Elternbildung

Eltern-Burnout: Lässt sich der Zusammenbruch verhindern?

Viele Eltern fühlen sich überfordert und ausgebrannt. Der tägliche Spagat zwischen Beruf und Familie ist nur schwer zu bewältigen, dazu kommen Anforderungen der Schule, Fahrdienste, Festivitäten. Was führt in die Erschöpfung? Was aus einem Burnout heraus? 
Text: Claudia Füssler
Bilder: Plainpicture und iStock
Die Präsentation für das neue Projekt vorbereiten, für das Abendessen mit den Schwiegereltern einkaufen, der Tochter bei den Englischaufgaben helfen, einen Kontrolltermin beim Zahnarzt vereinbaren, den Sohn zum Tanztrai­ning fahren, Muffins für das Nach­barschaftsfest backen: Eltern sind Zirkuskünstler. Sie versuchen, immer so viele Bälle wie möglich gleichzeitig in der Luft zu halten. Die Bälle wechseln mit zunehmen­ dem Alter der Kinder, doch weniger werden es nie.

Das hat Folgen: Immer mehr Eltern fühlen sich überfordert und erschöpft. Der moderne Familienalltag ist zu einem Gesundheits­risiko geworden. In Zahlen belegen lässt sich das kaum, niemand in der Schweiz zählt erschöpfte Mütter und Väter. In Deutschland allerdings schon. Das Deutsche Müttergene­sungswerk ermöglicht Müttern – und auch Vätern – Kurmassnahmen und führt kontinuierlich Statistik. Jährlich nehmen 40'000 Mütter das Angebot in Anspruch. Die Zahl der Kurmütter mit Erschöpfungssyn­dromen bis hin zum Burnout, mit Schlafstörungen, Angstzuständen, Kopfschmerzen oder ähnlichen Erkrankungen ist in den vergangenen 15 Jahren von 48 Prozent auf 97 Prozent gestiegen. 

Online-Dossier Burnout

Burnout: Wenn Eltern erschöpft und ausgebrannt sind. Doch auch Kinder und Jugendliche sind immer mehr betroffen. Ursachen, Symptome und Wege aus der Krise, lesen Sie in unserem Online-Dossier «Burnout».

Eine vergleichbare Organisation gibt es in der Schweiz nicht, doch Experten gehen davon aus, dass die Zahlen ähnlich sind. Wenn nicht gar noch höher: Dadurch, dass die Elternzeit in der Schweiz deutlich kürzer ausfällt, greift die Doppelbelastung Familie und Beruf viel früher.

Welches aber sind die Ursachen für die zunehmend erschöpften Eltern? Und was können Familien tun, um im besten Fall gar nicht erst in eine Überforderung zu geraten? Auf diese und andere Fragen will dieses Dossier Antworten geben.
Ständiger Zeitdruck, die berufliche Belastung und die Vereinbarung von Kinder und Beruf sind für Mütter Hauptbelastungsfaktoren.
Immer mehr Expertinnen und Experten beschäftigen sich mit dem Phänomen Eltern-Burnout. «Mütter wollen dem hohen Erwartungsdruck gerecht werden und suchen häufig erst dann professionelle Hilfe, wenn sie nicht mehr funktionieren können», schätzt Anne Schilling, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks, die Situation ein.

Die drei Hauptbelastungsfaktoren, die die Mütter angeben, sind ständiger Zeitdruck, die berufliche Belastung und Probleme, Kinder und Beruf zu vereinbaren.

«Es lastet zu viel auf zu wenigen Schultern», sagt Marlene Held. Die psychologische Psychotherapeutin am Inselspital Bern beobachtet, dass Eltern in der Kernfamilie oft alleine gelassen werden. Das Risiko einer chronischen Erschöpfung sei deshalb hoch: «Dadurch, dass viel aufs Individuum abge­wälzt wird, entsteht ein grosser Druck bei den Eltern.»

Hinzu kommen die gestiegenen Ansprüche in der Leistungsgesell­schaft. Immer schneller soll immer mehr erledigt sein, wir werden von Reizen überflutet und ertrinken in gewollten und ungewollten Informationen. Wer eine Familie führt, ist 24 Stunden am Tag verantwort­lich. Schule, Job und Freizeit sind eng durchgetaktet und gleichzeitig ein höchst fragiles Konstrukt. 

Kleine Einbrüche im System – Kind krank, Hütedienst fällt aus – rauben schnell viel Energie. «Auch bei Alltagsrou­tine ohne Zusatzbelastungen ist das Leben mit Kindern in der Kleinfamilie einerseits sehr bereichernd, andererseits fordernd bis überfor­dernd», so Marlene Held. Ihr ist wichtig zu betonen: Das ist völlig normal.

Familien leiden unter der Isolation

Evolutionär gesehen lebt der Mensch am besten in Verbünden: früher in Stämmen, später in Grossfamilien. Eltern unterstützen sich gegenseitig, helfen sich aus, schauen auch nach den Kindern der anderen, machen Besorgungen füreinander. Eine Kleinfamilie kann nicht mehr auf solche Strukturen zurückgreifen. Sie muss sie sich daher schaffen. «Das afrikanische Sprichwort, um ein Kind zu erziehen, brauche es ein ganzes Dorf, ist sehr wahr», sagt Marlene Held, «aber wir leben heute nicht mehr in solchen Verbünden.»

Es sind meist die eigenen Ansprüche, an denen perfektionistisch veranlagte Eltern scheitern. «Die Anforderungen, die sich Eltern mit sehr hohen Ansprüchen selbst auferlegen, finde ich problematisch», sagt Stephanie Hefti, Psychologin an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Denn: Je höher der Anspruch, desto eher kann ich ihm nicht gerecht werden.

Das Elternsein an sich sei schon eine grosse Herausforderung, so Hefti, das mache ja jeder zum ersten Mal. «Immer alles abdecken und leisten zu wollen, was theoretisch möglich ist, ist unrealistisch und führt häufig zu einer Überforderung», erklärt Hefti. Es ist okay, wenn abends mal kein selbstgekochtes Biogericht auf dem Tisch steht und der 8-Jährige nur ein Hobby betreibt statt vier. Hefti rät Eltern zu versuchen, die eigenen Bedürfnisse wieder mehr wahrzunehmen. In sich hineinzuhorchen und sich zu fragen: Was möchte und kann ich leisten? Wo sind meine Belastungsgrenzen?
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Hilfe müsste niederschwellig angeboten werden ...

Eine ständige Überforderung und das Ignorieren der eigenen Bedürfnisse über einen längeren Zeitraum können beispielsweise zu Schlafstörungen, Ängsten oder gar einer Erschöpfungsdepression führen. Deshalb sei es wichtig, das eigene Körperalarmsystem ernst zu nehmen, betont Hefti. 

Alarmiert sein sollte, wer über einen längeren Zeitraum merkt, dass er oder sie häufig gereizt und dünnhäutig ist, dass Lärm als sehr belastend wahrgenommen wird, dass man sich von seinen Kindern emotional distanziert fühlt und Schlaf nicht mehr erholsam ist.
Wenn Über-den-eigenen-Kräften-Schaffen ein Dauerzustand ist, wird es höchste Zeit zu Handeln.
Wenn zwei Wochen Ferien nicht mehr reichen, um die Batterien wieder aufzuladen, sondern sich das Verausgaben und Über-den-eigenen-Kräften-Schaffen ein Dauerzustand sind, ist es höchste Zeit zum Handeln. «Das Erkennen, dass ich am Anschlag bin, ist der wichtigste Schritt und zugleich der schwerste», sagt die Psychologin. «Zuzugeben, dass einen etwas überfordert und man nicht dem perfekten Bild entspricht, das man von sich als Elternteil hat, fällt vielen nicht leicht.» 

Die Psychologin hat die Erfahrung gemacht, dass viele erst dann Hilfe suchen, wenn sie schon deutlich unter psychischen Problemen wie Schlafstörungen, Ängsten oder depressiven Verstimmungen leiden. Dabei sei es sinnvoller, diesen Weg bereits bei den ersten Warnzeichen zu gehen.
«Im Bett liege ich noch lange wach, weil mir durch den Kopf geht, was ich alles noch erledigen muss» , sagt Munia, Alleinverdienende für ihre Familie.
«Im Bett liege ich noch lange wach, weil mir durch den Kopf geht, was ich alles noch erledigen muss» , sagt Munia, Alleinverdienende für ihre Familie.
«Präventiv zu schauen, was es für Hilfe und Unterstützung braucht, damit man nicht krank wird, ist bedeutend einfacher als die Krankheit zu therapieren, zumal sich psychische Erkrankungen wie eine Depression massiv auf den Alltag einer Familie auswirken können», erklärt Hefti. 

Vorhandene Unterstützungsangebote wie Familien- und Elternberatungen, der Elternnotruf oder das Netzwerk Psychische Gesundheit Schweiz seien zu wenig bekannt. Eltern suchten erstaunlicherweise sehr häufig bei Lehrpersonen Rat und Unterstützung. «Dabei ist das nicht deren Aufgabe», sagt sagt die Psychologin. «Es wäre sinnvoll, wenn beispielsweise Haus- oder Kinderärzte entsprechend geschult würden und Informationen über Hilfsangebote niederschwellig an die Eltern weitergeben könnten.»

Über die Erschöpfung im Familienalltag sprechen

Solche Informationen sind ein hohes Gut im Mütterzentrum Bern-West. Es ist ein sonniger Dienstag im Februar, als Tiina Kouva vom Leitungsteam in die Runde verkündet, heute wolle man über Erschöpfung im Familienalltag sprechen. Alle lachen auf. Oh ja, das kenne man. Und jede beginnt ihre Geschichte zu erzählen. Keine davon handelt von einer Mutter, die Familie, Haushalt und Beruf perfekt unter einen Hut bringt.

Munia zum Beispiel hat zwei Kinder im Teenager-Alter und einen Haushalt zu betreuen, sie arbeitet als Reinigungskraft und zusätzlich einmal die Woche im Mütterzentrum. Sie ist Alleinverdienerin der Familie, ihr Mann ist schwer krank und kann nicht mehr arbeiten. Die Kinder drücken sich wo immer möglich vor der Hausarbeit, für lange Debatten und Streit fehlt Munia die Kraft. «Eigentlich müsste ich jeden Abend um zehn ins Bett gehen, um genügend Schlaf zu bekommen, doch das schaffe ich selten. Und wenn doch, liege ich noch lange wach, weil mir durch den Kopf geht, was ich alles noch erledigen muss», erzählt die studierte Ingenieurin. 

Trotz aller Sorgen ist es ihr gelungen, sich eine kleine Insel zu schaffen: mit einem eigenen Garten. Hier baut sie Auberginen, Kürbisse und Bohnen an, am Rand der Beete wachsen Blumen. Bei der Gartenarbeit, sagt Munia, könne sie wunderbar abschalten, «das macht mir einfach Spass».

Bleibt bei der Aufteilung der Familienarbeit alles beim Alten?

Die beruflichen Möglichkeiten für Frauen haben sich in den vergangenen Jahren in der Schweiz stark verändert. Im Vergleich zu früher gehen mehr Mütter neben der Familienarbeit auch einer Erwerbsarbeit nach. «Dennoch bleiben die Kinderbetreuung und der Haushalt hauptsächlich bei den Frauen», sagt Sonja Pihan, Leiterin des Mütterzentrums Bern-West. «Bei Familien mit Migrationshintergrund erleben wir das oft sogar noch ausgeprägter als bei Schweizer Familien.»

Hinzu komme, dass bei den modernen Kleinfamilien oft das soziale Netz wegfalle, weil die jungen Leute nicht mehr in dem Dorf bleiben, in dem sie aufgewachsen sind. Und Grosseltern sind heute einfach körperlich fitter und damit unternehmungslustiger, sie verfolgen ihre eigene Agenda und lassen sich ungern auf reguläre Hütedienste für die Enkel festlegen.
«Der Umgang miteinander ist wertschätzend, wir reden offen über Probleme, versuchen zu helfen und Ratschläge zu geben»
Tiina Kuova, aus dem Leitungsteam des Mütterzentrums Bern-West.
Das Mütterzentrum versteht sich als ein öffentliches Wohnzimmer mit Garten. Viele Frauen geniessen es, sich hier einfach mal hinsetzen und einen Kaffee trinken zu können, während jemand anderes nach den tobenden Kindern schaut. «Der Umgang miteinander ist wertschätzend, wir reden offen über Probleme, versuchen zu helfen und Ratschläge zu geben», sagt Tiina Kouva und weist auf ein grosses Hängeregal: Broschüren und Flyer zu Hilfsangeboten für Eltern, Mütter und Frauen in ganz Bern sind da versammelt.

«Die grösste Kritikerin einer Mutter ist immer eine andere Mutter», sagt Suela Kasmi, ebenfalls aus dem Leitungsteam. «Wir achten daher sehr darauf, dass wir uns hier Komplimente machen und uns gegenseitig bestärken, schliesslich sind wir alle mehr oder weniger in der gleichen Situation.» 

Und jeder Mutter, so die Erfahrung im Mütterzentrum, tue es gut, wenn sie gesehen und ihre Arbeit geschätzt werde. Mitunter, sagt Kas­mi, müsse man dafür überhaupt nicht mehr tun als einfach da sein und zuhören.

Auch Väter leiden unter der Doppelbelatung

Doch auch wenn die Hauptbelastung für Haushalt und Kinder nach wie vor bei den Müttern liegt, gibt es durchaus Väter, die ihren Teil bei­tragen und unter der Doppelbelastung durch Familie und Beruf eben­ so leiden wie ihre Frauen. Stefan*, 40, aus Luzern zum Beispiel. Er arbeitet 80, seine Frau 60 Prozent. An den Tagen, an denen sie früh ins Büro muss, übernimmt er es, den jüngeren der beiden Söhne in die Krippe zu bringen. Nachmittags holt er ihn wieder ab, fährt danach zum Hort, um dort den grossen Sohn mitzunehmen. 

«Ich kann an diesen Tagen keine Geschäftstermi­ne an den Randzeiten wahrnehmen, und wenn die Kinder krank sind, bleibe ich ebenso mal zu Hause wie meine Frau, wir teilen uns das», erzählt Stefan. Sein Arbeitgeber hat Verständnis dafür, doch selbstver­ständlich ist das nicht.

Erklären Sie Ihrem Kind, warum Sie gereizt reagiert haben

Welche Wege führen aus der Überforderung? Ein guter Rat lautet: Baut euch ein Dorf! Mit Nachbarn, Freun­den, Bekannten, offiziellen Unter­stützungsangeboten. Das muss nicht immer Geld kosten. So könnten sich zwei befreundete Familien beispielsweise zum Putzen zusammentun, schlägt die Psychotherapeutin Marlene Held vor. Man trifft sich in der einen Wohnung, ein Erwachsener spielt in Ruhe mit den Kindern, der andere schrubbt Küche und Bad. Später dann umgekehrt. 

«Davon profitieren alle. Die Kinder sind gut betreut und die Küche ist danach wirklich sauber», sagt Marlene Held. «Auch dem sogenannten sekundären Stress wird vorgebeugt. Der stellt sich nämlich ein, wenn ich das Kinderhüten und Putzen gleichzeitig übernehme und dann das Gefühl habe, ich habe es nicht gut gemacht, weil ich bei keinem von beiden richtig dabei war.»

So normal, wie der Erschöpfungszustand ist, so normal sollte es auch sein, mit seinen Kindern darüber zu reden. Mitunter können Überforderung und Müdigkeit zu einem harschen Ton gegenüber dem Kind, zu hohen Erwartungen oder Kritik führen. Den Kindern schadet das nicht, wenn es nur punktuell vorkommt und ansonsten viel Wertschätzung und Zuneigung gegeben werden kann.
Wenn der Stress über einen längeren Zeitraum anhält, sollten Sie mit  den Kindern darüber sprechen.
Wenn der Stress über einen längeren Zeitraum anhält, sollten Sie mit  den Kindern darüber sprechen.
Wichtig ist, dass für die Kleinen immer eine Bezugsperson präsent ist, vor allem dann, wenn der Stress über einen längeren Zeitraum anhält. Und: dass man darüber redet. «Wie ausführlich das möglich ist, hängt vom Entwicklungsstand des Kindes ab», sagt Marlene Held, «aber meist verstehen die das schon sehr gut. Ich würde das dann zum Beispiel so erklären: Mami war gerade sehr müde und hat wütend reagiert. Das tut mir leid. Manchmal ist es auch für mich schwierig, wenn ich müde bin. Dann muss ich schauen, wie ich selbst wieder fitter werde. Wie war das für dich? Das ist nicht angenehm, wenn jemand wütend ist, gell? Aber manchmal kann es auch vorkommen. Nächstes Mal versuche ich, ruhiger zu reagieren. Ich könnte es so machen ... Und dann gemeinsam mit dem Kind einen Vorschlag überlegen, vielleicht auch etwas mit Humor.»

Wann ist professionelle Hilfe nötig?

Gemeinsam Bücher anzuschauen, die Gefühle zu thematisieren, kann auch eine gute Hilfe sein. Ist die Erschöpfung lang anhaltend und extrem ausgeprägt, stellen sich Gefühle von Verzweiflung und Freudlosigkeit ein, so ist es ratsam, eine professionelle psychotherapeutische Unterstützung aufzusuchen, um einem Burnout vorzubeugen.

Die stetig steigenden Erwartungen, die die Gesellschaft an Eltern hat und Eltern an sich selbst haben, übertragen sich häufig auch auf den Nachwuchs. Statt drei oder vier haben viele Paare heute nur noch zwei Kinder – und die sollen um jeden Preis ein Erfolg werden.

Dreijährige werden in Chinesischkurse geschickt, die erste Klavierstunde gibt es mit fünf Jahren, und wenn der Zehnjährige mal nicht ganz mitkommt in Mathe, wird dreimal die Woche Nachhilfe angesetzt. Das stresst nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern – organisatorisch und emotional. Und ist weit weg vom intrinsisch motivierten Lernen.

«Eine möglichst frühe kognitive Förderung ist das Beste fürs Kind – diese Annahme ist weit verbreitet und leider falsch», sagt die Erwachsenenbildnerin Paula Duwan aus Bern. «Wir wissen aus der Bindungsforschung und der Entwicklungspsychologie nach Gordon Neufeld, wie wichtig die ersten sechs Lebensjahre im Hinblick auf die Bindung sind und wie entscheidend es ist, dass Kinder nicht zu früh unter Druck geraten. Zudem ist heute bekannt, dass Kinder sich insbesondere im freien Spiel, ohne Druck und angstfrei bestens entwickeln.»

Der Teufelskreis aus Druck, Problemen und noch mehr Druck

Frühe Massnahmen seien zwar meist gut gemeint, schliesslich wolle jeder die besten Chancen fürs eigene Kind, gingen aber auf Kosten der inneren Reifwerdung. Dann passiere es, dass völlig normale Verhaltensweisen wie Unbeschwertheit, natürlicher Bewegungsdrang oder Impulsivität als problematisch gesehen werden. «Jede kleine Unregelmässigkeit landet heute beim Kinderarzt oder gar Therapeuten, das bedeutet noch mehr Druck für die Eltern: Irgendwas, so die Botschaft, stimmt ja mit meinem Kind nicht», so Duwan. 

Daraus entstehe ein Teufelskreis: Den Druck geben die Eltern – häufig unbewusst – an die Kinder weiter, die reagieren mit einer blockierten emotionalen Entwicklung und daraus resultierenden Problemen, die wiederum die Eltern ratlos machen und unter Druck setzen. Das Gefühl stellt sich ein, die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu haben.
«Wer Vertrauen in sein Kind und dessen Entwicklungsfähigkeit hat, wird automatisch entspannter.»
Paula Diwan, Erwachsenenbildnerin.
Diagnosen, die in solchen Situationen gestellt werden, mögen vielleicht für den Moment passend erscheinen, können die Kinder aber auch völlig unnötig stigmatisieren, warnt Paula Duwan. Sie empfiehlt Eltern, stattdessen auf die Zeit zu setzen und sich darauf zu konzentrieren, eine gute Bindung zum Kind aufzubauen.

Wer Vertrauen in sein Kind und dessen Entwicklungsfähigkeit habe, werde automatisch entspannter und habe nicht das Gefühl, den Nachwuchs ständig in die gewünschte Richtung zerren zu müssen. «Die starke Bindung hat auch den Vorteil, dass das leider noch sehr weit verbreitete Erziehungsinstrument des Belohnens und Bestrafens überflüssig wird – denn auch das bedeutet emotionalen Stress für die Eltern», sagt Duwan.

Oft hört die Erwachsenenbildnerin das Argument, man habe keine Zeit, sich noch mehr mit den Kindern auseinanderzusetzen. In vielen Familien reduziert sich die gemeinsame Zeit an einem Tag auf das Abendessen und das Zubettbringen. «Das reicht aber nicht», so Duwan, «Kinder brauchen auch Alltagszeit mit den Eltern.» Gerade ältere Buben und Mädchen können problemlos beim Aufräumen, Einkaufen oder Kochen dabei sein – und die Eltern müssen sich nicht permanent zwischen den Anforderungen aufteilen, sondern können zwischen Spaghettibolognese und dem Wegsortieren der Autorennbahn erfahren, was ihr Kind gerade so bewegt.

Sich auf das konzentrieren, was gut läuft

Dass Eltern ihre Agenda entrümpeln, ist ein oft gegebener und enorm wichtiger Ratschlag, um einer Erschöpfung vorzubeugen oder ihr zu begegnen. Mindestens genauso bedeutend ist es aber, auch auf die Agenda der Kinder zu schauen. Viele kennen gar keinen Nachmittag ohne Termine und Verabredungen. Wenn Duwan Bekannten erzählt, dass sie gerne mit ihrem zwölfjährigen Sohn auf dem Sofa sitzt, beide lesen und zwischendrin plaudern, staunen die. Gemütlich zu Hause sitzen? Das ist den meisten Kindern doch viel zu langweilig. 

«Das ist es in der Tat, weil viele Kinder solche Ruhephasen bei ihrer täglichen Agenda gar nicht gewohnt sind», sagt die Erwachsenenbildnerin. «Allerdings ist das ein Phänomen, das sich gut entwickeln lässt.» Nicht stur an Terminplänen und eigenen Ideen festzuhalten, kann auch in besonders anstrengenden Phasen wieder etwas mehr Ruhe in die Familie bringen. 
Eine elementare Eigenschaft für entspannte Eltern ist es, sich an neue Situationen anpassen zu können. Das Leben mit Kleinkind und Säugling bietet andere Herausforderungen als eines mit zwei schulpflichtigen Kindern oder einem Teenager, der sich höchstens zu den Mahlzeiten blicken lässt und dann während des Essens auf dem Smartphone daddelt.

«Es kann eine echte Hilfe sein, sich darauf zu konzentrieren, die Dinge zu stärken, die gut laufen, und die Dinge, die gerade schwierig sind, so gut wie möglich zu überbrücken», sagt Paula Duwan. Mit anderen Worten: Die Dinge nehmen, wie sie sind, und das Beste draus machen.

Doch wer so gelassen werden will, muss sich von vielen Ansprüchen verabschieden. Und akzeptieren, dass von den vielen Bällen, die man so gerne in der Luft halten möchte, auch mal einer runterfällt. Die Kunst besteht darin, ihn liegen zu lassen und lächelnd mit den Schultern zu zucken: Passiert.

* Namen geändert

Zur Autorin:

Claudia Füssler ist freie Journalistin und wohnt in Freiburg im Breisgau. Sie versucht regelmässig, Teil eines afrikanischen Dorfes zu sein: Sie hütet die Kinder von Freunden, damit die mal eine Runde in der Badewanne abtauchen oder einen romantischen Abend geniessen können.

Was in der akuten Überforderung hilft

Wenn Schlafstörungen, Gereiztheit und das Gefühl der ständigen Überforderung nicht mehr aufhören, kann es hilfreich sein, einmal hart auf die Bremse zu treten. Vor allem dann, wenn ein Blick auf die nächsten Tage mit dem Gefühl «Das schaffe ich nie» einhergeht, ist ein sofortiger Stopp sinnvoll.
  • Versuchen Sie, sich ein, zwei Tage Freiraum zu schaffen. Vielleicht kann der Partner oder die Partnerin mit den Kindern wegfahren oder sie übernachten mal bei Freunden.

  • Nutzen Sie die Zeit, um ihre Agenda für die anstehenden Tage zu durchforsten: Was können Sie absagen? Welcher Termin muss zwingend sein? Meist ist das tatsächliche «Muss» sehr viel kleiner als das gefühlte.

  • Sagen Sie so viele Verabredungen wie möglich ab, nehmen Sie sich eine kleine Auszeit und – ganz wichtig – spüren Sie in sich hinein: Wie können Veränderungen aussehen? Wo können Sie Unterstützung finden? Wen können Sie um Rat fragen?
Wenn Sie in einer solchen emotionalen Krise ein Ohr zum Zuhören brauchen, finden Sie Hilfe beim Elternnotruf und bei der Elternberatung.

Es hängt nicht alles von den Eltern ab

Eltern neigen dazu, sich für alles verantwortlich zu fühlen, was mit ihren Kindern zu tun hat: für den schulischen Erfolg des 10-Jährigen, für den einzuschlagenden Berufsweg der 16-Jährigen. Peter Sumpf, Leiter des Elternnotrufs, empfiehlt, sich klarzumachen, dass eben nicht alles von einem selbst abhängt.

Es ist nicht die Schuld der Eltern, ob ein Kind etwas tut oder nicht tut. Dem Kind und seiner Entwicklung müsse Raum gegeben werden, in vertretbaren Grenzen. Sich weniger verantwortlich zu fühlen, hilft dabei, in schwierigen Momenten toleranter mit sich selbst umzugehen und die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen.

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3 Kommentare

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Von Noa am 15.04.2019 09:50

Den ganz normalen Alltagsstress mit Arbeiten, 3 Kindern, Haus, Haushalt, Schule etc. fand ich irgendwie noch bewältigbar. Seit mein Sohn vor 6 Jahren an Typ1 Diabetes erkrankt ist, braucht es viel weniger, um an meine Grenzen zu kommen.
Jahrelang mein Kind fast 24 Stunden überwachen, das geht nicht spurlos an einem vorüber. Leider gibts da keine Entlastung und keine Lösung.
Da viele Eltern das chronisch kranke Kind niemandem mehr zum Hüten geben kann.

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Von Marc am 16.04.2019 08:44

Alles scheint machbar, so lang nicht ein Kind die "Norm" sprengt, ADS oder ähnliches diagnostiziert wird, und dieses eine Kind dann de facto die volle Aufmerksamkeit eines Erwachsenen beansprucht. Wo bleiben dann die, die auch Bedürfnisse haben oder die altersmäßig doch weit auseinander liegen, so dass Aktivitäten und Förderung nicht mehr gleichermaßen erfolgen kann? Bei drei Kindern ist dann immer ein Erwachsener zu wenig da.... Immer und bei allen Aktivitäten.

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Von Noa am 15.04.2019 09:50

Den ganz normalen Alltagsstress mit Arbeiten, 3 Kindern, Haus, Haushalt, Schule etc. fand ich irgendwie noch bewältigbar. Seit mein Sohn vor 6 Jahren an Typ1 Diabetes erkrankt ist, braucht es viel weniger, um an meine Grenzen zu kommen.
Jahrelang mein Kind fast 24 Stunden überwachen, das geht nicht spurlos an einem vorüber. Leider gibts da keine Entlastung und keine Lösung.
Da viele Eltern das chronisch kranke Kind niemandem mehr zum Hüten geben kann.

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