein Kind trotzt? 

Was soll man Jugendlichen erlauben, was nicht? Wie gehe ich vor, wenn mein Kind trotzt? Die Elternberaterin Rochelle Allebes spricht über verunsicherte Väter und Mütter und sagt, warum eine klare Linie in der Erziehung wichtig ist und wie man als Eltern eine eigene Haltung entwickelt.
Im Hauseingang der Wohnung von Rochelle Allebes in Zürich Wipkingen stehen grosse und kleinere Velos. Die Therapeutin, die mit holländischem Akzent spricht, empfängt uns in ihrer Stube; ein gemütlicher Raum mit viel Holz, dazwischen moderne Möbel und ein grosses Ledersofa. Im Regal finden sich CDs und Kunstbücher, an den Wänden hängen Bilder und alte Fotografien.

Frau Allebes, in der Buchhandlung und im Internet können Eltern heute viele Ratgeberbücher und -seiten über Kindererziehung finden. Wie beurteilen Sie das?
Einerseits kann es ein Zeichen dafür sein, dass Eltern verunsichert sind und sich erhoffen, in den Ratgebern Hilfe zu finden. Andererseits stehen inzwischen viele Mütter und Väter unter dem Druck, ihr Kind richtig zu fördern, und sind deshalb auf der Suche nach einer optimalen Anleitung dafür. Die Karriereplanung beginnt heute schon bei den Zweijährigen. Es gibt jedoch nicht das eine Erziehungsbuch, nach dem sich alle richten können. Die Vielfalt an Ratgebern ist gross, und oft lautet das Fazit, dass Eltern für sich herausfinden müssen, wie sie erziehen wollen, was für sie stimmt. Vielleicht sollten Mütter und Väter etwas weniger in Büchern und im Internet und stattdessen ihre Kinder «lesen»! Eltern sind nämlich Experten für ihre eigenen Kinder!

Was heisst das?
Dass man Kinder als eigenständige, einzigartige Persönlichkeiten wahrnehmen sollte, die einen ganz individuellen Charakter haben. Ich habe kürzlich einen Dokumentarfilm gesehen, darin kam eine Familie vor, die sehr wenig Geld hat. Der Sohn kam eines Tages nach Hause und war sehr beeindruckt von einem Geiger, den er auf der Strasse spielen gehört hatte. Von da an hegte er den Wunsch, auch Geige zu spielen. Die Familie konnte dies dem Knaben nicht ermöglichen. Doch der Vater kam ein paar Wochen später mit einem Geigenbogen nach Hause und schenkte ihn seinem Sohn. Obwohl es fern jeder Realität war, dass der Sohn das Geigenspiel erlernen konnte, hatte der Vater das Bedürfnis seines Kindes gesehen und ernst genommen und versucht, darauf einzugehen. Für den Sohn hiess dies: Mein Vater sieht mich, mein Vater nimmt mich wahr. Interessanterweise bemängeln Jugendliche, die jeweils für die deutsche Shell-Jugendstudie befragt werden, immer wieder genau das: dass sie nicht ernst genommen, nicht gesehen würden, sondern es den Eltern vor allem um ihre Leistungen oder darum ginge, dass sie keinen Alkohol oder andere Drogen konsumierten.

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