« Eltern sollten vor allem eines: viel mit dem Kind sprechen» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
Merken
Drucken

« Eltern sollten vor allem eines: viel mit dem Kind sprechen»

Lesedauer: 7 Minuten

Entwicklungspsychologe Moritz Daum weiss, was es für eine gute Sprachentwicklung braucht und erklärt, worauf Eltern bei einer mehrsprachigen Erziehung achten sollten.

Interview: Virginia Nolan
Bilder: Rawpixel, Christian Grund / 13 Photo

Herr Daum, im Kindergarten machen viele eine neue ­Spracherfahrung, wenn sie mit Hochdeutsch in ­Berührung kommen. Die Frage, ob Lehrpersonen dieses anstelle von Mundart sprechen sollen, birgt ­Zündstoff. Was meinen Sie dazu?

Im Kindergarten sollen Kinder sich wohlfühlen. Das tun sie, wenn es der Lehrperson ebenso ergeht. Fühlt sich die Lehrperson mit Schweizerdeutsch am wohlsten, soll sie Mundart sprechen. Es ist sicher nicht verkehrt, die Kinder etwas für Hochdeutsch zu sensibilisieren, vielleicht, indem man es einmal pro Woche als Unterrichtssprache wählt.

Fühlt sich die ­Lehrperson mit Schweizerdeutsch am wohlsten, soll sie es sprechen.

Ich halte aber nichts davon, Lehrpersonen diesbezüglich Vorschriften zu machen. Und: Mundart sprechende Kinder kommen auch ausserhalb des Kindergartens mit Hochdeutsch in Berührung, sei es über Lieder, Fernsehen, Hörbücher oder das Vorlesen.

Viele Kinder sprechen zu Hause nicht nur Mundart, sondern auch eine Zweit- oder Drittsprache. Wie prägt Mehrsprachigkeit ihre Entwicklung?

Weltweit gesehen wächst ein grosser Teil der Kinder mehrsprachig auf, diese Konstellation ist also eher die Regel als die Ausnahme. Von einsprachigen Altersgenossen unterscheiden sich mehrsprachige Kinder insofern, dass sie eben mehr als eine Sprache sprechen, und dass Zweit- oder Drittsprachen, mit denen sie aufwachsen, verbunden sind mit unterschiedlichen Denkweisen, Handlungen und Traditionen, einem Plus an kultureller Vielfalt. Auf die Frage, wie Mehrsprachigkeit die Entwicklung prägt, gibt es kaum eine allgemeingültige Antwort – von einem mehrsprachigen Kind lässt sich nicht auf andere schliessen.

Moritz Daum ist Professor an der Universität Zürich und leitet dort die Fachrichtung Entwicklungs­psychologie. Zu seinen ­Forschungsschwerpunkten gehören die ­kognitive Entwicklung von Kindern und ­Mehrsprachigkeit. Der 49-jährige Daum ist verheiratet und Vater dreier Kinder.

In einem Punkt scheint aber die ­Mehrsprachigkeit einen ­Unterschied zu machen: Ihre ­Forschung zeigt, dass sie sich auf die kommunikativen Fähigkeiten von Kindern auswirkt.

Ja, wir haben dazu mehrere Untersuchungen mit Kleinkindern durchgeführt, die einsprachig, also mit Mundart, zweisprachig – mit Schweizerdeutsch und einer nichtdeutschen Sprache – oder sogenannt bidialektal aufwachsen, also in der Konstellation Hochdeutsch–Schweizerdeutsch. Die Befunde zeigen alle in die gleiche Richtung: Die zweisprachigen Kinder reagierten sensibler auf Kommunikationssituationen.

Was heisst das?

Die Kinder wurden etwa gebeten, einem Stoffelefanten vier rote ­Schuhe anzuziehen. Die Versuchsleiterin tat, als suchte sie den vierten Schuh, obwohl sie diesen für die Kinder gut sichtbar in ihrer Hand hielt. Wenn die Kinder sie darauf hinwiesen, dass sich der Schuh in ihrer Hand befinde, gab die Versuchsleiterin vor, sie nicht verstanden zu haben, und zeigte auf ein farbiges Bild.

Wir stellten fest: Zweisprachige ­Kinder gehen stärker auf Bedürfnisse ihres Gegenübers ein. 

Uns interessierte, ob die Kinder die Gelegenheit nutzen, das Missverständnis richtigzustellen, etwa indem sie die Versuchsleiterin erneut auf den Schuh aufmerksam machen. Es ­zeigte sich, dass zweisprachige Kinder dies häufiger taten als jene, die einsprachig oder mit Schweizerdeutsch und Hochdeutsch aufwachsen.

Wie lautet Ihre Erklärung dafür?

Zweisprachige Kinder sind öfter mit herausfordernden Kommunikationssituationen konfrontiert als einsprachige. Beispielsweise haben sie pro Sprache etwas weniger Vokabeln zur Verfügung, als einsprachige Kinder im Repertoire ihrer Muttersprache haben. Sie verwenden daher häufiger unpassende Wörter oder weichen situativ auf ihre Zweitsprache aus.

Das kann zu mehr sprachlichen Missverständnissen führen, die es richtigzustellen gilt. Zudem müssen sich zweisprachige Kinder immer wieder anpassen, je nachdem, mit welchem Familienmitglied sie sprechen. All dies sensibilisiert offenbar ihre kommunikativen Fähigkeiten. Wir stellten auch fest, dass zweisprachige Kinder stärker auf die Bedürfnisse ihres Gegenübers eingingen.

Wie äusserte sich dies?

Wir konfrontierten die Kinder mit zwei Protagonisten, die ein Rätsel lösten – einem Marienkäfer, der sich Unterstützung wünschte, und einem Grashüpfer, der sagte, er wolle keine Hilfe. Wir stellten fest, dass die einsprachigen Kinder zwischen Marienkäfer und Grashüpfer keinen Unterschied machten: Sie halfen beiden in ähnlicher Art und Weise.

Die zweisprachigen hingegen passten ihr Verhalten an. Sie kamen der Bitte des Grashüpfers, ihm die Lösung nicht zu verraten, eher nach. Es gibt auch Forschungsresultate, die zeigen, dass zweisprachige Kinder etwas besser abschneiden als einsprachige Gleichaltrige, wenn es darum geht, sich ins Gegenüber hineinzuversetzen. 

Beeinflusst Mehrsprachigkeit auch die kognitiven Fähigkeiten?

Nach der Jahrtausendwende gab es Studien, die nahelegten, dass mehrsprachige Kinder und Erwachsene einen Vorteil im Bereich der exekutiven Funktionen haben. Zu den exekutiven Funktionen gehören das Arbeitsgedächtnis oder die Selbstregulation, also die Fähigkeit, unsere Aufmerksamkeit gezielt zu steuern und Gefühle zu regulieren.

Mehrsprachigkeit birgt kein Risiko für die Entwicklung. Diese Theorie ist längst widerlegt.

Forscher führten den positiven Effekt auf die Tatsache zurück, dass mehrspra­chige Kinder stets eine ihrer Sprachen «unterdrücken» und sich aktiv auf die andere konzentrieren müssen, je nachdem, mit wem sie sprechen. Und sie müssen situativ ihre jeweilige Zweit- oder Drittsprache abrufen können.

Die Theorie, dass damit Impulskontrolle, Arbeits­gedächtnis und Aufmerksamkeitssteuerung trainiert werden, klingt plausibel. Neuere Forschung zeigt jedoch, dass das Potenzial der Mehrsprachigkeit diesbezüglich sehr viel geringer ist als bisher angenommen. 

Aus welchem Grund?

Die Untersuchungsmethoden sind heute strikter. So wird etwa stärker darauf geachtet, inwiefern Faktoren wie der sozioökonomische Status oder der Bildungsstand der Eltern das Resultat verzerren. Werden solche Variablen berücksichtigt, findet man besagte Vorteile, wenn überhaupt, nur in sehr geringem Ausmass. 

Früher hiess es, Mehrsprachigkeit ­verzögere die Entwicklung.

Anlass für diese Annahme boten Intelligenztests, die man etwa in den USA oder in Wales mit Einwanderern und einsprachigen Einheimischen durchführte. Die Einwanderer schnitten durchwegs schlechter ab – weil die Tests auf Englisch waren und sie die Aufgabenstellung schlecht verstanden oder die Einwanderer oft einen niedrigen sozioökonomischen Status hatten als die Einheimischen.

Daraus schloss man, dass mehrsprachiges Aufwachsen ein Entwicklungsrisiko sei. Die Wissenschaft hat diese Theorie längst widerlegt. Mehrsprachigkeit birgt einzig einen nachweisbaren Nachteil, wenn man so will.

Nämlich?

Mehrsprachige Kinder und Erwachsene haben gegenüber einsprachigen Personen einen etwas kleineren Wortschatz – aber nur in der jeweiligen Sprache. So kennt ein Kindergartenkind, das mit Deutsch und Französisch aufwächst, vielleicht das deutsche Wort für Schlüssel nicht, dafür das französische. Berücksichtigt man beide Sprachen, gibt es keinen Unterschied, was die Grösse des Gesamtwortschatzes betrifft.

Wichtig ist, dass Eltern Situationen schaffen, die Raum und Lust bieten für Austausch.

Eine häufig gestellte Frage lautet auch, ob Mehrsprachigkeit Kindern mit Entwicklungsstörungen wie Triso-mie 21 oder Autismus zumutbar sei. Die Forschung zeigt klar: Ja – auch für diese Kinder birgt sie keine Entwicklungsrisiken.

Worauf sollten Eltern achten, wenn sie ihre Kinder mehrsprachig erziehen?

Eltern sollten, ganz egal in welcher Sprache, vor allem eines: viel mit ihrem Kind sprechen. Je mehr Wörter ein Kind zu hören bekommt und je mehr es diese Wörter selbst anwenden kann, desto mehr hat es später in seinem aktiven Wortschatz.

Dazu gibt es eine Studie aus den Neunzigern, die die Sprachentwicklung von Kindern in Abhängigkeit vom sozioökonomischen Status der Familie untersuchte. Sie zeigt, dass vierjährige Kinder von gut gebildeten Eltern im Verlauf ihrer Entwicklung über 30 Millionen Wörter mehr gehört haben als Gleichaltrige aus bildungsfernen Familien. Wir wissen auch, dass nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der elterlichen Sprache eine Rolle spielt.

Was ist in diesem Zusammenhang wichtig?

Dass Eltern Situationen schaffen, die Zeit, Raum und Lust für Austausch bieten und einen Kontext, in dem sich das Kind wahrgenommen fühlt. Es soll nicht nur als Zuhörer agieren, sondern möglichst viele Gelegenheiten haben, Sprache selbst anzuwenden und auszuprobieren.

Es ist heikel, wenn fremdsprachige Eltern im Umgang mit ihrem Kind auf ihre Muttersprache verzichten, weil sie glauben, es lerne so besser Deutsch.

Es ist wichtig, dass Eltern aufmerksam zuhören, nachfragen und das Kind immer wieder einladen, seine Gedanken mit ihnen zu teilen. All dies sollten wir in der Sprache tun, in der wir uns wohlfühlen, die uns am Herzen liegt und am vertrautesten ist. Nur so vermitteln wir Sprache emotional und überzeugend, in all ihren Nuancen und ihrem ganzen Reichtum.  

Es bringt also nichts, dem Kind eine andere Sprache als die eigene ­Muttersprache vermitteln zu wollen?

Beherrscht man besagte Sprache so, dass man sich in ihr heimisch fühlt, sich differenziert ausdrücken und all die Subtilitäten einer Muttersprache vermitteln kann, spricht aus meiner Sicht nichts dagegen. Nehmen wir demgegenüber an, eine Schweizer Mutter wolle ihrem Kind einen Vorteil verschaffen, indem sie mit ihm Englisch spricht: Klar lernt das Kind dabei etwas – die Frage ist nur, ob es dies in einer so künstlichen Situation mit Freude tut.

Schaden richtet die Mutter damit vermutlich keinen an, das Kind hat ja auch andere Bezugspersonen, die ihm die Umgebungssprache authentisch und solide vermitteln. Ob das Ganze etwas bringt, ist fraglich. Heikler ist es, wenn fremdsprachige Eltern im Umgang mit ihrem Kind auf ihre Muttersprache verzichten, weil sie glauben, es lerne so besser Deutsch.

Warum ist das problematisch?

Wenn die Eltern mit dem Kind fehlerhaftes Deutsch sprechen, statt ihm die fliessend beherrschte Muttersprache zu vermitteln, kriegt das Kind zu Hause weder Deutsch noch die eigentliche Muttersprache der Eltern «richtig» mit.

Besser ist es, wenn Eltern mit ihrer Muttersprache ein Fundament schaffen, auf dem das Kind aufbauen kann – ihm also solide Kenntnisse einer Erstsprache mitgeben, die es später auf die Zweitsprache Deutsch übertragen kann.

Viele Eltern, die Kinder ­mehrsprachig erziehen, setzen auf die Methode «One Person, one Language», kurz OPOL. Was hat es damit auf sich?

Die Idee dahinter lautet: eine Person, eine Sprache. Das heisst, jeder Elternteil spricht mit dem Kind konsequent nur «seine» Sprache. Also die Schweizer Mutter beispielsweise nur Mundart und der argentinische Vater nur Spanisch. Gegen diese Methode spricht nichts. Für die Vorteile, die ihr nachgesagt werden, gibt es allerdings keine wissenschaftliche Grundlage. Viele Eltern haben Angst, etwas falsch zu machen, beispielsweise, wenn sie dem Kind gegenüber Sprachen vermischen.

Aus gutem Grund?

Da kann ich Entwarnung geben: Kinder können bereits im ersten Lebensjahr zwischen den verschiedenen Sprachen unterscheiden, die in der Familie gesprochen werden – und sie auch dann klar zuordnen, wenn die Schweizer Mutter zwischendurch auf Spanisch wechselt oder der argentinische Vater auf Deutsch, um bei unserem Beispiel zu bleiben. Aber: Der OPOL-Ansatz birgt auch keine Nachteile – als ­klare Strategie kann er helfen, Unsicherheiten auf Seiten der Eltern zu reduzieren, und so zur Entspannung beitragen.

Wie können Lehrpersonen im ­Kindergarten mehrsprachige Kinder in ihrer Entwicklung unterstützen? 

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, wie Lehrpersonen darauf reagieren können, wenn mehrsprachige Kinder in ihre Zweitsprache wechseln, weil sie ein deutsches Wort nicht wissen. Angefangen bei der Variante, dem Kind zu sagen, es möge sich bitte auf Deutsch wiederholen, bis hin dazu, es einfach weitersprechen zu lassen, ohne den Sprachwechsel zu korrigieren.

Schön finde ich, wenn Lehrpersonen die Familiensprache der Kinder zum Thema machen.

Ich glaube, im pädagogischen Kontext ist ein Mittelweg sinnvoll. Zum ­Beispiel kann die Lehrperson auf Deutsch wiederholen, was das Kind in seiner Zweitsprache gesagt hat, oder, wenn sie diese nicht versteht, das Kind bitten, zu umschreiben, was es meint. Schön finde ich, wenn Lehrpersonen die in der Klasse vertretenen Familiensprachen immer wieder mal zum Thema machen. 

Wie zum Beispiel?

Vielleicht in Form von Versen, ­Liedern oder kurzen Geschichts­sequenzen, die ein Kind in seiner Familiensprache vorträgt. Vor allem für Kinder, die zu Hause keinen Bezug zur Mundart haben, ist das eine schöne Gelegenheit, zu zeigen: Ich rede nicht nur gebrochenes Schweizerdeutsch, sondern habe auch eine Muttersprache, die ich flies­send beherrsche, in der ich mich zu ­Hause fühle. Oder man hält schriftlich fest, wie Grussformeln in den jeweiligen Familiensprachen lauten, lässt mehrsprachige Kinder ein Znüni aus ihrem Kulturkreis mitbringen. Es geht darum, kulturelle und sprachliche Vielfalt sichtbar zu machen – und davon profitieren alle Kinder, weil es ihre Offenheit und Sensibilität für diese Vielfalt fördert.

Virginia Nolan
ist Redaktorin, Bücherwurm und Wasserratte. Sie liebt gute Gesellschaft, feines Essen, Tiere und das Mittelmeer. Die Mutter einer achtjährigen Tochter lebt mit ihrer Familie im Zürcher Oberland.

Alle Artikel von Virginia Nolan

1 2
Auf einer Seite lesen