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Elternblog

Liebe ist seltsam

Text: Michèle Binswanger
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Manche Gedanken kreuzen so unpassend im Bewusstsein auf, wie ein Clown auf einer Beerdigung. Neulich polterte meine bald 16-jährige Tochter nachts die Treppe herauf, und als ich sie im Gang abfing, fiel sie mir in die Arme. «Es geht mir schlecht!», sagte sie. Sie hatte Bier getrunken, ihr war übel geworden, und sie dachte, sie müsse sterben. «Kann man nichts tun?», heulte sie. Ich streichelte ihr den Kopf und musste lächeln. Man kann nichts tun, dachte ich. Aber wenigstens baut sich der Alkohol schnell ab. Wart nur, bis du dich zum ersten Mal verliebst.

Das dachte ich vielleicht deshalb, weil ich in diesen Tagen meine Tagebücher aus meinen Teenagertagen wieder gelesen hatte. Sie handeln von nichts anderem als der Liebe. Wenn wir lieben, dann sind wir in gewisser Weise genau das: Clowns auf einer Beerdigung. So schrieb ich damals:

«Was immer Liebe ist, sie macht einen lächerlich. Man richtet seine Aufmerksamkeit auf einen Mittelpunkt, den es gar nicht gibt: Wie und wann sehe ich ihn wieder? War er einfach nett und es steckt nichts dahinter? Soll ich ihn zum Essen einladen? Warum ruft er nicht an? Sehe ich ihn heute? Oder morgen? All diese Fragen. Wie hätte ich reagieren sollen, als er mich berührte? Ihn ebenfalls berühren? Nichts ist schrecklicher als die Vorstellung, ich könnte jemandem lästig sein. Aber ich will, ich muss, ich kann nicht anders. Eine lächerliche Figur.»

Aber dann: Ist es nicht die der Liebe eigene Dramaturgie, die das Leben überhaupt erst lebenswert macht?

«Ich finde keine Worte für das, was ich mit X habe. Wir sind in den Bergen. Die Zeit ist unbestimmt, wir könnten mit unseren Fahrrädern zum See hinauf fahren, X könnte zur Tür hineinkommen und wir könnten Sex haben, ich könnte dabei schwanger werden oder wir könnten auch zu Mittag essen. Oder nichts von alledem, alles könnte auch erst morgen geschehen oder morgen könnte es auch regnen. Wieso macht einem der Verlauf der Zeit Angst? Alles ist vergänglich, auch die Liebe.

Oftmals schweigen wir uns einfach an. Wir schlafen zusammen, dann liegen wir da und sehen uns an, ab und zu lacht der eine oder andere, lächelt, wir küssen uns und schweigen. Gestern jedoch brachte ich nach langem Schweigen drei Worte zusammen. ‹Liebe ist seltsam›, sagte ich.

‹Wieso?›

Ich erwog, ihn zu fragen, ob er glaube, im Paradies sei es auch so schön. Dann fragte ich mich, wie man in dieser Welt überhaupt auf so einen Gedanken kommen könne. Eben. Liebe ist seltsam.»

Liebe ist seltsam, das stimmt. «Wie Flipperkugeln werden wir auf eine Reise geschickt, von der wir höchstens wissen, dass sie enden wird. Doch wozu? Ich versuche das, was mir durch die Hände fliesst wie Sand, zu fassen, ihm einen Namen zu geben, den Namen dessen, den ich liebe.»

Die wahre Schönheit der Liebe besteht darin, sie zu verschenken – ob einem Mann, einer Frau, einem Kind, einer Fremden. So dachte ich, und als die Tochter eingeschlafen war, schloss ich leise die Zimmertür.

© Tages-Anzeiger/Mamablog


Zur Autorin

Michèle Binswanger ist Philosophin, Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.

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