Achtung, Achselschweiss!

Unsere Autorin über den mütterliche Oxytocin-Spiegel in der Pubertät und ihre Versteckspiele mit dem Pausenhof-King.
«Es beginnt kurz vor dem 12. Geburtstag. Spielt mein Ältester mit zwei Freunden eine Stunde in seinem Zimmer, riecht es danach wie im Reptilienhaus eines Zoos. Schlagartig überkommt mich die Erkenntnis: Diese Duftwolken sind das Ende der Kindheit. Das Ende watteweicher Patschhändchen und knubbeliger Zehen. Stattdessen: schwitzige Hände, klebrige Haare und Schuhgrösse 42.

Mit Schrecken erinnere ich mich an meine eigenen Jugendjahre, an vulkanöse Talgdrüsen und vergammelte Tage, an denen ich pausenlos Nirvana hörte, mein Taschengeld für traurige Bücher ausgab und von einem Rückentattoo träumte, das mir meine toleranzbehinderten Eltern leider nicht erlaubten. Ach, jung zu sein, war schon immer schwierig.

Ich begutachte meinen Sohn, der gross, schön und ein bisschen grossnasig am Tisch sitzt, den dritten Teller Spaghetti in sich reinschaufelt und mir punktgenau die wichtigsten Ereignisse seines Vormittags mitteilt: ‹Nicolai hat sich wieder geprügelt.› ‹Arabella dachte, Hitler sei ein Fussballer.› ‹Ich brauche superdringend neue Hallenschuhe, Mamaaa!› Die Art, wie er das ‹a› darin betont, verfehlt seine Wirkung nicht. Mein Oxytocin-Spiegel schwillt an, Duftmarke hin oder her. So ein cleveres Bürschchen! Und so hübsch! Und wie er lieb fragt! Nein, die sogenannt schwierigen Jahre sind noch in weiter Ferne. Denn noch kommt er, zusammen mit seinen Geschwistern, freudig angehopst, wenn ich nach Hause komme. Bedankt sich für die Spaghetti. Auch die Strassenseite muss ich noch nicht wechseln, wenn wir uns zufällig begegnen. Küsse sind erlaubt, ja, im häuslichen Bereich sogar erwünscht, vornehmlich abends. Hach.

Das vorpubertäre Kind spürt meine Sentimentalität, räuspert sich und sagt: ‹Mama, ich habe doch bald Geburtstag. Und weisst du was: Ich wünsche mir von ganzem Herzen ein iPhone 6. Wirklich. 64 GB. In Schwarz. Es kostet so 800 Franken, aber du kannst mein Kinderkonto plündern. Mama, ich brauche es unbedingt. Mein Lebensglück hängt davon ab.›
Ich überlege, ob ich die Vorsilbe nicht doch streichen muss. Mir schaudert. Das Handythema haben wir wiederholt diskutiert. Ich war der Meinung, er bekäme eines, wenn er in die Oberstufe kommt. Also nächstes Jahr. Daher versuche ich es mit Ironie: ‹Muss es denn unbedingt ein iPhone sein? Du weisst ja, die Metalle darin zerstören in Afrika ganze Ländereien, und in China schuften arme Frauen für einen Hungerlohn dafür.› Sohnemann wirft mir einen mitleidigen Blick zu. ‹So ein Huaweidingsbums ist totaler Müll. Lieber verzichte ich! Es muss ein iPhone sein, sonst mache ich mich zum Gespött! Überhaupt haben alle anderen ein Handy, alle!›

Seinen Empörmodus zum Anlass nehmend, schleiche ich mich eines Vormittages in die Nähe des Schulhauses, Gassi mit Hund und ein vergessenes Turnsäckli als Vorwand. Tatsächlich: In den Pausen ziehen alle Fünft- und Sechstklässler ihre Handys aus den Taschen und zeigen einander ihre Displays. Sie telefonieren aber nicht etwa, sondern schauen auf das Telefon, grinsen oder dozieren mit der Inbrunst frisch Verliebter über IOS 8 und 9.
Ich begreife: Handys sind Präpubertierendenstatussymbol Nummer eins. Mein Sohn bekommt also zum Geburtstag ein Handy, dessen Innenleben aus dem Kongo stammt. Er ist der Erste mit einem iPhone 6 und damit so etwas wie der Pausenhof-King. Unser ruhiges Leben ist damit allerdings schlagartig vorbei. Denn alle zwei Minuten: Ping! ‹Hi›, schreibt jemand aus dem Klassenchat, worauf 25 andere umgehend mit – Ping! – ‹Hi› antworten. Oder: ‹Nein!› ‹Doch!› ‹Krass›! Ping!

Es beginnt am Morgen, setzt sich am Mittag fort und steigert sich in den Abendstunden. Sogar Netflix ärgert sich und reagiert mit Störungen, weil unser WLAN vollkommen vom eruptiven Kurznachrichtenausstoss in Beschlag genommen wird. Meine Aufforderung, Handyzeiten einzuhalten, wird ignoriert – so viel zu meiner pädagogischen Wirkungskraft. Ich sage Sätze, die ich nie sagen wollte: ‹Dauernd spielst du an deinem Handy, geh doch mal raus, guck nicht so viel Youtube, nein, Facebook gibt’s noch nicht.› Ich steigere mich sogar in die Drohung hinein, für mehrere tausend Jahre Handyzeit zu streichen, wohl wissend, dass diese vollkommen wirkungslos verpuffen wird (obwohl mir die Masslosigkeit daran insgeheim gefällt).

Artikel kostenlos weiterlesen

Registrieren Sie sich gratis und profitieren Sie:

  • Begrüssungsgeschenk: Wahl aus 150 Angeboten
  • Unbegrenzter Zugriff auf über 2’000 Artikel
  • Artikel merken und Lesezeichen speichern
  • Elterntipps und wertvolle Unterstützung
  • 100% kostenlos für Sie
Jetzt Registrieren