Stefanie Rietzler: Stress, lass nach!
Elternbildung

Stress, lass nach!

Wie wir uns in Krisensituationen verhalten, ist sehr unterschiedlich. Manche lesen alles, was sie zu dem Thema finden können, während andere Informationen regelrecht von sich fernhalten. Das kann in Familien zu Konflikten führen.  
Text: Stefanie Rietzler
Illustration:
Petra Dufkova / Die Illustratoren
Flitterwochen: die erste gemeinsame Reise ausserhalb Europas. Wir sind im Paradies gelandet! Schneeweisser Sand funkelt im Licht der untergehenden Sonne, das Meer liegt türkisblau da, Palmen wiegen sich sanft in der Meeresbrise. Hand in Hand spazieren wir am ersten Abend hinunter zum Strand, wo Tische für ein ­Candle-Light-Dinner aufgebaut wurden. Wir setzen uns und lächeln. 

«Was machst du da?», frage ich, während mein Mann die Ärmel seines Hemds nach oben krempelt und unter dem Tisch aus seinen Schuhen schlüpft. «Mir ist warm, und schau wie gemütlich, alle sind barfuss.» 

«Wusstest du, dass es hierzulande Hakenwürmer im Sand gibt? Fiese Parasiten, ich habe gelesen, die bohren sich durch die Fusssohle und dann entzündet sich alles», murmle ich, während ich in meiner Tasche nach dem Insektenschutzmittel ­krame. Warm ist mir auch mit meinen langen Ärmeln und dem leichten, hellen Schal, wie in der Reise­empfehlung beschrieben. Schliesslich sind die Malariamücken jetzt in der Dämmerung besonders aktiv! Und dann die ­Frage, die ich mir besser gespart hätte: «Ähm, Schatz, willst du dich vielleicht auch noch einsprühen, da an den Armen? Weil die Malaria­mücken ...» Schweigen. «Das ist jetzt aber nicht dein Ernst?»

Wir alle werden immer wieder mit Unsicherheiten oder potenziellen Bedrohungen konfrontiert: ob mögliche Gefahren bei einer Reise, eine frisch diagnostizierte Erkrankung, Medienberichte über Kriminalität oder ein neues Virus in ­unserer Umgebung, Artikel über «Erziehungsfehler, die uns in 20 Jahren teuer zu stehen kommen» oder eine Empfehlung der Schule, das eigene Kind abklären zu lassen. 

«Jetzt lass es doch auf dich zukommen» 

Wie gehen wir mit potenziellen Bedrohungen um? Dieser Frage geht die psychologische Forschung seit Jahrzehnten nach, wobei immer wieder zwei Tendenzen zum Vorschein kommen: Manche Menschen sind Informationssucher. Sie wollen mehr über die mögliche Gefahr wissen, recherchieren ausgiebig im Internet, kaufen sich Ratgeber, möchten sich mit anderen darüber austauschen und dadurch Sicherheit erlangen. 

Dem gegenüber stehen Menschen, die eher informations­ver­meidend sind. Sie ziehen es in ­an­gespannten oder potenziell bedrohlichen Situationen vor, das Thema auszublenden, sich abzulenken und zu entspannen. 

Viele Konflikte in der Familie oder in Freundschaften entzünden sich an diesen gegensätzlichen Tendenzen. Wie ist das bei Ihnen? Anhand der folgenden «Beispielvorwürfe» wird Ihnen die Einschätzung leichtfallen.
Sind Sie ein Informationssuchender oder ein Informationsvermeider? Machen Sie den Test.
Sind Sie eher ein Informationssuchender und Ihr Gegenüber ein -vermeider, dann ärgert Sie dessen vermeintliche Passivität und Gelassenheit:

  • «Das scheint dich überhaupt nicht zu interessieren – das kann ja wohl nicht wahr sein!»
  • «Man kommt gar nicht zu ihm durch. Er ist total verstockt.»
  • «Immer machst du alles mit dir alleine aus.»
  • «Nur weil du so tust, als wäre das Problem nicht da, geht es auch nicht weg.»
  • «Du lässt mich total allein damit. Ich will doch auch nur vorbereitet sein und keine bösen Überraschungen!»

Im umgekehrten Fall stören Sie sich an der offenbar unendlichen Problemseziererei Ihres Gegenübers:

  • «Jetzt kommst du schon wieder mit diesem Thema. Darf man sich auch einfach mal entspannen?»
  • «Lass es doch einfach auf dich zukommen!»
  • «Jetzt entspann dich mal und beschäftige dich nicht dauernd damit.»
  • «Muss man alles zerreden? Das bringt doch jetzt auch nichts, sich darüber Gedanken zu machen, es kommt, wie es kommt.»
  • «Das hatten wir doch besprochen, was ist denn jetzt schon wieder?»

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